Und wie wir hassen

15 Hetzreden

Angeblich sind Frauen besonnen. Sie hassen weniger, sind diplomatischer als Männer. Hetzreden kennt man eher von Männern - und die nicht selten gegen Frauen, die laut, selbstbewußt und unbequem sind.

Lydia Haider fand es hoch an der Zeit, dem Machismus Paroli zu bieten und hat in „Und wie wir hassen“ Texte von 15 Autorinnen versammelt.

Sie bringen sich mit furiosen Hass- und Wutreden in Rage: gegen das Patriarchat, die politische Lage, gegen einfach alles! Dabei demontieren sie Demagogen und Hetzredner und entlarven die Dynamik des Hasses.

Da ist etwa der Text von Sybille Berg. Sie beschreibt, wie es ist, auf einmal jemanden, den man geboren hat, nicht mehr zu kennen. Der stille, friedliche freundliche Sohn wird erwachsen. Und gehört plötzlich zu jenem seltsamen Typ Mensch, mit dem sich die Autorin nie so ganz arrangieren konnte, den sie eigentlich im Innersten bemitleidet: zu den Männern. „Er ist zu dem geworden, was ich am meisten hasse“, schreibt sie. Seit der Veränderung mit etwa 16 Jahren riecht es in der Wohnung nach Schweiß, überall liegen feuchte Socken und klumpenförmige Turnschuhe. Das zum Mann gewordene Kind interessiert sich nun für Fußball. Die Mutter hingegen hasst Sport, sieht am Fußballfeld nur dumpfes Rennen pubertierender Jungmänner mit zornroten, schwitzenden Gesichtern. Seit 4 Jahren lebt sie nun mit diesem Fremden in ihrer Wohnung und versteht nichts mehr von dem, was ihn bewegt.

Getraud Klemms Beitrag besteht aus 4 Zumutungen aus unterschiedlichen Lebenswelten. Das Vorstandsmitglied (selbstverständlich ein Mann!) hat es nicht leicht, jahrelanges Arschkriechen, Arschkriecher abwehren und fette Gänseleber in teuren Restaurants sind herausfordernd im Berufsalltag eines Managers. Wenn der tolle Hecht spät am Abend zur gut versorgten Familie nach Hause kommt, hat er keine Sekunde unbezahlte Arbeit verrichtet. Spannend liest sich gerade dieser Tage auch die Skizze einer wertkonservativen Powerfrau, der „die Parteirakete in den Arsch gesteckt wird, mit der sie durch alle Instanzen inklusive gläserner Decke an die Parteispitze geschossen wird". Wer da nicht an aktuelle Regierungsmitglieder denkt…

© detailsinn.at

Interview mit Lydia Haider


Das Buch trägt den Titel „Und wie wir hassen!“. Worin liegt für Sie der Unterschied zwischen Hass und Wut? Es ist nicht meine Aufgabe und ich traue mir auch nicht zu, zwischen Hass und Wut zu unterscheiden ... Ich bin ja keine Psychologin. Außerdem hat es keine Relevanz für die Literatur (allgemein). Interessant ist aber, dass sich die Künste generell verstärkt den Themen Hass und Wut zu widmen scheinen. Obwohl das etwas ist, von dem die Rechte und vor allem Männer glauben, dieser Bereich würde ihnen gehören. Nur ist das nicht so. Und nun gibt es Widerstand aus allen erdenklichen Richtungen.

Die Anthologie widmet sich auf sehr heterogene Art und Weise dem Thema Hass und dem Gefühl, jemanden oder etwas zu hassen. Könnten Sie ein wenig über den Entstehungskontext und die Auswahl der Texte und Beitragenden erzählen? Die Hassrede ist vor einigen Jahren zu einer meiner schreiberischen „Spezialitäten“ geworden - seit damals schwebte mir auch vor, hierzu ebenso befähigte Frauen mit deren Hassreden in einem Buch oder bei Veranstaltungen zu versammeln. Das entstand in Gesprächen mit Esther Straganz, die mit mir gemeinsam den Roman „Am Ball. Wider erbliche Schwachsinnigkeit“ erarbeitet hat. Und als dann Tanja Raich bei mir anklopfte und fragte, ob ich nicht eine Anthologie mit Texten von Frauen herausgeben möchte, war klar: Wenn, dann muss es dieses Hassreden-Buch werden. Selbst wollte ich aber keinen Text beisteuern – außer das Vorwort – da ich finde, dass man sich nicht selbst „einlädt“, genauso wenig wie man im eigenen Verlag veröffentlicht oder auf dem eigenen Festival auftritt ... ein No-Go für mich.

Zu hassen ist ein zutiefst menschliches Gefühl. Worin liegt der Sinn zu hassen – anders ausgedrückt: Wozu hasst der Mensch, Ihrer Meinung nach? Es liegt mir fern, den Sinn des Hassens allgemein zu bewerten. In der Literatur, in meinen Texten widme ich mich dem Hass, da er in der Gegenwart überpräsent und zeitgleich in die falschen Hände geraten ist. Was so im Zentrum der Gesellschaft steht und die Menschen so bewegt – in eine sichtlich falsche Richtung – muss aufgegriffen, zigfach umgearbeitet und das Ruder damit herumgerissen werden.

Wie würden Sie den Sammelband „Und wie wir hassen!“ für interessierte LeserInnen beschreiben? Das Buch bietet eine größtmögliche Bandbreite an Hass auf höchstem Niveau: Übertriebenes und/oder ins Ironische Gebrochenes genauso wie erzählende Texte, aber auch Ernsthaftes. Ohne Grenzen, ohne Themenbegrenzungen, ohne Machogesten.

Die einzelnen Texte der Anthologie widmen sich unterschiedlichen Themenkomplexen. Gibt es eine Message, die Ihnen besonders wichtig ist und die für alle Texte gilt? Um es mit Ebow zu sagen: Schmeck mein Blut. Ja, so hätte auch der Titel des Buches lauten sollen. Aber so viel ist dann dem Literaturestablishment doch noch nicht zuzutrauen.


Und wie wir hassen
15 Hetzreden
Hg. Lydia Haider

Kremayr & Scheriau 2020
160 Seiten
19,90 Euro

Nini Tschavoll
Nini fotografiert, schreibt und bloggt digital.
Mag aber auch analog noch immer.

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