Nicht Everybody´s Darling

Chris Lohner fotografiert von Nini Tschavoll

Name: Chris Lohner, geboren 1943 in Wien Döbling, von Beruf Schauspielerin, Moderatorin, Journalistin. Sie arbeitete beim ORF als Sprecherin und leiht der ÖBB ihre Stimme für Durchsagen auf Bahnhöfen und in Zügen. Sie lebt in Wien Liesing.


Ein kleines, gemeines Virus mit dem Namen Sars-CoV-2 bringt es mit sich, dass Interviews dieser Tage bevorzugt im Freien stattfinden. Auch Chris Lohner konnte sich dafür begeistern und kam – wie immer – mit perfekter Frisur, eingehüllt in einen flauschigen Daunenmantel und mit sehr bequemen, sehr neuen Schuhen, die nach dem Spaziergang durch Wald und Wiese nicht mehr ganz so neu aussahen. Doch fangen wir von vorne an.

Unser Ausgangspunkt für die ausgedehnte Runde durch den Wienerwald ist eine Ansammlung von Wohnwagen und Zelten in jahreszeitenbedingt trister Umgebung. Ein Zirkus, der an der Bundesstraße kurz vor einer Ortseinfahrt gestrandet ist und nicht weiterreisen darf, hat Chris Lohners Aufmerksamkeit erregt. Durch die Covid-19 Bestimmungen sind auch in Zirkussen keine Einkünfte zu erzielen, zu Fressen brauchen die Tiere dennoch. Lohner mag den Zirkus, solange keine Raubtiere oder Elefanten dabei sind, und will helfen. Während wir vorbei spazieren, erzählt sie von einem Spendenaufruf, den sie gestartet hat, um dem Zirkusdirektor unter die Arme zu greifen. Sie trommle unaufgeregt für so manche Initiative und nütze gelegentlich auch ihre Popularität dafür, erklärt sie. Großes Aufheben um ihre Person macht sie dabei nicht, wie wir im Laufe des Gesprächs noch erfahren.

Vorerst aber hält Chris Lohner gleich einmal einen Schwank aus ihrer Zeit als Model bereit. Die Erinnerung ist den riesigen Trampeltieren gezollt, die sie aus einer Mischung aus Neugier und Gleichgültigkeit unter dem Zeltdach hervor beobachten. Im Libanon habe sie 1967 auf Kamelen reitend im Badeanzug (!) für eine Werbe-Kampagne einer Sonnencreme-Marke gemodelt, erzählt sie, als wäre das das Normalste der Welt für eine junge Frau.

Nach der Matura reist sie mit 18 für ein prägendes Austauschjahr in die USA. Dort lernt sie Disziplin und entwickelt Offenheit und Toleranz für verschiedene Ethnien, für People of Color, für Buntheit im Leben, wie sie es nennt. Wieder zurück in Wien, trifft sie einen Fotografen und geht mit ihrer Mutter zum Vorstellungstermin, das muss man sich mal vorstellen, erinnert sie sich lachend. Ab 1962 beginnt sie zu modeln, finanziert damit ihr Studium und kommt auf der ganzen Welt herum.

Als sie 10 Jahre später den gut bezahlten Model-Job an den Haken hängt, hat sie ein abgeschlossenes Schauspielstudium in der Tasche, jedoch keine Arbeit. Sie hört von einer freien Stelle beim ORF, ruft an, bewirbt sich und wird vom Fleck weg engagiert. ‚Casting‘ ist zu dieser Zeit noch ein Fremdwort. So wird Chris Lohner für viele Jahre das bekannteste Gesicht des ORF und flimmert vor dem Österreich-Bild Abend für Abend über die Bildschirme in den heimischen Wohnzimmern.

Schon bald wird das Frau mit dem ikonischen Pagenkopf aber zu fad und sie übernimmt auch andere Aufgaben, etwa die Sendung 'WIR'. Es folgt ihre eigene Sendung 'backstage', sie ist bei unzähligen Talk Shows und bekommt als Moderatorin ein Eigenleben in der legendären  Serie Kottan ermittelt. Die Liste an Engagements und weiteren Tätigkeiten ist lang und würde hier den Rahmen sprengen.  Auch als Autorin ist Chris Lohner erfolgreich.

Mitten im 1. Lockdown kam ihr dreizehntes Buch heraus. Sie haben in „Ich bin ein Kind der Stadt“ über ihr Aufwachsen in Wien geschrieben. Warum jetzt? Ich wollte schon lange ein Buch über meine Kindheit schreiben. Es war eine prägende Zeit, schließlich wurde ich 1943 mitten in den Krieg hineingeboren. Ich erinnere mich an fast alles, was ich als Kind erlebt habe, denn ich hab ein Mordsgedächtnis (lacht). Von meinen Eltern weiß ich, dass ich in einer Gebärklinik in der Peter Jordan Straße 70 geboren wurde, welche später als Lazarett und danach als Schule genutzt wurde. Heute ist dort die Verwaltung der BOKU, der Universität für Bodenkultur, untergebracht. Ich hatte daher geplant, dort das Buch zu präsentieren, aber Corona hat mir einen Strich durch die Rechnung gemacht. Daher habe ich das Buch gemeinsam mit dem Verlag online präsentiert.

Im Lockdown eröffnete Chris Lohner höchstselbst einen Kanal auf youtube. Es dauerte eine Weile, bis alles eigenhändig eingerichtet war. Schlußendlich hat es geklappt, bei sowas ist sie hartnäckig und stur, bis es funktioniert, schildert sie. „Ich habe einen Platz mit gutem Licht in meinem Gästezimmer eingerichtet. Von dort aus kommuniziere ich jetzt über youtube. Ich mache kleine Filme, in denen ich den Leuten Geschichten vorlese oder aufbauende Worte durchs Netz schicke. Aber nicht nur mit meiner Buchpräsentation hatte ich Pech. Auch meine Fotoausstellung konnten wir nicht offiziell eröffnen. Sie ist (nach Voranmeldung) noch eine Weile in der Galerie sma-art in Kalksburg zu sehen.

Welche Menschen haben Sie in ihrem Leben nachhaltig beeindruckt? Na auf jeden Fall der Dalai Lama, mit dem ich unerwartet einige Stunden verbringen konnte. Es war mir gelungen, während seinem Wienbesuch ein Interview zu vereinbaren. Beim ORF hatte man mir das wohl nicht zugetraut, jedenfalls schickten sie mir kein Team zum Dreh. Ich hab dann selbst spontan einen Kameramann organisiert. Bis der kam, hatte ich viel Zeit, mit dem Dalai Lama zu sprechen. Ich sagte zu ihm“Your holyness, I´m desperate, I don´t know where my team is.“ Und er sagte in seiner reizenden Art „Don´t worry, there is something about you that makes me feel good“. Da habe ich mir gedacht, also wenn sich der Dalai Lama in meiner Gesellschaft wohl fühlt, habe ich kein Problem in meinem restlichen Leben. Ich habe ihn dann noch gefragt, was man tun muss, um Buddhist zu werden. Er antwortete ganz schlicht: „Not to harm or kill any living beeing on purpose, thats all!“ Frei kann man das übersetzen mit ‚Was du nicht willst, das man dir tu, das füg´ auch keinem anderen zu‘. So easy könnte das sein. Ganz einfach. Es heißt, geh mit allen lebenden Geschöpfen respektvoll um. Das war schon eine sehr wichtige Begegnung in meinem Leben.

Weitere sehr beeindruckende Menschen sind für mich auch der 2003 verstorbene Marcel Prawy und Hugo Portisch, mit dem ich eine lange Freundschaft pflege. Derzeit können wir uns leider nicht im Kaffeehaus in der Innenstadt treffen, daher telefonieren wir regelmäßig. Solche Menschen sind Jahrhunderterscheinungen. Das Wichtigste ist, dass im Alter der Geiste rege bleibt. Für mich persönlich ist ein funktionierendes Hirn das Allerwichtigste, bis ans Ende meiner Tage. Selbst wenn ich im Rollstuhl sitzen würde, könnte ich noch sagen, was ich will. Ich hab doch nichts von einem knackigen Hintern, wenn mein Hirn das nicht mehr registriert. Mein Rezept, geistig fit zu bleiben, ist neugierig zu sein. Möglichst alles zu hinterfragen, sich nichts gefallen lassen und viel lesen. Neugier ist eine Triebfeder. Alle, die sich irgendwann aus dem Internet ausgeklinkt haben, sind draußen, es geht ja fast gar nichts mehr ohne das www. Also mein Tipp ist, am Puls der Zeit bleiben, gegen den Strom schwimmen, denn nur so kommt man an die Quelle.

Chris Lohner will kritisch bleiben, nicht Everybody´s Darling sein, sich treu sein. „Das war vielleicht mit zwanzig so, wenn man jung ist, will man gefallen. Heute will ich das nicht mehr. Heute ist mir wichtiger, dass die Menschen darüber nachdenken, was ich zu sagen habe, falls es sie interessiert. Und sonst halt nicht“, meint sie lakonisch. Sie sieht sich als Feministin und wundert sich sehr, wenn eine Frauenministerin keine Feministin sein will. „Feminismus heißt doch nichts anderes, als sich um die Rechte der Frauen zu kümmern, sie zu unterstützen. Wir leben noch immer in einer Männerwelt, da muss noch viel passieren, bis Gleichberechtigung nicht nur ein Wort ist. Ich finde es außerdem wichtig, dass die Frauen bei sich bleiben und nicht die Männer nachahmen, um beruflich nach oben zu kommen. Das kommt nicht gut, ich habe das oft beobachtet.“

Immer wieder mal nütze sie ihre Position als Frau in der Öffentlichkeit, um zu helfen. Damit könne sie mehr bewirken, als nur einen Erlagschein auf die Post zu tragen. „Für mich ist es klar, dass ich mit meiner sogenannten Prominenz auch etwas erreichen will, wenn ich mich einsetze. Es geht mir darum, eine Spur zu hinterlassen, von der man aber nicht unbedingt wissen muss, dass es meine ist. Wenn ich für Licht für die Welt nach Afrika fahre, kennen sie mich dort auch nicht. Ich weiß, dass durch meine Arbeit als Good Will Ambassador für diese Organisation in den letzten 20 Jahren viele Menschen ihr Augenlicht wieder erlangt haben. Es ist mir wurscht, ob da Lohner drauf steht oder nicht. Für mich reicht es zu wissen, dass ich etwas bewegt habe“, schildert sie ihre Sicht auf ihre karitativen Tätigkeiten.

Chris Lohner und die frisch operierte Balboni Habibou in Burkina Faso, © Licht für die Welt

Mit 77 Jahren habe sie schon eine weite Strecke zurück gelegt, mit Hochs und Tiefs, erzählt sie rückblickend. Die gebratenen Enten seien ihr nicht in den Mund geflogen, da sie aus bescheidenen Verhältnissen kommt. „Ich finde es sehr befriedigend zu wissen, dass ich alles, was ich besitze, selbst erarbeitet habe, denn ich hatte weder einen Sugar-Daddy noch einen reichen Mann. Dieses Bewusstsein, aus eigener Kraft dahin gekommen zu sein, wo es mir heute gut geht, ist sehr schön.“ Aus dieser Position heraus empfindet es Chris Lohner als Befriedigung, etwas weiter zu geben, zu helfen, wo es möglich ist. „Das mache ich punktuell und oft im Kleinen. Ich bin da sehr analytisch, vielleicht ist das auch eine eher männliche Seite in mir: Wenn ein Problem auftaucht, überlege ich sofort, was geht und komme ins Tun. So bin ich angelegt, dann arbeite ich aus meiner Mitte heraus und das ist ein schönes Gefühl.“ Sie werde immer wieder mal nach dem Sinn des Lebens gefragt. „Wenn ich darüber nachdenke, wobei ich nicht finde, dass es DEN einen Sinn gibt, dann gilt für mich, dass ich Menschen unterhalte und dass ich Menschen helfen kann. Damit fühle ich mich wohl.“

Chris Lohner lässt sich von niemandem für seine Zwecke vereinnahmen, schon gar nicht von einer Partei, „weder von links noch rechts. Ich tu‘ halt was ich kann mit meiner kleinen Person. Klar mache ich auch Sachen nach dem alten katholischen Prinzip ‚Tu Gutes und rede drüber‘, aber ich muss nicht über alles reden. Wurscht, ob ich ohne Publicity in einem Altersheim vorlese oder was anderes mache, es muss passen und es soll wem helfen. Wenn es Sinn macht, bin ich dabei. Wenn man Spenden sammelt, muss man halt gelegentlich laut trommeln, sonst tut sich nichts.“

Wie gehen Sie damit um, wenn Ihnen etwas gegen den Strich geht, wie etwa die Asylpolitik der Regierung? Na, ich mach einen Wirbel! Da ist es mir auch egal, ob ich Angriffsfläche biete. Ich bin seit 47 Jahren in der Öffentlichkeit, da weiß ich, dass ein kalter Wind kommen kann, wenn man die Nase aus dem Fenster streckt. Aber was ich zu sagen habe, sage ich reinen Herzens, ich verstelle mich nicht. Ich bin ich. Das muss nicht jedem gefallen, damit kann ich gut leben. Ich war schon als Kind aufmüpfig.

Warum gehen SchauspielerInnen und kreative Menschen wie sie selten ganz in Pension? Ich kann meine Ideen nicht einfach abstellen, mein Hirn arbeitet ja weiter. Es geht um die Freude am Tun, um die Spielfreude, da kann man sich nicht einfach hinsetzen und sagen, ich hab keine Ideen mehr. Zum Beispiel habe ich im Landestheater Salzburg dieses Jahr eine wunderbare Rolle im Stück Network übernommen, leider konnten wir es nicht die gesamte Spielzeit aufführen. Regisseur Claus Tröger lässt die Schauspieler das Stück erarbeiten, so etwas macht wahnsinnig viel Spaß. Wir werden sehen, wie es 2021 mit den Covid-19 Bestimmungen weiter geht. An sich sind die Theater sichere Orte mit Sicherheitskonzepten.

Wie halten sie sich fit? Ich liebe Tennis. Heute spiele ich mit meinem früheren Trainer, wann immer Zeit ist. Früher habe ich mit meinem Partner Lance Lumsden gespielt. Er war Tennisprofi und hätte mich natürlich wegfegen können vom Platz. Wir haben trotzdem gerne gemeinsam gespielt. Tennis tut mir gut, das Herumrennen, Bälle setzen, draufhauen, ich liebe es. Und ich liebe es zu schwimmen, auch das hält mich fit.

Wie geht man damit um, dass man soviele Talente hat? Ich hab es auch in meinem Buch so geschrieben: Bei meiner Geburt habe ich wohl von den guten Feen einen Geschenkkorb mit bekommen mit vielen Sachen drin, die ich heute noch nütze. Ich achte sehr darauf, dass ich die Dinge, die ich mache, durchziehe. Wenn ich mich für die Augenkranken in Afrika engagiere, konzentriere ich mich in der Zeit voll und ganz darauf, professionell und mit ganzem Herzen, sonst fühlt es sich nicht echt an. Wenn Leute überall sind, so wie der Schnittlauch auf der Suppe, wird das für mich unglaubwürdig. Man muss sich entscheiden, so ist es auch mit den Talenten, man muss erkennen, was man am besten kann. Ich kann mich sehr gut selbst organisieren, das ist auch ein Geschenk.

Wollen sie ein Vorbild sein? Nein, aber ich möchte zum Nachdenken anregen. Wenn man ein Vorbild sein möchte, schaut man ja hinunter auf die anderen, das fände ich arrogant.

Was planen  Sie als Nächstes? Es ist etwas im Entstehen, aber ich spreche nicht über Dinge, die noch nicht spruchreif sind. Das habe ich immer so gehalten, sonst wird alles zerredet und die Energie ist aus dem Projekt draußen. Vor ein paar Wochen habe ich für Weihnachten gemeinsam mit Yasmo, Paul Pizzera, Robert Palfrader u.v.m. die Simpsons synchronisiert, das war ein Spaß. Ich leihe Marge Simpson die Stimme. (Die Simpsons werden am 23. Dezember um 17.35 Uhr und am 24.12. um 19:55h in ORF 1 ausgestrahlt. Anm. der Redaktion). Auch mit Nikolaus Habjan habe ich kürzlich etwas produziert, das wird im Februar zu sehen sein. Fad wird mir nicht.

Wo ist Wien am schönsten? Ich finde den Josefsplatz schön, spaziere auch gerne in der Gegend um die Ruprechtskirche herum, Maria am Gestade, das sind schöne Plätze in der Stadt.

Wo trinken Sie gerne einen Kaffee? Im Café Dommayer in Hietzing.

Wohin gehen Sie gerne essen? Sehr gerne Italienisch, in Wien gibt es tolle italienische Lokale. Aber derzeit ist Lockdown, da muss ich selber Nudeln kochen.

Haben Sie einen Buchtipp für uns? Ich habe gerade Der Gott der Kleinen Dinge von Arundhati Roy wieder ausgegraben, ein gutes Buch.
Zuletzt habe ich Der Hammer von Dirk Stermann gelesen, das hat mir gut gefallen.

Welche Musik hören Sie? Ich mag Barockmusik, Vivaldi ganz besonders. Es hängt aber auch von der Stimmung ab, daher ist das ganz unterschiedlich. Ich hab auch mal Musik aus Bali mitgebracht, die mir gefällt. Sicher bin ich bei den Beatles hängen geblieben. Wichtig ist mir, dass ich gezielt Musik höre, so nebenbei geht das bei mir nicht. Auch Kaufhausmusik, die sich einem aufdrängt, geht mir fürchterlich auf den Wecker.

Was möchten Sie Wien ausrichten? Ich finde die neue Konstellation in Wien spannend und erfrischend und wünsche der Stadt viel Erfolg!


WEB

Aus dem Buch: Ich bin ein Kind der Stadt

Nini Tschavoll
Nini schreibt, fotografiert und bloggt digital.
Mag aber auch analog noch immer.

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