Schreiben aus einer gesättigten Lösung

Cornelia Travnicek fotografiert von Nini Tschavoll

Name: Cornelia Travnicek, geboren 1987 in St. Pölten, aufgewachsen in Traismauer. Nach einigen Jahren in Wien lebt und gärtnert sie heute in der Nähe von Tulln. Sie ist Schriftstellerin, Dichterin, Übersetzerin für Chinesisch, Informatikerin und Projektmanagerin beim Forschungszentrum VRVis.


Gerade ist Cornelia Travnicek aus einem fünfwöchigen Urlaub in Südostasien zurückgekehrt. Sie hat den Winter abgekürzt und sich bereit gemacht für die Lesungssaison. Ihr aktuelles Buch Feenstaub präsentiert sie am 18. März erstmals im Literaturhaus Wien. Es entführt in einen Peter Pan - Kosmos der Gegenwart, was weniger lieblich zu lesen ist, als es klingt. Die Figuren sind ambivalent, ihre Umgebung ist es auch: „Überall wo Ambivalenz ist, ist auch eine Story. Brüche und Risse innerhalb eines Menschen, zwischen Einzelnen und der Gesellschaft, oder zwischen Mensch und Gott - das sind alles klassische Storylines“.

Cornelia schrieb schon als Jugendliche, veröffentlichte und beteiligte sich an Wettbewerben. Der Sprachstrom in ihr ist stark und sucht sich stets unterschiedliche Gefäße: Lyrik, Prosa, Kolumne, Erzählung, Roman, Kinderbuch, Übersetzung, Theaterstücke. Die gebürtige Niederösterreicherin ist mit erst 33 seit gut 20 Jahren Teil des Literaturbetriebs. Sie hat Sinologie und Scientific Computing an der Universität Wien studiert und arbeitet Teilzeit in einem Forschungszentrum für Virtual Reality und Visualisierungen. Sie schreibt und übersetzt Kurzprosa und Lyrik aus dem Chinesischen. Die meisten Menschen bringen es nur in einer dieser Disziplinen zu einer gewissen Meisterschaft. Ist es Segen oder Fluch, so viele Talente zu haben?

Cornelia stapelt zunächst tief: „Ich habe im gesprochenem Chinesisch einen schrecklichen Akzent und mache in der Forschung heute mehr Projektmanagement“. Aber dann legt sie mit einem reflektierten Fazit nach: „Punktuell habe ich mich darüber geärgert, in nichts überragend zu sein, keine Expertin in einem Fach. Heute weiß ich, dass sich meine Talente in allen meinen Tätigkeiten als hilfreich erweisen“. Wer Sprache präzise einsetzt, kann auch länderübergreifende Forschungsprojekte koordinieren, wer Literatur, Film und Science Fiction mag, ist auch im Überschneidungsbereich zur Innovation gut aufgehoben. Durch die Selbständigkeit in der Schriftstellerei hat sie ihre Selbstorganisationsfähigkeiten geschult. Sie hat sich einen 'Way of Life' geschaffen, in dem für das alles Platz ist – und das ist auch eine Leistung.

Eines ihrer Lieblingsbücher ist Peter Pan, den Film mit Robin Williams hat sie viele Male gesehen. Die Idee einer modernen Version der verlorenen Kinder, die nicht erwachsen werden (dürfen), spukte schon einige Jahre in ihrem Kopf herum, bis sie ein Buch werden durfte. Ideen klopfen manchmal lange an den Hinterkopf, bevor sie heraus gelassen werden.

2012 gewann die Autorin beim Bachmann-Bewerb den Publikumspreis mit dem einzigen fertigen Kapitel aus „Junge Hunde“, das erst viel später ein ganzes Buch werden sollte. Davor wurde ihr erster Roman "Chucks" (2012) ein Erfolg, der im Herbst 2015 auch als Film in die Kinos kam. Die Idee für „Zwei dabei“ war zu gut, um sie fallen zu lassen und erschien letztlich bei Picus als ihr erstes Kinderbuch. Auch „Feenstaub“ ist nun bei Picus erschienen. Der Roman liegt auch als Film-Treatment vor, über das bereits Gespräche geführt werden. Vor dem Romanschreiben hatte sie ein Stipendium für ein Script bekommen und die dramaturgische Beratung weidlich genutzt.

Das Schriftstellergehirn beschreibt die Wissenschaftlerin folgendermaßen: „Ein Buch braucht mehr als eine Idee. Zunächst ist es nur eine Idee in einer wässrigen Lösung. Diese erste Idee zieht weitere passende Ideen an. Die Lösung reichert sich immer mehr an, bis sie gesättigt ist. Wenn dann ein Kristallisationskeim hineinfällt, kristallisiert daran die Geschichte aus. Manchmal ist die Kristallisationsidee schon am Anfang da, aber die Lösung ist noch nicht gesättigt.“

Geschichten können also länger reifen und Kreativität lässt sich nicht gut abschalten. Wenn das Gehirn nach einem arbeitsamen Tag noch auf Hochtouren läuft, skizziert sie manchmal auch nachts Ideen, die sie in der Folge tagsüber ausarbeitet. Wenn sie Lyrik schreibt, macht sie keine Prosa. Es sind für sie ganz unterschiedliche kreative Prozesse: Kurz und intensiv, etwas obskur bei Gedichten. Einen Roman mit Plot und Figuren zu konstruieren, ist logisch-technischer. Weil sie so vielfältig schreibt, hat sie auch noch nie zweimal mit derselben Lektorin oder Lektor gearbeitet und in mehreren Verlagen veröffentlicht.

Wie hält sie es mit dem Feedback von Lektorat und später Literaturkritik? Das „erste Paar fremder Augen, das über den Stoff geht“, ist wichtig und kein Buch stand beim ersten Wurf. Mit Korrekturen kann sie gut leben, wenn auf Augenhöhe argumentiert wird. Über positive Kritiken freut sie sich noch mehr, wenn sie von Menschen und Medien kommt, die sie schätzt. „Es ist nichts schlimmer, als wenn sich ein Buch und das passende Publikum verfehlen. Wenn der Klappentext zuviel will, die falschen Menschen adressiert“. Das ist übrigens auch ihr Tipp zur Leseförderung: „Es gilt das passende Buch für jedes Kind zu finden. Manche Bücher verraten einem etwas über sich selbst und das ist dann sehr wertvoll“.

Sie selbst hatte mit elf die Jugendbuchabteilung der Stadtbibliothek durch und wechselte in die Belletristik. Science Fiction und Robotergeschichten, aber auch Comics hatten es ihr angetan. Ihre Liebe zur Technik – mit HTL-Abschluss und Informatikstudium als Konsequenz – fußen ebenfalls in der Literatur: „Beide haben eine Vision der Zukunft, utopisch und dystopisch. Die Handhelds aus Star Trek sind heute als Handy allgegenwärtig. Und kreative Lösungen brauchen Literatur und Forschung.“

Welchen Ratschlag gibt die junge Autorin noch jüngeren? „Ganz generell bin ich der Meinung: Man sollte auch Dinge ausprobieren, in denen man nicht gut ist. Mein erster Tipp ist aber dranbleiben. Für das Schreiben braucht man Durchhaltevermögen. Und letztlich auch ein Bewusstsein dafür, wie man sich die Energie einteilt. Erkennen, wann man etwas lassen soll. Ich habe nicht nur einen Romanentwurf vernichtet.“ Gibt es dafür ein Ritual? Etwa so: Datei löschen, wieder herstellen, löschen, wieder herstellen, überarbeiten, löschen, wieder herstellen, archivieren und dann doch irgendwann ganz löschen. Und dann lacht sie.

Momentan übersetzt Cornelia Travnicek einen Gedichtband aus dem Chinesischen. Das ist eine Mischung aus Fingerübung, Gehirnjogging und Dekodierung. Außerdem eine wichtige Dienstleistung im Literaturgeschäft, „weil Übersetzungen einem Schriftsteller ja mehr Publikum bringen. Und das weiß ich auch zu schätzen“. Erst als sie selbst in New Mexico an einer German Summer School unterrichtete, fiel ihr auf, wie österreichisch ihre Werke sind. Seit damals versteht sie, wie schwierig es wäre, die kulturellen Referenzen und sprachlichen Feinheiten aus „Chucks“ ins Englische zu übertragen. Außerdem schreibt sie aktuell für die Niederösterreichischen Kindersommerspiele, die 2021 ein Jubiläum feiern. Sie gibt Workshops mit der Neuen Mittelschule Herzogenburg und erarbeitet die Grundidee und Teile des Plots mit den Jugendlichen. Ein junger Komponist schreibt die Musik für das Musical: „Ein sehr schönes Projekt, in dem viele Menschen etwas zu ersten Mal machen“.

Gehst du gerne ins Theater? Ja, leider viel zu selten. In St. Pölten etwa ins Bürgertheater und in die Theaterwerkstatt. In Wien ins TAG, ins Kosmos Theater und in den Rabenhof.

Welchen Film hast du zuletzt gesehen? Die Neuverfilmung von “Drei Engel für Charlie” mit Kristen Stewart ist gute Unterhaltung. Ich liebe Biopics. Ich habe mir “Colette” angesehen und möchte mir als nächstes “Die Dohnal” anschauen.

Was muss man gelesen haben? Peter Pan natürlich. Und überhaupt die literarischen Vorlagen von berühmten Kinderfilmen im Original: Mary Poppins, Das Dschungelbuch etc. Eine interessante Auseinandersetzung auch mit Intermedialität.

Deine Wiener Lieblingswort? Leiwand.

Warum treffen wir uns in diesem Grätzel? Ich bin seit fünf Jahren Veganerin und ein ziemlicher Foodie. Die Operngasse ab der TU und die Margaretenstraße sind mein Territorium und ich empfehle sie als Ganzes. Es wird dort immer noch besser. Mit Blue Orange, Superfood Deli, Matcha Komatchi, Swing Kitchen, diversen Asia Lokalen und jetzt auch allem, was ein Bao ist. Etwa die Bao-Bar. Die U1 ist meine Lebenslinie: Ich komme am Hauptbahnhof rein und arbeite beim Vienna International Center. Ich gehe hier mit einer Freundin zu Supercycle. Und den neuen Copa Beach finde ich sommers ziemlich toll.

Was läuft auf deiner Playlist? Die Two Gallants höre ich oft zum Laufen. Ich bestreite mein Wiener Laufjahr als Mitglied im “Team Vegan”, dem Sportteam der Veganen Gesellschaft.

Ein Lieblingsort in Wien? Ich sehe während meiner Arbeit auf die Reichsbrücke. Da kann man aus den oberen Stockwerken ziemlich tolle Sonnenauf- oder untergänge sehen

Deine Botschaft für Wien? Werde mehr so, wie du bist.

WEB 

TIPP:
Der Eintritt zur Buchpräsentation von "Feenstaub" am 18. März im Literaturhaus Wien ist wie immer frei. Spenden werden zu Gunsten des Kinderschutzzentrums Wien gesammelt. An diesem Abend gibt es auch musikalische Begleitung durch die Band TROI und für ein Lied hat Cornelia Travnicek den Text geschrieben.

Astrid Kuffner
Astrid ist Wienerin, Working Mum, Wählerin, wählerisch, mag Menschen, Worte und Wale.
Nini Tschavoll
Nini fotografiert, schreibt und bloggt digital.
Mag aber auch analog noch immer.

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