Schmäh, Sprengkraft und keinen Genierer

Nadja Maleh fotografiert von Nini Tschavoll

Name Nadja Maleh, geboren 1972 in Wien, Berufe Kabarettistin, Schauspielerin, Sängerin, wohnt in Wien Mariahilf.

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Ob Melanie, die Pädagogin des Grauens, das orientalische Heimchen Leila, Vollweib Lucia, die sächselnde Karaoke-Biene Ramona oder Mandala, die spirituelle Schlange: Seit 2007 steht Kabarettistin Nadja Maleh solo auf der Bühne und sprengt subtil weibliche Rollenbilder. Aktuell tourt sie mit ihrem Best-of-Programm, spielt in Bayern „Grünwalds Freitagscomedy“ und hat hoffentlich bald eine Band.

Wir treffen Nadja Maleh im Café Westend, wo das Personal überraschend freundlich ist. Wenn man den herben Charme des typischen Wiener Servierkörpers mag, könnte man „enttäuschend freundlich“ sagen. Das Kaffeehaus klassifiziert die Kabarettistin, Sängerin und Schauspielerin als „alt wienerisch“ (seit 1896 am Platz), hell und gut erreichbar. Hier fühlt sie sich immer wohl. Der Kaffeehauskellner ist ihr Wiener Lieblings-Charakterkopf. Sie schätzt „seinen gut versteckten Charme, der als patzige Antwort daher kommt. Aber ich bin ja auch ein Humortrüffelschwein“. Sie selbst beherrscht Wienerisch nicht im Alltag, sondern nur als darstellerisches Mittel.

Selbst zu schreiben begann sie, weil ihr fremde Texte nicht munden wollten. Mit Kabarett fing sie an, um nicht weiter zu kellnern. Ab 1995 trat Nadja Maleh im Duo mit Valerie Bolzano und in Comedy-Shows auf (Sat1, Pro7, ATV). Mit dem Start ihrer Solokarriere 2007 fand die Tochter eines Syrers und einer Tirolerin ihren unverwechselbaren Stil. Oder eigentlich viele.

Sie verkörpert Olga, Leila, Lucia, Melanie, Mandala, Ramona, Frau Professor Huber, eine Tiroler Kulturbeauftragte oder eine fatalistische Französin: Einmal blinzeln und sie streift sich die Charaktere mit Gesicht, Stimme, Geistes- und Körperhaltung über. Einige der Frauen spielt sie auch in ihrem aktuellen Best-of-Programm und „sie haben alle ein kleines Stück von mir“, gesteht sie.

Für ein Kabarettstück sammelt sie viel Material, dann wird verdichtet und angereichert, um die Figuren farbig und facettenreich zu machen. Die Inderin Mandala zum Beispiel, für deren Akzent sie stundenlang Bollywood-Filme ansah, „wirkt spirituell, ist aber ein ganz schönes Arschloch“.Inspiration findet sie glücklicherweise überall und ein Notizheft ist immer griffbereit.

Die Regisseurin Marion Dimali war schon während der Ausbildung ihre Lehrerin: „Sie kennt mich gut und hilft mir sauber zu spielen.“ Gesang, Dramaturgie, Technik und Schauspielerei – alles muss sitzen. In den Proben macht man alle möglichen Fehler. Je professioneller man wird, desto schneller durchläuft man diese Phasen „und am Ende sieht es ganz einfach aus“, lacht sie.

 

© Julia Wesely

© Mathias Leonhard

© Gary Milano

© Mathias Leonhard

 

Schauspielerin wollte Nadja Maleh immer werden. Wie jede Dreijährige spielte sie Rollenspiele und verkleidete sich. Aber es ging etwas weiter – und tiefer. Sie meldete sich stets freiwillig, wenn es etwas vorzulesen galt. Auf Video spielte sie Musicals und Jerry-Lewis-Filme auf und ab. Sie sang in der Schulband und spielte Loriot-Sketche im Bühnenspiel. „Vermutlich habe ich mir meine Kinderfantasiewelt einfach in das Erwachsenendasein herübergerettet“, meint Nadja Maleh. Ihre Eltern haben ihr den Freiraum immer gegeben, obwohl sie sich bestimmt Sorgen gemacht haben: „Ich habe täglich vor dem Fernseher getanzt, auf dem Schulweg Selbstgespräche geführt und hatte unsichtbare Spielgefährten.“

Gleich nach der Matura absolvierte sie eine Ausbildung am Graumanntheater und im Bewegungstheater Odeon in Wien. Als Schauspielerin hat sie sich für ein unstetes Dasein entschieden, den Wohnort Wien aber nie in Frage gestellt. Nach 14 Jahren auf Tournee reduziert sie ganz bewusst, weil sie am liebsten im eigenen Bettchen schläft.

Lebenslanges Lernen bezieht Nadja Maleh nicht nur auf Rollen und Texte. Mit Simon Baddi möchte sie ihr Stimmpotenzial noch mehr befreien und bringt das Gelernte sofort wieder auf die Bühne. Bei der Weiterentwicklung gehen Person und Persona Hand in Hand: „Je mutiger ich privat werde, desto mutiger werde ich auch auf der Bühne.“ Doch in den Comedy-Formaten herrscht in Österreich Stillstand. Hier findet sich stets nur eine Frau unter lauter Männern.

Nadja Maleh zitiert Showbiz-Urgestein Madonna, die in ihrer „Billboard Woman of the Year“-Rede gesagt hat, „dass Künstler in der Gestaltung ihrer Rollen freier sind, weil es nicht so viele fixe Idealbilder gibt, denen sie entsprechen müssen. Weibliche Comedians sprengen viele dieser Bilder.“ Es braucht hier – wie in allen anderen Bereichen – gegenseitige Wertschätzung der Geschlechter und ihrer Unterschiede.

Was zeichnet den Wiener Schmäh aus?  Der Wiener liebt Humor auf Kosten Anderer würde ich sagen. Mit einer Prise Schadenfreude, aber sehr unverkrampft – ohne Pointen zu bestellen.

Deine Vorbilder im Humor? Jerry Lewis ist mein Hero, aber auch Charlie Chaplin und Louis des Funes. Zeitlos geil sind auch Musicals wie Hair und Jesus Christ Superstar.

Worüber lachst Du? Ich lache jeden Tag sehr viel – am meisten über mich selbst.

Wie weißt Du, welche Witze gut funktionieren werden? Es ist mein Job ein Gespür für Pointen zu entwickeln. Dafür hat man idealerweise Talent und wird durch Übung und Erfahrung immer besser. Jede Vorpremiere ist eine Art Pre-Test.

Gehst Du selbst ins Kabarett? Ich bin abends meist beschäftigt. Ich versuche also zu Gemeinschaftsabenden und Jubiläen zu gehen, wo mehrere Kollegen und Kolleginnen spielen. Und ich sehe mir ganz bewusst den Nachwuchs an. Ich unterstütze Newcomer gerne, vielleicht weil ich mir selbst Unterstützer gewünscht hätte.

Welche ist Deine Lieblingsübung in Deinen „Zeig’ Dich“ Schauspielkursen? Wir haben alle Angst Fehler zu machen und zu scheitern. Das hindert uns am Kreativsein. Im Vorfeld meiner Kurse erstelle ich eine Liste von Dingen, die man bei einer Performance keinesfalls tun soll. Etwa zu schnell oder zu leise sprechen, schimpfen, furzen, sich nicht vorbereiten. Etwas Falsches zu tun, ist eine wichtige Quelle für Komik. Die Aufgabe ist ganz viele No Gos in einen Vortrag einzubauen. Erst wenn ich Fehler bewusst mache, kann ich sie kontrollieren. Wir benutzen die Fehler als Material zum Arbeiten.

Was ist Deine Goldene Regel fürs Kreativsein? Ich will den Druck und den Nimbus wegnehmen. Man muss den inneren Kompass auf das Ausrichten, was man gerne macht und so die Kreativität ins tägliche Leben hineinbringen. Machen, was man liebt, sei es gärtnern, kochen oder nähen. und es mit anderen teilen, das ist kreativ.

Was liest du aktuell? „Die gleißende Welt“ von Siri Hustvedt.

Welchen Film hast du zuletzt gesehen? Ich hab ewig keinen Film bis zum Ende geschaut, aber ich gebe zu, „Game of Thrones“-süchtig zu sein! 

Was ist dein Lieblingsfilm? Theaterstück? Einer meiner Lieblingsfilme ist „Himmel über der Wüste“ von Bertolucci. Mein Lieblings-Theaterstück ist Medea.

Was läuft derzeit auf deiner Playlist am meisten?   Die 5/8erl in Ehrn.

Welchen historischen Wiener bewunderst du? Sigmund Freud. Denn Freud und Leid liegen in Wien erstaunlich nah beieinander!

Dein Lieblingslokal für einen tollen Brunch? Die Manameierei im 17. Bezirk.

Wohin gehst du gerne zu mittag? Ins vietnamesische Restaurant TATA .

In welcher Bar gehst du gerne? Meine Lieblingsbar ist im Café Europa.

Wien schmeckt nach … deftigen Punschkrapferln.

Was isst du am liebsten in Wien?  Alles, was vegetarisch und lecker ist. Also viel! 

Wo feierst du mit deinen Freunden? Das geht immer und überall!

Wo entspannst du dich am besten? Auf meinem Sofa!

Gibt es Plätze oder Orte in der Stadt, die dich inspirieren? Jede lebendige, „wurlerte“ Ecke der Stadt! 

Hast du einen Verein, für den dein Herz schlägt? Mein Herz schlägt für den Verein ZUKI.

Dein persönlicher Stil? Orient meets Okzident, eine Mischung – so wie ich!

 

Astrid Kuffner
Astrid ist Wienerin, Working Mum, Wählerin, wählerisch, mag Menschen, Worte und Wale.