Wir alle nutzen heute Machine Learning

Laura Nenzi fotografiert von Nini Tschavoll

Name: Laura Nenzi, geboren 1984 in Venedig, lebt seit 2017 in Wien Währing, pendelt regelmäßig nach Triest und arbeitet als Postdoc am Institut für Computer Engineering an der TU Wien. Sie bekleidet auch eine Teilzeitstelle als Assistenzprofessorin am Department für Mathematik und Geowissenschaften der Universität in Triest.


Von Hedy Lamarr hat Laura Nenzi, diesjährige Trägerin des Preises der Stadt Wien für Frauen, die Innovation in der IT vorantreiben, zum ersten Mal bei ihrer Nominierung 2019 gehört. Die gebürtige Venezianerin und Forscherin an der Schnittstelle von Mathematik und Computersystemen war begeistert, weil die Wienerin Hedwig Kiesler, die später als Hollywoodstar Hedy Lamarr bekannt wurde, die gleichen Leidenschaften pflegte, wie sie selbst: Erfindergeist und Schauspiel. Nicht so begeistert war die Spezialistin für formale Methoden von der Auslobung eines Preises speziell für Frauen: „Ich habe das nie für einen guten Weg gehalten, Gleichberechtigung zu erzielen. Das hatte für mich immer den Beigeschmack etwas zu bekommen, weil man eine Frau ist. Nicht weil man die Beste ist.“

Mit ihrem Fachgebiet war sie viele Jahre (meist nur eine einzige) Frau unter Männern, doch sie fühlte sich nie diskriminiert. Schon als Kind spielte sie Schach und ärgerte sich über die getrennten Bewerbe für Buben und Mädchen, „weil wir schließlich alle dasselbe Gehirn haben“. Doch man darf seine Meinung ändern. So wie beim Schauspiel. Da ihre Eltern schon lange im Amateurtheater spielen und sie zwischen Bühnen und Requisiten aufwuchs, wollte sie zunächst nicht ans Theater. Wie so oft, wenn man sagt „ich werde das niemals so machen wie ihr“, kommt es genau dort hin. Vom Marionettenspiel der dreijährigen Laura dauerte es bis in die Mittelschule, wo ausgerechnet ihre Mathematik-Lehrerin eine Theatergruppe leitete und sie schlussendlich doch für das Bühnenfach begeisterte. Inzwischen hat sie intensive Schauspiel-Kurse absolviert und immer wieder eine Möglichkeit gefunden, Studium und Schauspiel zu verbinden.

In Wien arbeitet Laura Nenzi an der TU Wien als Co-Projektleiterin in einem gemeinsamen Grundlagenforschungsprojekt mit der WU Wien zur Beschreibung ökonomischer und nachhaltiger Systeme. In ihrem Fachgebiet Cyber-physische Systeme (CPS)  arbeitet sie mit formalen Methoden und entwickelt Sprachen, die das Verhalten von Systemen beschreiben, in diesem Fall ihre Entwicklung über die Zeit. Ein Fahrradverleih könnte so ein System sein. Er umfasst Räder und Verleihstationen. Die Sprache beschreibt, wie sich diese beiden Variablen im Zeitverlauf zueinander verhalten. Die temporale Logik beschreibt, was in diesem System zutrifft und zusammenwirkt über die Zeit, etwa: es hängt immer ein Rad an einer Verleihstation. Dieses Verhalten wird in einer Formel beschrieben. Nun gilt es Algorithmen zu entwickeln, mit denen sich anhand von Daten aus dem System automatisch die Funktionsweise des Systems prüfen lässt: ob es sich so verhält, wie erdacht und falls nicht, warum es sich anders verhält.

In der Jurybegründung zum Hedy-Lamarr-Preis der Stadt Wien heißt es, dass Lauras Arbeit die vermeintliche schwarze Magie von Machine Learning zu beseitigen hilft. Was ist damit gemeint? Machine Learning ist überall und wir haben laufend damit zu tun. Etwa wenn wir eine Suchmaschine betätigen. Oder eine App benutzen. Oder Online einkaufen. Menschen mit entsprechendem Vorwissen können mathematische Formeln lesen und verstehen – sie sind menschenlesbar und das ist wichtig, um programmierte Anwendungen anhand von Daten zusammen mit rigorosen Verifikationstechniken zu prüfen.

So kann festgestellt werden, ob selbstlernende Maschinen so arbeiten, wie angenommen. Laura zeigt das anhand eines Whiteboards im Besprechungsraum der TU Wien, auf das jemand zuvor eine Formel notiert hat. Sie wirft einen kurzen Blick darauf und weiß sofort, welche Regeln für verschiedene Variablen über die Zeit angenommen werden. Mathematik ist eben auch eine universelle Sprache. Ihre eigene Beziehung zu dem Fach war nicht immer gleich gut. Tatsächlich hatte sie im letzten Jahr der Volksschule eine schreckliche Mathelehrerin: „Ich habe mich vor ihr gefürchtet, sie mochte mich nicht. Ich hatte Angst, die Mathematik in der Mittelschule nicht zu schaffen. Eine mit meinen Eltern befreundetet Lehrerin bewies mir glücklicherweise, dass ich es konnte. Zum Glück habe ich nicht aufgegeben."

Die historischen Beziehungen zwischen Wien, Triest und Venedig spielten keine Rolle bei ihrem Wechsel nach Wien. Das war reiner Zufall: Ein Professor, mit dem sie kooperiert hatte, bot ihr 2017 eine offene Stelle an. „Eigentlich wollte ich nicht mehr umziehen. Das ist mein letztes Mal“, lacht sie. Schließlich war sie studierend und forschend bereits in Schottland, England, Deutschland und an einigen Orten in Italien. Ihr Standbein als Lehrbeauftragte an der Universität in Triest hat sie weiterhin zusätzlich zu ihrer Tätigkeit an der TU Wien. Zunächst pendelte sie ständig, nun versucht sie, immer längere Zeit am Stück an einem Ort zu sein und die anderen Verpflichtungen jeweils remote zu erledigen.

Inwiefern unterstützen sich das Schauspiel und die Wissenschaft? „Ich habe sie lange als unterschiedliche, gleichsam entgegengesetzte Möglichkeiten, mich auszudrücken, gesehen.“ Beim Sprechen in einem Seminar ist sie nie so entspannt, wie auf der Bühne: „Im Theater habe ich das Gefühl, alles tun zu können, was ich will. In der Wissenschaft schöpfe ich meine vollen Möglichkeiten noch nicht aus. Ich denke, dass ich in meinem Feld anders beurteilt oder hinterfragt werden kann, als im Theater.“An der TU Wien ahnte anfangs wohl niemand, dass Laura auch Schauspielerin ist, „weil ich nicht so selbstverständlich auftrete. Aber ich werde besser darin, meine Talente zu kombinieren“.

Heute weiß sie, dass Diskriminierung subtiler wirkt, als gedacht. „Es ist nicht so wie vor 100 Jahren, wo Frauen nicht studieren oder publizieren durften. Heute sind es Kleinigkeiten, die aber schwerer zu beseitigen sind.“ Es sind die kleinen Unterschiede im Verhalten, durch die Erziehung und das Aufwachsen in der Gesellschaft, die es Frauen schwerer machen in Wissenschaft und Forschung zu bleiben und erfolgreich zu sein: „Viele wollen keine Fehler machen, sie sind unsicherer, machen den Mund weniger auf. Das ist bei Männern anders.“ Wobei sie speziell an der TU Wien das Gefühl hat, dass Frauen gute Chancen haben, in den vergangenen Jahren wurde hier viel für Geschlechtergerechtigkeit getan.

In Wien performte sie bereits mit einigen Romanistik-Studierenden Luigi Pirandello und Antonio Tabucchi auf Italienisch. In den vergangenen drei Jahren reifte zudem ihr Plan, wissenschaftliches Theater zu machen. Sie begann mit populären Vorträgen vor Laien über Algorithmen. Während des Lockdowns half sie der Schauspielerin Diana Hobel, einen Monolog einer Wissenschaftlerin zu schreiben. Dieser Schubs brachte den Plan ins Rollen. Auf einem Platz in Triest führte sie ihren Monolog zu cyber-physischen Systemen im Rahmen der europäischen Wissenschafts-Hauptstadt 2020 auf. Auch an einem zweiten Stück über Diskriminierung von Frauen in der Wissenschaft wirkte sie mit, was ihren eigenen Nachdenkprozess weiter befeuerte.

Gefragt nach ihren Überlegungen zur Förderung von Frauen in der Wissenschaft, speziell in den MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik), würde sie bereits in der Volksschule anfangen: „Ich fand immer, dass Schach mein Denken sehr geprägt hat. Ich hatte als Kind einen Commodore Amiga. Ich glaube, dass in den ersten zehn Lebensjahren viel angelegt wird.“ Der Unterricht muss sich ändern, aber er bleibt gleich für Buben und Mädchen. Sie selbst ist Teil der Initiative coding girl, die Computer-Science Studierende für Basiskurse an Mittelschulen vermittelt. Weibliche Vorbilder in Forschung und Lehre bleiben wichtig. Was es zudem braucht, sind Frauen in Führungsfunktionen, um die weibliche Perspektive in Entscheidungen überhaupt einbringen zu können. „Frauen haben (viele) Eier, aber sie müssen nicht wie Männer werden, um tolle Leistungen zu erbringen.“

Deine drei Empfehlungen für junge Frauen in MINT-Fächern?
1) Mach’ freudig Fehler!
2) Sag etwas, auch wenn Du nicht zu 100 Prozent sicher bist!
3) Behalte Deine Emotionalität aber nimm nicht alles bierernst. Hab’ Spaß an und mit Deiner Gefühlswelt!

Was gibt es nur in Wien? Die U-Bahn und das Radverleih-System. Es macht so viel Spaß in Wien, öffentlich unterwegs zu sein. Ich liebe die Kaffeehäuser, auch wenn es die nicht nur in Wien gibt. In Italien haben wir so guten Kaffee, aber keinen Platz, um ihn zu genießen, zu sitzen, zu lesen und es gemütlich zu haben. Zudem liebe ich die Thermen, die in der Sargfabrik und die Therme Wien. Und ich wandere gerne im Wiener Wald.

Hast Du Lieblings-Cafés? Ich mag die Vollpension um die Ecke von der TU, das phil mit seinen vielen Büchern und das Jonas Reindl  beim Schottentor.

Was ist Dein liebstes Wiener Wort? Ich habe zwei deutsche Worte, die ich mag: glücklich und kuscheln.

Was vermisst Du an Italien? Das Meer und die Sonnenuntergänge dort. Die Sprache, manche Menschen und ein paar Lebensmittel, die ich hier nicht so einfach kriegen kann, etwa Artischocken oder Radicchio di Treviso.

Hast Du schon eine lokale Lieblingsspeise? Ich habe noch nicht viele versucht, aber ich mag Wiener Schnitzel.

Ein Lieblingsort in Wien? Das Belvedere.

Was ist Dein Lieblings-Stück? Ich habe eher Lieblings-Regisseure wie Peter Brook, den ich bei den Wiener Festwochen  gesehen habe oder auch Ariane Mnouchkine.

Hast Du einen Buchtipp für unsere LeserInnen? Ich bin Hörbuch-süchtig, weil ich manchmal zu müde bin, um selbst zu lesen. Zuletzt gelesen habe ich Eva schläft von Francesca Melandri über die deutschsprachige Minderheit in Südtirol und 'The Women's Brain Book' von Sarah McKay.

Deine Botschaft für Wien? Ihr habt so eine schöne Stadt, teilt sie doch auch mit den Neuankömmlingen.

TU Web

Astrid ist Wienerin, Working Mum, Wählerin, wählerisch, mag Menschen, Worte und Wale.
Nini schreibt, fotografiert und bloggt digital.
Mag aber auch analog noch immer.

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