Eine toxische Beziehung

„Von Walen und Menschen. Eine Reise durch die Jahrhunderte“ nennt Andreas Tjernshaugen sein Buch und die Fluke eines Wals scheint uns vom Cover zuzuwinken. Das klingt ziemlich neutral. Dennoch wird bald klar, dass es sich beim Verhältnis von Walen zu Menschen um eine wahrhaft toxische Beziehung handelt. Der eine Säuger ist groß, geheimnisvoll und nicht nur ökonomisch wertvoll, der andere Säuger weiß kaum etwas über das luftatmende Meerestier, wittert fette Beute und nutzt ihn bis auf die Knochen aus. MadameWien ist eine Walnärrin und so muss ein Buch mit dem Wort Wal im Titel besprochen werden. Tjernshaugens Bericht aus dem Residenz Verlag ist eine detailreich aufbereitete Geschichte des Walfangs (ab 1864 bis heute), in dem Norwegen, die Heimat des Autors, über Jahrzehnte die Nase vorne hatte.

Als Geschichte eines ganzen Wirtschaftszweigs ist das Buch sehr spannend zu lesen. Wer stieg wann ein, welche Bestände wurden ins Visier genommen, wer arbeitete in der Industrie, wie sah die Lieferkette aus, welche Länder mischten mit, bei der Jagd und beim Konsum? Wie wurde aus den Firmen Lever Brothers und Unie schließlich Unilever?

Auf der Jagd nach Lampenöl, Fischbein, Margarine und in Japan auch Walfleisch wurde eine Walart nach der anderen dezimiert. Und zwar in der Reihenfolge ihrer Küstennähe, Geschwindigkeit und den stetig besser werdenden Möglichkeit, der schieren Größe der Tiere Herr zu werden.

Wer viel über das Leben von Walen wissen möchte, visuell-plastisch beschrieben, wie eine BBC Natur-Dokumentation in Buchform, wird vielleicht enttäuscht sein. Zum einen war das Drama der Wale, dass der Mensch kaum etwas über ihr Leben unter der Oberfläche der Weltmeere wusste. Zum anderen werden biologische Fakten, die technische Weiterentwicklung der Jagdgeräte sowie die wirtschaftlichen und politischen Deals, die einen wirkungsvollen Schutz sehr lange verhinderten, eher nüchtern aufbereitet.

Team „Captain Ahab“ ist lange im Vorteil, auch wenn Walfang anfangs ein wirklich lebensgefährlicher Job und die Bestände reich waren. Team „Moby Dick“ atmet nach 200 Seiten auf, wenn das Walfangmoratorium endlich unter Dach und Fach ist und mehr als 200.000 Blauwale getötet. Doch die Gefahr für die faszinierenden Säuger ist nicht gebannt. Die Meere werden wärmer, die Lärmverschmutzung nimmt zu und die Walfangnation Japan bläst bereits wieder zum Halali auf einige Arten.


Von Walen und Menschen.
Eine Reise durch die Jahrhunderte.

von Andreas Tjernshaugen
Residenz Verlag 2019
253 Seiten
22 Euro

Astrid Kuffner
Astrid ist Wienerin, Working Mum, Wählerin, wählerisch, mag Menschen, Worte und Wale.

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