O5 wie Widerstand

Autorenportraits Czernin Verlag, Herbstvorschau, Wien, 2014

Frankreich hatte ganz viel Résistance, Deutschland war das Land der Täter und Täterinnen und Österreich das erste Opfer.

So plakativ wurde die NS-Zeit lange abgehandelt und solche griffigen Aussagen setzen sich gerne in Köpfen fest.

Mehr Differenzierung tut Not, eine sorgfältige Auswertung diverser schriftlicher Quellen aus ganz verschiedenen Beständen auf der ganzen Welt, Gespräche mit Nachfahren, wo möglich.

Das alles hat Erhard Stackl dankenswerter Weise getan und ausgesprochen lesbar im Czernin Verlag veröffentlicht.

Er legt mit „Hans Becker O5. Widerstand gegen Hitler“ eine Biografie über eine Schlüsselperson des österreichischen Widerstands gegen das NS-Regime vor. Am Ende des Buches fragt der Autor, ob Hans Beckers Zeit vielleicht jetzt endlich gekommen ist. Wieso nicht schon längst, will man zurückfragen. Aber Stackl hat es einem ja gerade auf 400 Seiten erklärt.

Hans Becker, geboren 1895 in Pula (heute Kroatien), erschossen mit nur 53 Jahren 1948 in Buenos Aires, zweimal in Konzentrationslagern inhaftiert und gequält, ein Stehaufmännchen, Abenteurer, Propaganda-Experte, auf seine Art Überzeugungstäter und Lagerverbinder. Und eben ganz und gar nicht alleine. In einem mörderischen Unrechtsregime Witze zu machen, „Feindsender“ zu hören, Informationen weiterzugeben, politische Verbündete im Ausland zu kontaktieren, Prozesse zu verlangsamen, Menschen zu verstecken oder Sabotageakte zu verüben – alles konnte für einen selbst und alle Angehörigen fatale Folgen haben. Insofern ist jeder Einsatz niemals gering zu schätzen.

O5 wurde 1945 direkt neben dem Haupttor des Wiener Stephansdoms eingeritzt: O und der fünfte Buchstabe im Alphabet E für Oesterreich war die Abkürzung eine Sammelbewegung des Widerstands gegen Hitler und seine Schergen. Denn es gab verschiedene Gruppen von Menschen, die auf unterschiedliche Art Widerstand leisteten: ob katholisch oder kommunistisch, sozialdemokratisch oder bürgerlich, adelig oder militärisch. Im kollektiven Gedächtnis gibt es kaum eine Erinnerung an sie oder einen Stolz auf ihr Handeln. Auch weil nach dem Ende des Krieges Proponenten des Widerstands nicht als politische Fraktion weitermachen konnten.

Ein Buch, wie eine sorgfältige, spannend aufbereitete Geschichtsstunde ab dem Ersten Weltkrieg über den Ständestaat, Hitlers Aufstieg, Abstimmung, Einmarsch, Vernichtungskrieg bis zum Abzug der Alliierten. Keine Frage bleibt offen und jede Antwort wird belegt. Ein wichtiges Buch.


Hans Becker O5. Widerstand gegen Hitler
von Erhard Stackl
Czernin Verlag
413 Seiten
28 Euro


Beitragsbild: © Katharina Roßboth

Leave a comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert