Verwobene Familiengeschichte

„Gebrochen-Weiß“ nennt Astrid H. Roemer ihren vielstimmigen Roman, der zwischen Surinam, einer ehemaligen Kolonie in Südamerika und den Niederlanden spielt.

Zweifellos eine anspielungsreiche Farbe, immer wieder genannt, ob in Bezug auf ein Moskitonetz, die Hautfarbe, eine Stoffwindel oder ein Nachthemd.

Mit den geschichtlichen Eckdaten der beiden verwobenen Länder oder der genauen zeitlichen Verortung hält sich die Autorin nicht auf. Sie springt direkt hinein in die Perspektiven und Schicksale der vielen Frauen der Familie Vanta.

Im Zentrum und irgendwie an der Spitze der Story steht Oma Bee, deren Leben zu Ende geht. Was hat diese Frau alles gesehen, wie ihr Frauenleben gelebt, was verdrängt und was ist ihr eigener Ursprung? Was ist ihr wichtig und gelungen? Was ist misslungen, in Ehe und Familie? Und wofür müsste sie sich – spät, aber doch – vielleicht entschuldigen?

Flankiert wird Bee von Alleinerzieherin Louise und Imker, die sie pflegt, von Audi und Babs, von der nach Europa verschickten Heli, der weggesperrten Laura und der zur Adoption freigegebenen Ethel.
Das (alte) Lied eines (historischen) Frauenlebens wird in vielen Strophen angespielt. Einen Beruf lernen, eigenes Geld verdienen, sich aushalten lassen? In der Familie aufgehen und kochen können? Religion, Rituale, Beziehungen, Verwandte, Kinder pflegen?

Dem Werben eines Mannes nachgeben, verheiratet werden, selbst wählen, Übergriffe erleben, hintergehen oder jungfräulich bleiben? Ganz sicher die Konsequenzen tragen!
Die Lektüre braucht ziemlich viel Konzentration, denn die Stimmen wechseln absatzweise. Manchmal braucht man ein paar Sätze, um zu wissen, ob gerade eine Enkelin oder eine Tochter spricht und die zeitlichen Hinweise auszuwerten. Eine pralle, aber keine leichtfüßige Lektüre.


Gebrochen-Weiß
von Astrid H. Roemer, übersetzt von Bettina Bach
Residenz Verlag
431 Seiten
28 Euro


Beitragsbild: © Raul Neijhorst

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