Report einer Welt aus den Fugen

Martin Grassberger ist von Beruf Pathologe, kennt sich also aus mit Todesursachen und krankhaften Veränderungen im menschlichen Körper. Er hat Medizin und Biologie studiert und betreibt in Niederösterreich regenerativ-ökologischen Landbau. Er kann biologische Kreisläufe und natürliche Prozesse in Theorie und Praxis erklären – en gros und en détail.

Das leise Sterben heißt sein aktuelles Buch aus der Reihe „Leben auf Sicht“ im Residenz Verlag. Beworben wird es mit dem Banner „Das Buch zur aktuellen Klima- und Agrardebatte“.

Ein Hinweis darauf, dass dies über weite Strecken keine erbauliche Lektüre ist. Eher der Report einer Welt aus den Fugen. Und zwar hier bei uns, in Österreich, im benachbarten Deutschland, in Europa.

Gegliedert ist das Werk in drei Teile: Der Stand der Dinge (Grundlagen), Die unsichtbaren Zusammenhänge (Zusammenhänge) und Eine stille Revolution (mögliches Handeln). Die Klammer bildet das Gespräch mit einem befreundeten Arzt, der Symptome unserer westlichen Wohlstandsgesellschaft aufweist, die immer öfter an nicht übertragbaren, chronischen Krankheiten leidet.

141 Seiten samt Literaturverzeichnis umfasst Teil 1 und es ist gut, dass das Buch danach noch weitergeht, sonst müsste man verzagen. Das leise Sterben macht Grassberger auf Seite 17 über 25 Zeilen in ganz vielen Bereichen fest: neben dem Artensterben (Die sechste Extinktion), auch ein Bauernsterben, ein Sterben fruchtbarer Äcker, der Glaubwürdigkeit, des überlieferten Wissens, der Saatgutvielfalt, der Nutztierrassenvielfalt, der Kulturlandschaft, der Landwirte, des Anstands, der ländlichen Traditionen und, und, und.

Gleich danach widmet er sich medizinischen Buzzwords wie Parkinson, ADHS, Diabetes und Demenz, mangelnde Fruchtbarkeit, Allergien, Reizdarm etc. und führt diese letztlich auf Ernährung zurück. Unsere Lebensmittel kommen ursprünglich aus dem Boden, auch wenn wir sie heute oft aus bunten Verpackungen rausfischen. Wir sind, was wir essen.

In Kapitel zwei führt uns der Arzt und Biologe zurück an den Punkt der Entstehung unserer Art vor rund 300.000 Jahren. Weil wir trotz Internet of Things und angewachsenem Handy einfach einen Körper aus der Steinzeit haben, der sich zu dieser Zeit als erfolgreicher Entwurf durchsetzte. Landwirtschaft gibt es im Vergleich zur Menschheitsgeschichte erst seit 300 Generationen (eine Generation entspricht 25 Jahren) und die Grüne Revolution ist überhaupt erst zwei Generationen her.

Auf dem Weg dekonstruiert Grassberger Mythen der Landwirtschaft und Mythen guter Ernährung. Heute sorgen genau drei Feldfrüchte, nämlich Weizen, Mais und Reis, für 60% der Kalorien, die wir zu uns nehmen. Und es ist alles andere als egal, in welcher Form die Kalorien in unseren Körper kommen. Unser Erfolgsrezept als Art war und ist eigentlich Vielfalt.

Der dritte Merksatz ist: Nichts in der Biologie ergibt Sinn, außer im Lichte der Evolution. Grassberger zeigt uns die Vielfalt unter der Oberfläche: im Reich der Bodenlebewesen (merken Sie sich das schöne Wort Edaphon), in natürlichen Nährstoffkreisläufen, im Kuhpansen, im Wurzelraum von Pflanzen, im Pilzinternet des Bodens, im Zellinneren und im menschlichen Darm.

Hier wird das Wort Holobiont relevant: Der Mensch hat 20.000 eigene Gene, aber 200.000 bakterielle Gene und vereint 1,3 mal so viele bakterielle Zellen in sich, wie humane Zellen. Grassberger zeigt, wie in dieses Gefüge eingegriffen wird durch „zeitgemäße“ Landwirtschaft und Ernährung und was das bewirkt. Viele Segnungen der modernen Landwirtschaft will er entsorgen: den Pflug, den Mineraldünger, die Pestizide, das Kraftfutter, die hochgezüchteten Tier- und Pflanzenarten, etc.

Seine Argumente klingen stimmig: Antibiotika, ob in der Tierzucht, oder auf dem Feld ausgebracht, schädigen letztlich den Menschen, weil wir zu einem beträchtlichen Anteil aus Bakterien bestehen. So wie auch das Bodenleben, Nutztiere (Biene, Kuh!) und wichtige Mitspieler im Nährstoffkreislauf. Immer wieder werden Substanzen nach langer Zeit vom Markt genommen, weil sie sich als hormonell wirksam oder sonst schädlich für Mensch und Umwelt erwiesen haben.

Bei der Zulassung von Pestiziden gehören Wechselwirkungen mit anderen Substanzen nicht zum Programm, obwohl wir heute stets einem Cocktail von Stoffen ausgesetzt sind. Grassberger erläutert die löchrige Darmbarriere (leaky gut) als Ursache vieler Krankheiten, die nicht nur von Gluten, sondern auch von Magenschutz-Medikamenten, manchen Schmerzmitteln, Süßstoff, Alkohol und Emulgatoren angegriffen wird. Auch wenn manche Zusammenhänge noch nicht in der Gesamtheit und über einen langen Zeitraum nachgewiesen wurden, fragt man sich, was aus dem Vorsorgeprinzip geworden ist. Glyphosat ist übrigens auch als Antibiotikum zugelassen.

Im dritten Teil ab Seite 263 wird es dann unbequem. Hier führt der Autor ins Feld, was zu tun oder zu ändern wäre, um den modernen Menschen und die Welt aus den Fugen wieder einzurenken. Auch wenn es schwierig ist, ein Zeitlupen-Disaster wahrzunehmen und hier ein Indizienprozess geführt wird. Es ist Zeit, das Ruder herumzureißen. Der Autor verweist auf konkrete Maßnahmen für Privatpersonen sowie Landwirtinnen und Landwirte und stellt beispielhafte Projekte aus aller Welt vor.

Für Grassberger gehört etwa der Misthaufen nicht auf den Misthaufen, wohl aber die Gülledüngung. Die Grüne Revolution brachte gesteigerte Erträge, führte zu einem enormen Betriebsmitteleinsatz, sparte aber auch physische Arbeit. Grassberger findet probate Rezepte vielfach in der Geschichte. Er will die Industrie, die sich allgegenwärtig und tonangebend in Landwirtschaft und Gesundheit einbringt, zurückdrängen durch die Besinnung auf Bewährtes. Hier wird er die Geister scheiden. Selber kochen, auf Bio –Lebensmittel setzen, ein eigenes Beet bestellen, Plastik vermeiden, fermentierte Lebensmittel essen, Pestizide und Schmerzmittel vermeiden, wenig fliegen...

In der Landwirtschaft wäre der Boden mit Mist und Kompost zu füttern, statt Pflanzen zu düngen, Einstreu zu verwenden, statt Spaltböden. Waldweide, Solidarische Landwirtschaft, Food Coop, terra preta, Beweidung. Martin Grassberger hält ein Plädoyer für die biologische Landwirtschaft, die sehr wohl die Weltbevölkerung ernähren kann. Wenn wir insgesamt weniger Fleisch essen und weniger Lebensmittel verschwenden. Sie liefert nur rund 20 % weniger Ertrag, braucht aber nur halb so viele Betriebsmittel, die ja auch Geld kosten.

Nach der Lektüre wird nicht nur MadameWien einmal mehr ins Grübeln kommen. Man muss nicht alles für sinnvoll und auch nicht alles für richtig halten. Entziehen kann man sich diesem Report aber nur schwer.


Das leise Sterben.
Warum wir eine landwirtschaftliche Revolution brauchen, um ein gesunde Zukunft zu haben.
von Martin Grassberger

Residenz Verlag/Leben auf Sicht
334 Seiten
24 Euro

Astrid Kuffner
Astrid ist Wienerin, Working Mum, Wählerin, wählerisch, mag Menschen, Worte und Wale.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.