Werteorientiertes Casting fürs Portfolio

Armand Colard fotografiert von Nini Tschavoll

Name: Armand Colard, geboren 1976 in Wien, aufgewachsen in Niederösterreich und Haifa, wohnt heute in Leobendorf. Er ist von Beruf Sozialunternehmer mit der b2b-Beratung ESG Plus und betreibt mit seinem Team die Plattform CLEANVEST, auf der das Portfolio mit den eigenen Werten abgestimmt werden kann.


Start-up, Spin-off und Social Entrepreneur: Armand Colard darf gleich drei Buzzwords auf seine Biografie anwenden. Eigentlich redet er aber lieber Klartext und nennt sich Sozialunternehmer. SozialunternehmerInnen verdienen Geld, indem sie ein gesellschaftliches Problem lösen. Armand Colard ist Geschäftsführer der Firma ESG Plus, die datenbasierte Beratung für Finanzunternehmen anbietet. Hier verdient der dreifache Familienvater das Geld für die hungrigen Mäuler zu Hause.

ESG steht für Environmental – Social – Governance, ein Börsebegriff für Produkte mit Augenmerk auf Nachhaltigkeit. Das Plus steht für eine Prüfung auf Herz und Nieren, die weiter als marktüblich geht. Als kostenloses Serviceprodukt für Konsumentinnen und Konsumenten betreibt ESG Plus die Plattform CLEANVEST. Die Grundidee dahinter ist, Nachhaltigkeit und Investieren zusammen zu bringen. Jede und jeder soll die Möglichkeit bekommen, das eigene Geld so zu veranlagen, dass es mit dem eigenen Wertekompass zusammenstimmt.

„Wenn ich ein Pazifist bin, der auf Klimademos geht, wäre es widersinnig, mein Geld in Unternehmen zu stecken, die Waffen und fossile Energieträger fördern“, bringt Armand es auf den Punkt. Wer also Kinderarbeit, Waffenproduktion oder Atomenergie ausdrücklich nicht unterstützen will, stellt diese Parameter bei der Suche nach zugelassenen Finanzprodukten auf „strikt“ ein.

Auf CLEANVEST können NutzerInnen aus 3.300 erfassten Fonds, die in Österreich zugelassen sind, nach ihren Wertvorstellungen auswählen. Die Benutzung ist kostenlos, „weil KonsumentInnen nicht dafür bezahlen sollen, dass es keine Transparenz in diesem Bereich gibt“. Kleiner Spoiler: Wer bei allen angebotenen Parametern die Präferenzen auf „strikt“ stellt, bekommt keinen einzigen Fonds mehr angezeigt. „Mit der Plattform wollen wir im Finanzsektor als ersten Schritt zu mehr Nachhaltigkeit Transparenz schaffen“, betont Armand, der sich seit gut 15 Jahren mit der Schnittstelle von Umweltschutz und Finanzwelt beschäftigt.

Das grüne Unternehmen wurzelt in der Naturschutzorganisation WWF Österreich, wo Armand 2005 durch bürokratische Zu- und Zwischenfälle seinen Zivildienst absolvierte. Auf die Frage „was er zum Bereich Umwelt und Wirtschaft beitragen könne?“ antwortete er damals: „Ich interessiere mich für Banken.“ Der Biologe mit Spezialisierung auf Umweltökonomie entwickelte ein Konzept, das letztlich in einem Sustainable Finance Team des WWF mündete. Ab 2006 arbeitet er an der Umsetzung im WWF Büro in Ottakring. Drei Entwicklungsschritte waren bis zum jüngsten Projekt CLEANVEST zu gehen.

Zunächst entwickelte er im Auftrag einer Bank ein restriktives Produkt, eine Art "Ökofond" mit verantwortungsvollen, grünen Zukunftsunternehmen. Es gelang. Aber was nutzt ein Ökofonds unter hunderten ungeprüften, die von „superschmutzig“ bis „green“ sein können? 2010 bekam das Sustainable Finance Team des WWF die Möglichkeit, die gesamte Veranlagungsstrategie eines Versicherungsunternehmens zu prüfen. Der Hebel war deutlich größer durch die Veranlagung selbst und indirekt über jeden investierten Prämien-Euro.

Aber alle CEO im Finanzsektor einzeln von so einer Strategie zu überzeugen dauert lange und muss nicht fruchten. Im dritten Schritt prüfte das Team – nun bereits als ESG Plus - die 100 größten Fonds in Österreich mit wasmachtmeinfonds.at. Das Projekt führte auf die richtige Spur: KonsumentInnen als InvestorInnen zu ermächtigen. Zwei weitere Jahre wurde an CLEANVEST getüftelt, um die Plattform im Hintergrund „streng“ und im Vordergrund „leicht bedienbar“ zu werden.

2015 gründete sich ein Teil des damals siebenköpfigen WWF-Finanz-Teams als ESG Plus aus der traditionsreichen Naturschutzorganisation aus. Armand spürte, dass er Lust darauf hatte dieses Unternehmen aufzubauen und zu leiten. Seit Juli 2019 ist CLEANVEST online. Die Datenbank, Herzstück der wertorientierten Auswahl auf Knopfdruck, wird laufend gewartet. Doch wie und was wird geprüft und warum können sich KonsumentInnen darauf verlassen? Das inzwischen achtköpfige Team mit grüner Seele, eine Mischung aus IT-Fachleuten, Ökonomen und Biologen, wertet Berichte von renommierten, unabhängigen Institutionen aus. Für jedes im Fonds enthaltene Unternehmen wird geprüft, ob Meldungen in einem Problemfeld auftauchen.

Waffenfreiheit als Kriterium ist einfacher als Kinderarbeit oder Artenschutz. Das SIPRI (Stockholm International Peace Research Institute) gibt jährlich eine Liste heraus, die umsatzanteilgenau Waffenhersteller ausweist. Es gibt auch eine Schweizer Agentur, die weltweit Medien auf Vorfälle in Unternehmen oder deren Lieferkette scannt. Die Rohdaten werden von ESG Plus weiter geprüft. Wenn ein Fall bestätigt werden kann, wird das Unternehmen in der Datenbank neu eingestuft. Auch wegen möglicher Rufschädigung gilt es „echte Fälle“ von „Hörensagen“ zu unterscheiden.

Bei der Auswahl der Fonds bedeutet die Einstellung „strikt“ also Null-Toleranz. Die Einstellung „wichtig“ bedeutet, dass es „Verschmutzungen“ im Fonds geben kann, weil die Selektion einfach sehr stark ist. Bei einem Test in der Vorwoche gab Armand als Parameter Waffen- und Fossilfreiheit ein, was die Auswahl von 3300 auf 345 mögliche reduzierte. Natürlich werden auch immer mehr neue, grüne Fonds konzipiert, die können aber noch keine langjährig gute Performance vorweisen. Wer wie in Österreich investiert, wollen wir wissen. „Frauen sind offener für das Thema nachhaltig investieren. Quantitativ, sowohl von den Volumina als auch der Anzahl sind weibliche Investorinnen aber noch in der Unterzahl“, weiß Armand.

Auch über die Vor- und Nachteile der Start-up Kultur weiß er einiges zu erzählen. „ I’ve had my fair share of pitches“, lacht Armand heute. Diese Vorstellungs-Bewerbe nennt er ambivalent, stressig und kompetitiv. Auch ESG Plus hat Preise und Geld gewonnen, aber das Prozedere – ein bis drei Minuten vor einer Jury für die Präsentation der Idee, dann in Casting-Manier „Daumen hoch“ oder „Daumen runter“ – das hat ihn Nerven gekostet und einige graue Haare eingebracht. Meistens war er einer der Ältesten auf den Start-up Events. Was ihn begeistert, ist der Ideenreichtum junger Menschen. Wovon er abrät, ist das Antreten in Events, wo Kraut und Rüben vermischt werden. Er war mit Unterstützung von Ashoka und der EU in Impact und Social-Business-Bewerben gut aufgehoben, was gewisse Leitplanken gewährt. Sich mit einer Fondsbewertungs-Plattform zwischen Gadgets und Lifestyle vor mediengeilen Bauchgefühl-Casting-Jurys zu bewähren, hat er sich erspart.

Im kommenden Jahr will Armand Deutschland und Schweiz als Markt bearbeiten. Mit dem Dreiländereck könnte als Etappenziel der Großteil der in Europa zugelassenen Fonds abgedeckt werden. Zudem will er langfristige Fintech-Kooperationen einfädeln, etwa mit Wikifolio. Wer Umweltbewusstsein im Namen trägt, steht mit seinem Verhalten unter öffentlicher Beobachtung (vielleicht nennen wir es den Kogler-Effekt?). Armand entschuldigt sich ungefragt für die umzugsbedingt noch aufgestellte Kapsel-Kaffeemaschine. Die umweltfreundlichere ist noch in einer Kiste.

Was tust du sonst für ein nachhaltiges Leben? Mir gefällt ein Zitat von Charly Kleissner, der sinngemäß sagt: Es geht nicht darum alles richtig zu machen, sondern darum, die negativen Einflüsse zu minimieren und die positiven zu maximieren. Alles hat einen Impact, auch die Bio-Jeans. Seit ich mit 16 eine Wette gewinnen wollte, bin ich Vegetarier. Inzwischen auch aus Tierwohl- und Klimagründen. Als Firmenauto haben wir ein kleines E-Auto, einen Renault Zoe. Ich pendle damit von Leobendorf zum Park & Ride bei der Reichsbrücke und bin in Wien nur öffentlich unterwegs. Unser 30 Jahre altes Wohnhaus haben wir generalsaniert und gedämmt. Seit die Solaranlage auf dem Dach ist, lade ich nicht nur das Auto. Ich räume in Windeseile Waschmaschine und Geschirrspüler ein, wenn die Sonne scheint. Das freut auch meine Frau. Durch die in der Welt verstreuten Freunde und Familie sind wir aber immer wieder mit dem Flugzeug unterwegs.

Wie ist deine Beziehung zu Wien? Ich liebe Wien untertags. Da brauche ich etwas Städtisches und Hektisches. Wir haben eine tolle On-Off-Beziehung. Es ist mein Lebenszentrum. Ich habe hier studiert und arbeite hier. Aber am Wochenende und am Abend lebe ich gerne ruhig im Grünen. Wenn die Kinder betreut sind, fahre ich mit meiner Frau manchmal in die Stadt rein und wir gehen essen.

Was ist dein Wiener Lieblingsgericht und wo gibt es die besten Falafel? Selbstgemachter vegetarischer Zwiebelrostbraten mit Soja als Fleischersatz – die Senfsauce ist genial. Und die besten Falafel gibt es bei Maschu Maschu am Rabensteig. Das beste persische Essen, meine Mama ist ja Perserin, gibt es beim Pars in der Lerchenfelder Straße und beim Kardamom  am Schwedenplatz. Habibi & Hawara ist auch großartig. In Wien fühle ich mich kulinarisch sehr gut aufgehoben.  Zum alten Fass in der Ziegelofengasse hat Wiener Küche und es verströmt das Flair vergangener Jahrzehnte bis in die Fifties mit einem schönen Innenhof.

Für welchen Verein schlägt dein Herz? Für Neongreen Network, den WWF und Ashoka.

Was liest du? Von Erich Hackl will ich ganz generell alles empfehlen: zum Beispiel Familie Salzmann, Abschied von Sidonie, Als ob ein Engel. Jetzt gerade lese ich ein Buch über Österreichische Erfolgsgründer aus dem Jahr 2015.

Welchen Film hast du zuletzt gesehen? Mein ältester Sohn und ich sind Marvel Comic Fans und haben natürlich alle Avengers-Filme gesehen. Den Film "The Aeronauts" fand ich gut. Monsieur Claude und seine Töchter mag ich sehr – auch den zweiten.

Was läuft auf deiner Playlist? Seit ich 40 bin, höre ich im Auto Ö1. Wenn ich mich bei der Arbeit konzentrieren muss, höre ich Daft Punk Random Access Memories. Das führt mich in die Fokuszone. Red Hot Chilli Peppers geht auch immer, vor allem die alten Alben.

Was ist dein Wiener Lieblingswort? Eindeutig Haberer. Das Wort kommt vom hebräischen Wort „chaver“ für Freund und kennt so viele geniale Varianten für unterschiedliche Kontexte wie der Habschi, verhabert sein, ...

Wien schmeckt nach...? Einem großen Braunen.

Hast du einen Lieblingsort in Wien? Ich fühle mich immer dort wohl, wo ich gerade verankert bin. Viele Jahre das Grätzel bei der Ottakringer Brauerei, dann beim Schwedenplatz und jetzt hier im Schleifmühlviertel.

Was möchtest du Wien gerne ausrichten? Wien ist charmant und so soll es bleiben. Aber bitte bleibe auch weltoffen und halte deine Vielfalt hoch.

WEB

Astrid Kuffner
Astrid ist Wienerin, Working Mum, Wählerin, wählerisch, mag Menschen, Worte und Wale.
Nini Tschavoll
Nini fotografiert, schreibt und bloggt digital.
Mag aber auch analog noch immer.

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