Migration als Wachstumsmotor

Judith Kohlenberger fotografiert von Nini Tschavoll

Name: Judith Kohlenberger, geboren 1986 in Eisenstadt, aufgewachsen in Wallern, kam 2005 zum Studium nach Wien, wohnt in der Leopoldstadt und arbeitet als Fluchtforscherin an der WU Wien.


Exotisch, aber nicht fremd, so könnte man den Status von Judith Kohlenberger an der Wirtschaftsuniversität wohl beschreiben. Die Kulturwissenschaftlerin arbeitet am Department Sozialökonomie zu Sozialpolitik, noch konkreter in der Migrations- bzw. Fluchtforschung. Tatsächlich ist die Verbindung zwischen (erzwungener) Migration und Ökonomie sehr stark. In ihrer Forschung zeigt sich deutlich, „dass es die wirtschaftlichen Ressourcen sind, die darüber entscheiden, ob jemand migrieren oder flüchten kann“. Wem durch Krieg oder wirtschaftliche Rezession die Einkommensquellen entzogen werden, der wird eher gehen wollen. Ob eine Person ihre Fluchtpläne in die Tat umsetzen kann, hängt ebenfalls von den vorhandenen Mitteln ab. Ganz arme Menschen können nur innerhalb ihres Herkunftslandes oder vielleicht in ein Nachbarland flüchten. Und hier sind wird schon bei der ersten der oft gehörten Klagen zum Thema Flucht und Migration: Es kommen so viele alleinstehende junge Männer!

Woran liegt das? „Es gibt kaum bis keine legale Möglichkeit, nach Österreich zu migrieren“, antwortet Judith Kohlenberger. Der irreguläre Weg, vulgo Schlepperunwesen, ist kostspielig. Im Schnitt schlägt diese fragwürdige Dienstleistung mit einem Jahreseinkommen zu Buche. Dazu kommt, dass an Kriegsschauplätzen meist auch eine massive Inflation herrscht. Die Menschen verschulden sich also, legen im Familienkreis zusammen, verkaufen Hab und Gut und versuchen zunächst, einer Person zur Flucht zu verhelfen. 50% der Geflüchteten weltweit sind Frauen. Wenn es aber um Fluchtgründe geht, muss man die Verletzlichkeit, in der Fachsprache Vulnerabilität, etwas breiter denken. An Kriegsschauplätzen wie Syrien sind junge Männer durch Wehrpflicht und Foltergefängnisse sehr gefährdet und werden deswegen häufig zuerst losgeschickt.

Wie und wann kam Judith Kohlenberger zur Fluchtforschung? Persönliche Betroffenheit kann sie ausschließen, ist sie doch 2005 nur vom Neusiedlersee nach Wien gezogen, um zu studieren. Aufgewachsen ist sie in unmittelbarer Nähe zur „Brücke von Andau“, über die 1956 zehntausende ungarische Flüchtlinge den Weg nach Österreich fanden, wo sie von der ansässigen Bevölkerung versorgt wurden. An der WU begann sie im Sommer 2014 am Tag nach ihrer Defensio. Ihre Dissertation war noch eher theoretisch denn empirisch ausgerichtet. Als aber im Frühherbst viele Geflüchtete am Westbahnhof ankamen, kam das Forschungsthema zu ihr.

Sie stürzte sich kopfüber in die Feldforschung. Der Auftrag kam durch eine Masterstudierende zustande, deren Idee für eine Arbeit einen Mangel an Daten aufzeigte. Der Demograf Wolfgang Lutz setzte kurzerhand Judith und eine Kollegin darauf an „nicht die Köpfe zu erfassen, also die Frage zu beantworten, wie viele ankommen, sondern wer kommt und was in den Köpfen steckt“. Soziodemografische Daten, Bildungsstand, berufliche Qualifikationen, Bleibeabsicht, etc. sollten erhoben werden. Rasch wurde ein Team zusammengestellt, denn die zu untersuchende Gruppe blieb nur kurz gesammelt in Notunterkünften.

„Wir mussten rasch ins Feld. Die Lernkurve war am Anfang sehr steil. Und uns wurde schnell bewusst, was für eine eurozentrische Brille wir aufhaben. International ist man in der Forschung schnell einmal – aber fast alle sind aus der „westlichen“ Welt. Unser syrischer Kollege im Team war deshalb ein große Bereicherung“, betont sie. Migrationsforschung durch Menschen mit einschlägigen Erfahrungen ist wertvoll. Ohne interkulturellen Hintergrund, Sprachkompetenz oder gar Fluchterfahrung wird man falsch oder gar nicht verstanden, verstört möglicherweise sogar die Befragten. Es ist etwa wichtig, die standardisierten Fragebogen anzupassen, weil es beispielsweise Konzepte wie Teilzeit oder Vollzeit in Syrien nicht gibt. Oder eine Gewerbeordnung. Kriegsvertriebe als erstes nach dem Familienstand und der Kinderzahl zu fragen, kann rasch ein psychologisches Minenfeld für alle Beteiligten offenbaren: „Uns wurde schnell klar, dass wir mit sehr viel Demut ins Feld gehen müssen. Es gab Schulungen für das Erhebungsteam, psychologische Debriefings, Supervision etc.“ Ein gutes Thema in den Gesprächen war das bei uns eher negativ konnotierte Thema „Humankapital“. Befragte, die gerade alles verloren hatten, konnten erzählen, wer sie sind, was sie gelernt haben und worin sie gut sind. Arbeit ist eben auch identitätsstiftend. Das Spannende an der Fluchtforschung „ist die Interdisziplinarität des Feldes, also dass sich verschiedene Fachleute aus ihrer jeweiligen Richtung einem Thema annähern“.

Seit 2015 wurden im deutschsprachigen Raum zudem (endlich) Forschungsnetzwerke zum Thema gegründet (wie etwa das Refugee-Outreach-and Research-Network in Österreich). Ein deklariertes Ziel von ROR-N ist auch „dazu beizutragen, dass sich Forschende mit Fluchthintergrund in die akademische Forschung einbringen können“.

Doch weiter mit den klassischen Klagen und Patentrezepten. Ein Liebling von Judith Kohlenberger ist der „Deutsch-Fetisch“, denn „wenn man sich nur auf die deutschen Sprachkenntnisse als Integrationsindikator fokussierte, wäre die UNO-City in Wien die größte Parallelgesellschaft“. Ganz generell vermisst sie eine 360-Grad-Perspektive auf Menschen, statt einen Fokus auf Defizite. In manchen gering qualifizierten Jobs wie z.B. am Bau ist Deutsch nicht die Qualifikation Nummer eins, sondern vielleicht Rumänisch oder Polnisch. Und Kriegsflüchtlinge bringen oft nicht die nötige psychische Gesundheit als Voraussetzung für den Arbeitsmarkt oder Deutschkurse mit. Auch „Integration durch Leistung“ wird als Credo nicht eingelöst.

„Das Schema-F funktioniert bei Integrationsmaßnahmen nicht: Wir reden immer über ‚den Flüchtling’, aber es ist eine heterogene Gruppe, die unterschiedliche Bedürfnisse und Voraussetzungen hat.“ Und selbst wenn man, wie die amtierende Justizministerin, einfach alle Integrationsvorgaben erfüllt, schlägt das „Integrationsparadox“ zu. „Besser integriert als Alma Zadić kann man nicht sein, aber je mehr Aufstieg und Sichtbarkeit, desto mehr wird man angefeindet und dennoch weiter als fremd ausgewiesen.“

Judith Kohlenberger nimmt mit ihrem laufenden Forschungsprojekt „Women’s Integration Survey (WIN): Inclusion, Participation and Enablement of Refugee Women in Austria” Frauen in den Fokus. „Wir reden von Enablement und nicht Empowerment, denn geflüchtete Frauen müssen erst einmal ankommen, bevor sie sich ermächtigen oder ermächtigt werden können“, erläutert die Forscherin. Geflüchtete Frauen bezeichnet sie als „Projektionsfläche“. Von ihnen wird überspitzt erwartet, dass sie als unterdrückte, leidende Frau in den emanzipierten Westen kommt, frisch aus dem Patriarchat befreit das Kopftuch herunterreißt und sagt: Los geht’s!

Die Feldphase des Projekts hatte Judith glücklicherweise schon im Februar 2020 abgeschlossen. „Eine bessere Entscheidung habe ich dieses Jahr nicht getroffen“, lacht sie. Über Ergebnisse wird sie erst nach dem Peer Review und der Publikation im Frühjahr 2021 sprechen. Grundsätzlich hat sie syrische und irakische Frauen und Männer (als Vergleichsgruppe) befragt und Fokusgruppen einberufen. Dort klagten Frauen häufig über viele Termine und wenig Unterstützung bei der Sorgearbeit.

Das Handling von Sprachkurs, Amt, Gesundheit, Bildungswesen und so fort fällt ihnen zu. Frauen aus der gehobenen Mittelschicht mit Großfamilie, denen die Flucht gelang, hatten unter Umständen im Herkunftsland mehr Hilfe. Die Männer klagten hingegen über das unproduktive Herumsitzen, das 'Nichts tun dürfen'. Auch im ach so unpatriarchalen Österreich, das die Emanzipation der Frauen schon erledigt hat (?!), dürfte das der einen oder anderen Frau bekannt vorkommen. Und so sind auch die Policy-Empfehlungen die gleichen, wie sie Frauen in Österreich generell helfen würden: flächendeckende Kinderbetreuung, Jobs, die ökonomische Unabhängigkeit gewähren und eine gerechtere Aufteilung der Care-Arbeit.

Die Stimmung in Wien hat der Fluchtsommer 2015 sicher verändert. Aber hat sich auch das Antlitz der Stadt verändert? „Die Debatte wurde hochgejazzt, aber die Dimensionen waren relativ klein“, meint Judith Kohlenberger. Einen erkennbaren Effekt auf die Altersstruktur oder den Arbeitsmarkt gibt es für sie nicht. Die Zahl der Gebliebenen führt zu keiner deutlichen Veränderung. Wenn es Verdrängungseffekte gäbe, dann mit anderen Gruppen von Ausländern. „Migration war immer schon der Motors des Wachstums für Wien. Mit dieser letzten Fluchtbewegung wurde das Bewusstsein angestoßen, dass man Strukturen schaffen muss, um Integration zu ermöglichen.“ Seit 2016 gibt es ein Integrationsgesetz, dass Rechte und Pflichten regelt. Also nicht nur Erwartungen definiert, sondern auch den Weg zur Integration. Das findet Judith Kohlenberger interessant, weil Österreich nicht erst seit 2015 ein Einwanderungsland ist.

Verändern sich die Ressentiments oder bleiben sie immer gleich stark? „Zunehmend sehe ich eine Entkoppelung des politischen Diskurses von der Realität in der Stadt. Viele wissen, dass es in Favoriten nicht tatsächlich brennt. Vorhandene Konflikte werden stark ethnisiert. Uns ForscherInnen wird häufig vorgeworfen, wir hätten die Realität nicht im Blick.“ Dabei hat sie neben persönlichen Erfahrungen auch Indikatoren. Ein aktueller OECD-Bericht attestiert Wien, dass die Integration gut funktioniert. „Ich spreche einigen politischen VertreterInnen ab, dass sie mögliche Konflikte wirklich lösen wollen, weil sie so Wählerstimmen generieren. Was machen die, wenn ich ihnen das Thema wegnehme, indem Problemlagen, die mit Migration einhergehen, abgebaut werden? Das können wir auch in anderen Ländern in Europa sehen.“

Also alles in Butter? „Wir müssen die Probleme beim Namen nennen. Wenn wir Migrationshintergrund sagen, meinen wir in Österreich nicht einen Kanadier in der UNO-City, sondern eigentlich Klasse.“ Gut zu sehen ist das im Bildungsbereich. Sozioökonomisch schlechter gestellte Kinder haben es schwerer. Das hat mit Herkunft und Religion aber wenig zu tun. Oder dem Patriarchat aus dem Ausland. „Die Ursachen können wir mit Indikatoren belegen, aber politische Nebelgranaten verschleiern das. Dann wird eine Dokumentationsstelle für den politischen Islam geschaffen und mit Ressourcen bedacht, statt an ökonomischen Stellschrauben zu drehen und OECD-Empfehlungen für den Bildungsbereich endlich umzusetzen.“ Für die Forscherin sind viele Sachfragen ideologisch motiviert. Die müsste man auch offen ansprechen. Geht es um Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit oder sollen manche eben lieber doch unten bleiben in unserer Gesellschaft? Die Kinder der syrischen Geflüchteten, die vorwiegend aus der Mittelschicht stammen, passen insofern gut hierher, weil Bildungskarrieren in Österreich immer schon vererbt werden. Und syrische Akademiker-Eltern sind oft genauso bildungsaffin wie österreichische.

In Deutschland hat das BAMF, das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, eine eigene Forschungsabteilung und kann aufgrund des Zugriffs auf die amtlichen Daten repräsentative Samples ziehen. So kann mit erhobenen Daten auch gezielt gesteuert werden, wenn eine Gruppe von Geflüchteten zurückfällt. „Bei uns ist es ein Fleckerlteppich. Meine Studien können nie vollständig repräsentativ sein, weil ich die Gesamtzahl der Geflüchteten nicht kenne und das methodisch gewichten muss.“ MadameWien will sich jedenfalls die Empfehlung der Wissenschaft für die Berichterstattung über Migration zu Herzen nehmen, nachzulesen auf der Webseite des Instituts: „Verantwortungsvolle Berichterstattung über Migration muss sich auf Tatsachen stützen können. Dafür ist nicht nur wichtig, die richtigen Zahlen und Statistiken zu verwenden, sondern diese auch in Kontext zu setzen, einzuordnen und Hintergründe zu erklären.“

Was gibt es nur in Wien? Sudern auf dem allerhöchsten Niveau.

Was ist Ihr Lieblingsort in Wien? Eindeutig der Prater. Zum Ausspannen, Erholen, Spazieren und Flanieren, Sport treiben und Seele baumeln lassen.

Gibt es Plätze oder Orte in der Stadt, die Sie inspirieren? Ich mag das Ironisch-Imperiale an Wien sehr, sowohl in der Innenstadt als auch im Schloss Schönbrunn oder in den Bundesmuseen. Ein bisschen übertrieben, ein bisschen aus der Zeit gefallen, aber immer eine Aufwertung des eigenen Alltags.

Was ist Ihr Wiener Lieblingswort? Passt (mit einem ganz langem „a“). Das höre ich vor allem im Zusammenhang mit meiner Forschung gern.

Wonach riecht oder schmeckt Wien? Nachdem ich in Praternähe wohne: nach Zuckerwatte und Langos. Und natürlich Kaffee.

Wollen Sie unseren LeserInnen ein Buch zum Thema empfehlen?  Reibungsverluste von Mascha Dabić, die selbst als Übersetzerin und Dolmetscherin arbeitet, beschreibt eindrucksvoll die Rolle von Sprachvermittlung in der Psychotherapie für traumatisierte Flüchtlinge. Und ein Sachbuch, das ich allen im Bildungsbereich Tätigen ans Herz lege, ist Melisa Erkurts Generation Haram.

Ihr Lieblingslokal? Ich habe im Sommer den Dogenhof auf der Praterstraße entdeckt und lieben gelernt. Mein Geheimtipp sind die Speckbuchteln, und danach kann man in der angeschlossenen Buchdruckerei herrlich schmökern.

Was möchten Sie Wien ausrichten? Was ist Ihre Botschaft für Wien?
Ein einfaches, herzliches Danke – Wien hat mich zu der Frau gemacht, die ich heute bin.


WEB

Astrid ist Wienerin, Working Mum, Wählerin, wählerisch, mag Menschen, Worte und Wale.
Nini schreibt, fotografiert und bloggt digital.
Mag aber auch analog noch immer.

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