Vom Proletarierkind zur Parlamentarierin

Adelheid Popp war eine Pionierin.
Sibylle Hamann, Ex-Journalistin und heute Die Grünen-Abgeordnete, schreibt in der Einleitung der von ihr im Picus Verlag neu herausgegebenen Autobiografie über die erste Sprecherin im österreichischen Parlament:

Wenn man die erste ist, gibt es keine Schablonen.

Auch im 101. Jahr des Frauenwahlrechts in Österreich lohnt sich die Lektüre des schmalen Bands. Auch wer Österreichs Geschichte zu kennen glaubt, wird noch Neues erfahren, weil die weibliche Perspektive hier die Hauptrolle spielt.

Es sind viele interessante Kleinigkeiten, die den Informationsgehalt ausmachen: Dass Adelheids Mutter ihre Tochter nicht dabei unterstützt hat, sich für Frauen in der Politik einzusetzen. Oder die Schule zu besuchen. Oder unerwünschte Küsse abzuwehren. Oder den von ihr gewählten Mann zu heiraten. Wie das Leben der „Ziegelbehm“ in Inzersdorf aussah und warum Gemeindebauten daher ein riesiger Fortschritt waren. Dass die von Maria Theresia eingeführte Schulpflicht auch Lücken kannte. Dass Adelheid eine Leseratte war und wie es sich anfühlt, wegen kleiner Beträge auf Almosen angewiesen zu sein.

Adelheid Popp schrieb ihre später in viele Sprachen übersetzte Autobiografie nicht, weil sie sich für so besonders hielt, sondern weil sie eine Arbeiterin war wie viele andere. Als Mädchen ging sie nur kurz in die Schule, sie war eine billige Arbeitskraft für harte körperliche Arbeit und hatte viele verschiedene Arbeitgeber. Sexuelle Übergriffe standen an der Tagesordnung. Sie erzählt, wie sie von der Katholikin zur Sozialdemokratin wurde. Wie sie sich durchrang, die Stimme für Frauen zu erheben, wo bisher nur über und für Männer gesprochen wurde. Was der 1. Mai einmal bedeutet hat.

Popp forderte beständig Aufklärung, Bildung und Wissen für Frauen. Die Lektüre hilft, nicht zu vergessen. Wie Frauen heute in diesem Land leben können, beruht auf den Schultern der Riesinnen, die sich in der Vergangenheit für sie durchgesetzt haben.


Jugend einer Arbeiterin
Adelheid Popp
Herausgegeben von Sibylle Hamann
mit Essays von Sibylle Hamann und Katharina Prager
Picus Verlag 2019
158 Seiten
20 Euro

Astrid Kuffner
Astrid ist Wienerin, Working Mum, Wählerin, wählerisch, mag Menschen, Worte und Wale.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.