Die Wiener Welt der Seelenforschung

Was ist nur los mit dieser Stadt, dass gleich drei psychotherapeutische Schulen (Psychoanalyse, Individualpsychologie und Logotherapie) hier gegründet wurden?

Und was verband die drei Schulen-Gründer Sigmund Freud, Alfred Adler und Viktor Frankl, die sich in Lebenszeit und Ort zumindest teilweise überschnitten?

Der eine verfolgte Triebe und ihre Unterdrückung, der zweite das gestaltende Individuum und der dritte den Sinn. Alle drei waren Juden und ausgebildete Ärzte.

Die Jahrhundertwende und die erste Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts waren eine bewegte Zeit. Hysterie, Melancholie und Neurasthenie waren ihre psychischen Erkrankungen – gar nicht so anders als heute. Und sonst? Wie fanden ihre Lehren den Weg in die Welt und wie sahen sie einander?

Die Zeit- und Gesellschaftsgeschichte-Fachleute Hannes Leidinger, Christian Rapp und Birgit Mosser-Schuöcker verfolgen die Verbindungslinien und Zerwürfnisse der drei und stellen Ideen, Inszenierung Berühmtheit und Schicksale in den Kontext der Zeit. Freud ist mit Ödipus-Komplex, Penis-Neid, Couch und Traumdeutung schon Teil der Popkultur.

Der Minderwertigkeitskomplex von Adler schaffte es bis in die USA. Manche kennen vielleicht die Trotzmacht des Geistes von Frankl, der den Nazi-Terror in vier Konzentrationslagern erleben musste. Später zeichnete er sich selbst als Comic: mit der großen Brille auf dem dritten Platz des Siegertreppchens. Endlich werden die drei von berufenen Historiker:innen in einem Werk behandelt. Lesenswert!


Freud Adler Frankl. Die Wiener Welt der Seelenforschung
von Hannes Leidinger, Christian Rapp und Birgit Mosser-Schuöcker
Residenz Verlag
285 Seiten
28 Euro

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