Mit Pomade, aber ohne Politik

Heinz Conrads kann niemand mehr live gehört oder gesehen haben, der nach Jänner 1986 das Licht der Welt erblickt hat.

Selbst Zeitgenossen des Conférenciers, die am Ende des Buches „Griaß eich die Madln, servas die Buam! Das Phänomen Heinz Conrads“ zu Wort kommen, haben ein gespaltenes Verhältnis zu dem Medienstar.

Warum sind die Recherchen der Wienbibliothek im Rathaus aus dem Nachlass Heinz Conrads dennoch so interessant?

Ein güldenes Buch mit dem güldenem Lesebändchen? Heinz Conrads ist Zeitgeschichte (*21.12.1913 - †9.4.1986) und war von 1946 bis 1986 wöchentlich in jedem Wohnzimmer und jeder Küche des Landes zu hören. Ganz nebenbei erfährt man, wie die Medienlandschaft in der sogenannten Besatzungszeit nach dem Zweiten Weltkrieg gestrickt war.

Wie sich jemand vierzig Jahre lang treu blieb und dabei von den einen geliebt und von den anderen gehasst wurde. Conrads überlebt mehrere ORF-Intendanten, bestritt Formate mit Product Placement, wechselte nahtlos vom Radio zum TV, zwinkerte wie kein Zweiter, bereitete sich akribisch vor, bot anderen und dem Wienerlied eine Bühne. Er wuchs bei der Oma auf und wurde ein Werbe- und Medienstar mit einem Herz für Kranke und Versehrte, der die vierte Wand in die Wohnzimmer der Menschen einzureißen versuchte.

Ein Rapid-Fan, viele Jahre der „Frosch“ in der „Fledermaus“, Funker im Krieg, über den er danach nie wieder sprach. Politik als Thema zu vermeiden war Teil seines Erfolgsrezepts. Sehr aufschlussreich sind auch die Interviews mit Günther Tolar und Alfred Dorfer. Heinz Conrads spielte in Charlies Tante mit, war ein in Werbefilmen und auf Plakaten omnipräsenter A-Promi. Er war der personifizierte Rathausmann, ausgebildeter Modelltischler und dann erst Schauspieler. Das Multitalent sang und spielte mit lebhafter Mimik mit Karl Farkas, Peter Alexander und Helmut Qualtinger. Freundlich, höflich, stets korrekt gekleidet, konservativ und abhängig vom Zuspruch des Publikums, versuchte er nie sich beim Rock’n Roll anzubiedern. Ein Phänomen über eine sehr lange Zeit.


Griaß eich die Madln, servas die Buam!
Das Phänomen Heinz Conrads. Conférencier, Schauspieler, Medienstar.
von Suzie Wong und Thomas Mießgang (Herausgeber)
Wienbibliothek im Rathaus
Residenz Verlag
350 Seiten
29,90 Euro

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