Energietankstelle mit Wohlfühlfaktor

Farangis Firozian,

Name: Farangis Firozian, geboren 1983 in Bojnūrd/Iran, kam 1989 in Österreich an, wuchs im Innviertel/OÖ auf, ist Unternehmerin und Musikerin und führt die Soul Kitchen. Sie wohnt in Wien Margareten.


Arbeitet man nicht in einem der umliegenden Ministerien, ist die Wahrscheinlichkeit, zufällig in der Soul Kitchen zu landen, eher gering. Im Innenhof der Hinteren Zollamtsstrasse 2b liegt versteckt das Wohlfühlreich von Farangis Firozian. Werktags hat sie es sich hier zum Ziel gesetzt, hungrigen Büromenschen eine gute Mittagspause zu bereiten.

„Oft kommen die Leute, die in der Umgebung arbeiten, völlig geschlaucht hier an. Mir ist bewußt, dass uns die Energie der Nahrung durch den Tag trägt“, erklärt die Gastronomin ihren Anspruch an hohe Qualität. Sie selbst hat einige Jahre in einer Bank gearbeitet und kennt Pangasius- und Würstelmenüs aus Kantinen. „Das ist kein Essen, das dir gute Energie gibt“, ist sie überzeugt.

Doch wie kam es dazu, dass die Absolventin der Wirtschaftsuniversität in Richtung Gastronomie abzweigte? Ihr erstes Lokal, die Brasserie Bits & Bites im 6. Bezirk eröffnete sie noch während des Studiums gemeinsam mit ihrem Freund Stan Binar. Die beiden führten das Fine Dining Restaurant auf gehobenem Niveau und verlangten sich solange alles ab, bis sie an ihre Grenzen stießen. Farangis schrieb gleichzeitig an ihrer Abschlussarbeit, tourte mit ihrer Band durch Europa und stampfte 2015 die Bewegung Refugees welcome to Austria mit 22.000 AnhängerInnen aus dem Boden. Nach fünf anstrengenden Jahren verkauften sie die Brasserie 2019 und Farangis wechselte mit einem neuen Konzept an die Wurzeln des Staatsapparats, wie sie den Standort für die Soulkitchen gerne nennt.

Doch erst zurück ins Jahr 1989. Das Jahr, in dem Farangis gemeinsam mit ihrer Familie am Flughafen Wien landete. Ihre Eltern, beide Hochschullehrer, konnten als politische Flüchtlinge vor der Vollstreckung des Todesurteils gegen den Vater gerade noch den Iran verlassen. Durch Kontakte zur Regierung und mit Hilfe der UNO schafften sie es in ein Flugzeug, welches Richtung Australien abheben sollte. Soweit der Plan.

Umso erstaunter war die Familie, als sie bei der Einreise in Österreich die Verwechslung bemerkten. Ein Schreibfehler in ihren Visa hatte sie über New Dehli nach Austria geführt. Die Eltern beschlossen kurzerhand, mit ein paar australischen Dollars in der Tasche im Herzen Europas einen Neuanfang zu wagen. Kein Wunder also, das aus ihrer eigenen Geschichte die Flüchtlingsthematik für Farangis, selbst längst Österreicherin, immer präsent ist. Die Zustände 2015 in Traiskirchen fand sie schrecklich, nicht vergleichbar mit ihrer Zeit des Ankommens. Kurzum gründetet sie mit anderen den Verein Refugees welcome to Austria. Sie bezeichnet sich selbst als ruhige Menschenrechtsaktivistin und arbeitet leidenschaftlich gerne mit KollegInnen, die ihre Stärken ausleben.

Eine weitere Leidenschaft gehört der Musik, auch wenn ihr heute die Zeit dazu fehlt. 2011 veröffentlichte sie unter dem Künstlernamen Nomadee ihr Album Daydreams. Sie performte und recordete 2 Alben mit 'I-wolf and The Chainreactions', einem Projekt von Wolfgang Schlögl von den Sofasurfers. Mit der Konstellation Delladap war sie 3 Jahre auf Tour und veröffentlichte 2 Alben. Untertags nahm sie im Tour-Bus Reservierungen für die Brasserie entgegen und organisieret die Abläufe, am Abend stand sie auf der Bühne. „Das war eine dichte Zeit, aber ich möchte sie nicht missen. Musik ist viel für mich, dennoch musste ich irgendwann einfach kürzer treten. Nichts habe ich nur halb gemacht." Sie brauche sehr wenig Schlaf, daher ging es sich eine Zeit lang ganz gut aus, erzählt Farangis rückblickend. Als das Burnout anklopfte, war erst einmal Schluss. Auch ihr Freund Stan beschloss, zu seinem Studium zurückzukehren, heute unterstütz er sie konzeptionell in der Soul Kitchen.

Während ihres BWL-Studiums hatte sich Farangis intensiv mit 'Corporate Social Responsibility' auseinander gesetzt. Als Assistentin für Christoph Wildburger bei der International Union of Forest Research Organizations begeisterte sie sich dort bald für Themen, die Nachhaltigkeit betreffen, wie unter anderem 'Reforestation & Forest' und 'Food Security'. Dort hatte sie einige Schlüsselerlebnisse. Farangis schrieb ein Konzept, das ein komplett nachhaltiges Business abbildete. Als Fallbeispiel wählte sie „mit einem Restaurant ein cooles Tool, um alles anzuwenden, was ich im BWL Studium gelernt hatte. Die Logistik, die internen Abläufe, das Marketing, die Input- und Output-Güter, all das interessierte mich und natürlich vor allem das Thema Nachhaltigkeit. Das Konzept schrieb ich eigentlich für mich, aus reinem Interesse. In die 'Corporate Social Responsibility' direkt hinein zu gehen war für mich allerdings keine Option, viel eher eine Augenauswischerei.“

Die Soul Kitchen hat eigene Biofelder und Hochbeete auf der Terrasse, auf denen Gemüse angebaut wird. „Natürlich kommen wir damit nicht aus, daher haben wir auch lokale Produzenten mit ins Boot geholt. Gemüse kommt etwa über Helene Ziniel, auch Haferflocken, Eier usw. kommen direkt vom Bauern. Den Kaffee liefert Felix Kaffee, er kauft direkt bei den Kaffeebauern. Direct Trading kommt in der Soul Kitchen noch vor Fair Trade, weil die Wege so kurz sind, dass ehrlicher, fairer Handel stattfinden kann. Ein paar Produkte kommen von weiter weg, nach dem Rezept 80 % richtig machen und 20 % Kompromiss.

„Ein Kompromiss ist z.b., dass es im Winter auch mal Südfrüchte gibt bei uns. Wir fermentieren, trocken, legen ein und machen während der Erntezeit haltbar, was geht. Im Winter peppen wir dann unser Angebot ein wenig auf. Doch im Sommer gibt es in Österreich ausreichend viele Produkte, die Spaß machen, denken wir an Erdbeeren, Spargel und anderes saisonales Gemüse und Obst. Unser Biomüll wird kompostiert und kommt zurück auf unser Feld in Möllersdorf. Wir arbeiten auch gut mit den Ackerhelden zusammen, die für uns die Hochbeete im Innenhof aufgestellt haben. Bis auf sehr wenig Restmüll produzieren wir fast Zero Waste, die Lieferanten liefern bei uns alles in stapelbaren Klappboxen."

In der Soul Kitchen gibt es keine Wochenkarte, da von Tag zu Tag entschieden wird, was auf den Teller kommt. Eingekauft wird, was saisonal und regional gerade angeboten wird und frisch und schön aussieht. „Bei der Qualität und der Frische der Waren sind wir wirklich streng. Da geht es nicht nur um Gewinnmaximierung. Mich hat immer interessiert, wie man gut wirtschaftet mit knappen Ressourcen“, erzählt Farangis, die BWL nicht auf der WU sondern auf der Hauptuni studiert hat, das ist ihr wichtig zu erwähnen. Immer wieder kommen während unserem Gespräch MitarbeiterInnen mit kurzen Fragen an den Tisch, alle sprechen Englisch mit der Chefin. „Ich habe ein sehr internationales Team, derzeit arbeiten hier Leute aus Portugal, Frankreich, Ungarn,  dem Iran, aus dem Vietnam und der Schweiz", erklärt sie stolz.

"Gekocht wird auf Basis der französischen Küche. Wir greifen aber auch auf die Erkenntnisse der Molekularküche zurück, weil es uns Spaß macht, mit verschiedenen Strukturen zu experimentieren. Alles wird in purer Form verwendet, null Geschmacksverstärker. Kochen ist auch Biochemie. Wir wollen möglichst viele Vitamine in unseren Produkten erhalten und auf den Teller des Gastes bringen. Es braucht frisches Gemüse, Salate, Nüsse, leichte Gerichte, vegane und vegetarische. Fleisch muss immer hochwertig, von höchster Qualität und eher die Beilage sein, ein Genussmittel. Es ist ja nichts, was der Körper notwendig braucht", erzählt Faranigs weiter aus ihren Küchengeheimnissen.

Anfänglich sei es an diesem Standort eher schwierig gewesen, weil dem Gast zuerst einmal der Preis schmecken würde, erzählt Farangis Firozian. „Ich bin dann hinaus und habe die Leute probieren lassen, damit sie sehen, dass sie bei uns kein gewöhnliches Kantinenessen erwartet. Fast jeder, der sich dann herein gewagt hat, ist jetzt Stammgast“, lacht sie. Auch findet sie, dass Beamte als Gäste ganz eigen und schwer zu überzeugen sind, „aber wenn du sie einmal hast, bleiben sie dir treu. Wir befinden uns ja hier quasi unter der Maschine des Staates. Die Leute arbeiten hart, das sieht man ihnen oft an, wenn sie kommen, mit rauchenden Köpfen. Viele stehen unter Streß, da ist es wichtig, ihnen ein supertolles, vollwertiges Essen zu servieren, damit sie wieder zu Energie kommen. Ich sehe das als meinen Job an. Wenn sie dann zurück an ihren Arbeitsplatz gehen, tragen sie eine gute Energie mit sich. So können sie gute Arbeit leisten und bessere Entscheidungen für uns alle treffen. Das ist mein Beitrag, den ich auch als kulinarischen und nachhaltigen Bildungsauftrag verstehe."

Jeder Stammgast bekomme im Laufe der Zeit mit, wie die Dinge in der Soul Kitchen laufen, meint Farangis. „Kulinarisch, ethisch, umwelttechnisch, daran kommen sie gar nicht vorbei. Das Interesse ist auch wirklich groß. Ich bin davon überzeugt, dass wir jeden einzelnen, der hier hereinkommt, auf diese Reise mitnehmen und die Wahrnehmung für gesundes Essen schulen können.“

Was wünscht du dir für deine nahe Zukunft? Ich denke, wir lernen in dieser verrückten Situation gerade alle viel dazu. Vielleicht genauer zu schauen, wie man Dinge anders machen kann. Wir denken etwa über einen Lieferservice nach. Eine gute Freundin von mir ist Rita von Rita bringt´s. Sie hatte die Strukturen schon, konnte daher super auf die Coronakrise reagieren und während dem Lockdown mit dem Lastenfahrrad ausliefern.

Was hat die Coronakrise für Auswirkungen auf deine Arbeit? Für die Soul Kitchen ist die Lage schlichtweg sehr schwierig. Als ich Anfang Jänner von meinem Weihnachtsurlaub zurück kam, bin ich direkt vom Flughafen zur Soul Kitchen gefahren, weil ich es kaum erwarten konnte. Als ich ankam, war der Laden bummvoll, da standen die Menschen Schlange bis hinaus. Ich dachte, das gibts nicht! Es funktioniert auch, wenn ich mal ein paar Tage weg bin! Ich war so happy und so ging es weiter bis zum Lockdown Mitte März. Wir sind an diesem Standort doppelt betroffen, weil die Menschen nur sehr langsam aus ihren Homeoffices zurück kehren. Die Caterings und die großen Events, für die wir gebucht waren, wurden alle abgesagt. Nach jahrelanger Aufbauarbeit begann es richtig gut zu laufen und dann plötzlich: full stop, das ist frustrierend. Wie bei vielen anderen greift die Betriebsausfallversicherung nicht, da das Epidemiegesetz ausgehebelt wurde. Auf Hilfe aus dem Corona-Hilfsfond wartete man viel zu lange. Natürlich entspricht es nicht meinem Wesen, herumzusitzen, ich bin schnell aktiv geworden. Man kann z.B. bei Vorfreude kaufen Gutscheine erwerben. Wir veranstalten am Sonntag Events, von Yoga- bis Jazz-Brunches und hoffen auf eine lange Terrassen-Saison.

Welches andere Lokal in Wien möchtest du uns empfehlen? Das O boufés von Konstantin Fillippou.

Wo gibt es den besten Kaffee? Ich gehe gerne ins Balthasar.

Nach was schmeckt Wien? Nach Kaffee. Am liebsten trinke ich einen guten Espresso.

Wo kaufst du gerne ein? Sixxa mag ich gerne, das ist eine  meiner Lieblingsdesignerinnen. Dann auch Vivibag  und Amateur, alles großartige Frauen.

Wie nützt du Wien kulturell? Manchmal schnappe ich mir meine Kamera, spaziere mit meinen Freunden durch die Stadt und stelle mir vor, ich wäre eine Touristin. Da sieht man die Orte wieder mit anderen Augen.

Welche Plätze magst du gerne? Den Stadtpark, da sitze ich auf einer Bank und schau mir die Bäume von unten an. Oder ich geh in den Volksgarten. Die Donaulände ist auch schön

Hast du einen Buchtipp? Aroma. Die Kunst des Würzens. Erschienen im Vierich Vilgis Verlag

Welche Musik baut dich derzeit auf? Ich höre ganz viele unterschiedliche Sachen, Musik ist für mich superwichtig. Von You got me von Erykah Badu & The Roots, Sade, Beastie Bous, Kendrick Lamar, Masego über Bobby Womack. Von Sarah Vaughn, Buena Vista Social Club zu José James. Blackmagic ist ein all time favorite.

Was möchtest du Wien ausrichten? Bleib wie du bist. Stay fearless, funky and fly! Ich liebe diese Stadt, sie ist multikulti und es ist großartig hier zu leben.


Soulkitchen

 

Soul Kitchen arbeitet zusammen mit (Auswahl):

Weinskandal, Rennersisters, Judith Beck, Michael Gindl, Andert, Nitnaus, Klaus Preisinger, Gernot und Brigitte Pittnauer, Joiseph u.v.m.

Bärnstein  Michlmäderl

Felix Kaffee - Austrian Coffee Roasting Champion
DonFredo, spanische Spezialitäten

Milchmäderl
Anton
Butcher (Der Tschürtz)

Nini schreibt, fotografiert und bloggt digital.
Mag aber auch analog noch immer.

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