Wien wäre nichts ohne seine Frauen

Petra Unger fotografiert von Nini Tschavoll

Name: Petra Unger, geboren 1966 in Wien, aufgewachsen in Wien und München, wohnt in 1060 und arbeitet als freischaffende Kulturvermittlerin und politische Erwachsenenbildnerin. Sie hat die Wiener Frauenspaziergänge begründet und vermittelt die Frauengeschichte der Stadt.

Im Dezember wird ihr für 25 Jahre Wiener Frauen*Spaziergänge der Preis der Stadt Wien für Volksbildung verliehen.


Petra Unger bezeichnet sich als Wienerin „durch und durch“. Gerade von ihr möchten wir gerne wissen, was das bedeutet, als wir uns im Gastgarten des Café Rüdigerhof treffen: „Wien ist nicht nur meine Geburtsstadt, sondern auch die Stadt meiner jugendlichen Befreiung, die Stadt der gelebten Vielfalt und Offenheit und nicht zuletzt, die Stadt, mit der ich seit 25 Jahren arbeite.“

Schon als Jugendliche ist sie geschichtsbegeistert. Sie studiert an der Universität Wien Geschichte, Soziologie, Politikwissenschaften und Publizistik, ohne jedoch abzuschließen. Die Strukturen erlauben ohne Stipendium und elterliche Unterstützung keinen Abschluss. Petra Unger muss noch viele Umwege gehen, bis sie ihren Mastertitel in Gender Studies erhält und feministisch-politische Erwachsenenbildung im öffentlichen Raum entwickelt. Zunächst jobbt sie in verschiedenen Berufen, sie reist nach Lateinamerika, wird Mutter eines Sohnes und beginnt nach ihrer Rückkehr aus Chile die so genannte „Fremdenführerausbildung“.

Rückblickend ist dies ihre erste positive Ausbildungserfahrung, auch wenn sie die Berufsbezeichnung für sich von Anfang an ablehnt: „Ich konnte Geschichte lernen und am nächsten Tag meine Erkenntnisse auf die Straße tragen und mit anderen teilen. Fremdenführerin wollte sie nie sein: „...aus der Kombination von 'Fremd' und 'Führer' kann ich angesichts der österreichischen Geschichte nichts Positives ableiten.“ Vielmehr versteht sich Petra Unger als Vermittlerin zwischen unterschiedlichen Sprach-, Lebens- und Wissenskulturen.

Ihre zweite Ausbildung und ihre, wie sie meint, beste Lernsituation findet sie im Feministischen Grundstudium und dem anschließenden Masterlehrgang für Gender Studies und Feministische Forschung am Rosa Mayreder College. Im Zuge ihrer Abschlussarbeit reflektiert Petra Unger ihren Beruf der Kunst- und Kulturvermittlerin und verknüpft ihn mit feministisch-frauenhistorischen Inhalten.

Damit ist die Basis für die Gründung der Wiener Frauenspaziergänge geschaffen. 1994/1995 entwickelt Petra Unger den ersten Stadtspaziergang auf den Spuren weiblicher Geschichte, zunächst noch ohne Unterstützung der Stadt Wien und ohne Honorar für die aufwändigen Recherchen. Mittlerweile hat die engagierte Kulturvermittlerin über 50 verschiedenen Routen zu Frauengeschichte sowie frauen- und geschlechterrelevanten Themen entwickelt.

Die Ergebnisse ihrer umfassenden und um Wissenschaftlichkeit bemühten Recherchen trägt sie mit ihren Stadtspaziergängen auch nach über 25 Jahren unermüdlich auf die Straße, ebenso unermüdlich ist ihr politisch-feministisches Engagement für eine gerechtere, demokratischere Gesellschaft. In diesem Sinne macht ihre Recherche vor keinem gesellschaftlich relevanten Thema halt: Von der Geschichte der Mädchenbildung, über lesbische Stadtgeschichte und Gedenkspaziergänge für verfolgte Widerstandskämpferinnen und ermordete Jüdinnen reicht ihr Themenspektrum.

Die Geschichte der ersten Ärztinnen vermittelt sie ebenso wie jene der Arbeiterinnen in Ottakring. Komponistinnen, Musikerinnen und Schriftstellerinnen sind gleichermaßen Teil der vermittelten Stadtgeschichte wie Sexarbeiterinnen oder Politikerinnen. Petra Unger versucht mit jedem ihrer Stadtspaziergänge der Vielfalt weiblicher Lebensentwürfe mit all ihren Erfolgen, aber auch Brüchen nachzugehen.

„Frauengeschichte ist nicht immer Erfolgsgeschichte“, merkt sie an. Strukturelle Benachteiligungen, Dreifachbelastung durch Beruf, Kindererziehung und Reproduktions- und Haushaltsarbeit, aber auch Gewalt an Frauen sind zentrale Themen der Frauenspaziergänge. Ihren Ursachen und Folgen, aber auch den Gegenstrategien zur Emanzipation und Selbstermächtigung von Mädchen und Frauen geht Petra Unger konsequent nach, immer am Puls der jeweiligen feministischen Debatten in Wissenschaft und Frauenbewegung, immer differenziert in der Darstellung und ermutigend für die TeilnehmerInnen. Die Kulturvermittlerin verfügt zudem über vielfältiges theoretisches und praktisches Basiswissen. Dieses immer parat, lässt sie Details zu Stadtentwicklung, Stadt- und Kunstgeschichte, Architekturformen und Allgemeinbildung in ihre Ausführungen einfließen.

Frauengeschichte während ihrer Spaziergänge zu erzählen und damit politische Bildung anzubieten, ist nicht ihr einziges Anliegen. Sie möchte die Geschichte der Hälfte der Bevölkerung (2018 sind 51, 3 Prozent der Wiener Stadtbevölkerung weiblich) verbal und real in das Stadtbild einschreiben. Schließlich sind 90 Prozent der Straßennamen, Denkmäler und Gedenktafeln Männern gewidmet. Die Leistungen von Frauen in Wien sind damit unsichtbar gehalten.

Petra Unger freut sich immer, wenn sie angerufen wird, weil ein Straßenstück, ein Platz oder ein Park nach einer Frau neu oder umbenannt werden sollen: „Der öffentliche Raum dient der Identitätsstiftung und wir sind noch lange nicht bei einer gerechten Repräsentation.“

In Wien hat sich diesbezüglich in den vergangenen Jahren einiges zugunsten der Würdigung von Frauen getan: Den Universitätsring (vormals nach dem Bürgermeister Wiens und ausgewiesenen Antisemiten Karl Lueger Ring genannt) hätte die Erwachsenenbildnerin zwar lieber Elise-Richter-Ring (nach der Romanistin und ersten habilitierten Frau der Universität Wien, die im hohen Alter nach Theresienstadt deportiert wurde und dort starb) genannt, sie erwähnt jedoch anerkennend, dass die Zahl der Straßen- und Platzbenennungen nach Frauen kontinuierlich zunimmt. Sämtliche Verkehrsflächen der Seestadt Aspern wurden beispielsweise nach Frauen benannt.

Petra Unger, lange Zeit als Geheimtipp weiter empfohlen, ist mittlerweile anerkannte Expertin und auch offiziell gewürdigte Wissensarbeiterin und –vermittlerin. 2011 erhält sie den Käthe Leichter Preis für Frauen- und Geschlechterforschung und noch heuer wird sie mit dem Preis der Stadt Wien für Volksbildung ausgezeichnet.

Ist Wien eine gute Stadt für Frauen? Gewesen? Und heute? Die Situation der Frauen hängt stark von Politik und Gesamtgesellschaft ab. Der (groß)städtische Raum war immer eine Verheißung und ein Freiheitsversprechen, auch wenn es nicht immer eingelöst wurde. Es gibt in einer Großstadt immer mehr Möglichkeiten in der Anonymität Lebensformen auszuprobieren und mehr Chancen für Beruf und Kinderbetreuung. In der Stadt mussten immer verschiedene Menschen, Schichten und Klassen miteinander auskommen und Vielfalt ist immer eine Möglichkeit. Wien ist auf einem sehr hohen Niveau eine gute Stadt für Frauen: sie liegt in einem der reichsten Länder der Welt, mit hoher sozialer Sicherheit, starken sozialen Systemen und drei sehr starken Frauenbewegungen. Vor allem dadurch wurde und ist Wien eine gute Stadt für Frauen.

Wie bereiten Sie ihre Touren vor? Ich stehe auf den Schultern von Pionierinnen und Ahninnen z.B. von Emma Adler und anderen Sammlerinnen von Frauenbiografien wie Eva Geber und Ilse Korotin. Ich baue zudem auf Forschungsergebnissen anderer WissenschafterInnen auf, weil ich selbst nicht über ausreichende Forschungsressourcen verfüge und zudem nicht über eine formalisierte Ausbildung zu kritisch-historischer Forschungsarbeit verfüge. Ich bin Autodidaktin in der Geschichtsforschung und greife gerne auf Diplomarbeiten und Dissertationen bzw. Veröffentlichungen anerkannter HistorikerInnen zurück. Damit stehe ich an der Schnittstelle Wissenschaft, Stadtforschung und Volksbildung.

Warum konzentrieren Sie sich auf das 19. Jahrhundert? Die Bausubstanz Wiens stammt zum Großteil aus dieser Epoche und unsere Vorstellungen von Geschlecht, an denen wir uns bis heute abarbeiten, stammen aus dem 19. und beginnenden 20. Jahrhundert. Um sie aufbrechen zu können und neue Wege gehen zu können, braucht es meiner Ansicht nach dieses historisch, gesellschaftspolitische und frauenbiographische Wissen.

Gibt es einen Evergreen der Frauenspaziergänge? Mein Evergreen ist der Einstiegsspaziergang „Frauenspuren - Vom Parlament bis zum Judenplatz“. Hier wird Basisinformation zu Frauengeschichte und Frauenbewegungsgeschichte aufgelockert mit Liebesgeschichten und Originalzitaten vermittelt. Das war der erste. Zwei Spaziergänge im Herbst stehen im Zeichen der Geschichte des Roten Wiens, einige Spaziergängen widmen sich der Frauengeschichte in Favoriten. Eventuell veranstalte ich noch den einen oder anderen eigenen Spaziergang.

Was ist Ihre Verantwortung und Ihre Power als Kulturvermittlerin? Frauen und ihren Lebensgeschichten gerecht zu werden. Aber auch den SpaziergängerInnen gerecht zu werden, indem ich verständlich, differenziert und politisch sensibel formuliere und meine Definitionsmacht, die mir während eines Spaziergangs zeitweise zugestanden wird, sorgfältig umzugehen. Meine Kraft und Lust weiterhin Frauenspaziergänge zu entwickeln und zu gestalten, kommt aus der Anerkennung und Begeisterung der zahlreichen und sehr vielfältigen SpaziergängerInnen und den wunderbaren, feministischen Büchern.

Haben Sie eine Buchempfehlung zum Einlesen? Im Mandelbaum Verlag ist ein handliches Buch von mir anlässlich 100 Jahre Frauenwahlrecht zur Geschichte der österreichischen Frauenbewegung herausgekommen. Ich denke, es ist mir damit ein leicht lesbarer Einstieg in Frauengeschichte gelungen.

Was ist Ihr Wiener Lieblingswort? Das Wörtchen „Eh!“ Das Diffuse von „eh super“, „eh schön“ und „eh gut“ etc. vergnügt mich.

Was ist Ihr Wiener Lieblingsort? Ich habe keinen bevorzugten Lieblingsort. Auch örtlich liebe ich die Vielfalt der Stadt.

Wie riecht Wien? Jahreszeitenbedingt immer anders. Besonders liebe ich die Zeit der Lindenblüte.

Wie bewegen Sie sich durch Wien? Mit dem Fahrrad.

Wo ist Wien am wienerischsten? Es kommt darauf an, was unter wienerisch versteht und welche WienerInnen man sucht. Für mich ist Wien in Ottakring und Favoriten am wienerischsten, weil hier die Vielfalt und Buntheit der Stadt sichtbar wird.

Wo ist Wien am progressivsten? Schwer zu sagen. Progressive Menschen gibt es in Wien in jedem Bezirk.

Was war durch die Jahrhunderte ein wichtiger Ort der Frauengeschichte? Das Parlament am Ring.

Was ist Ihre Botschaft für Wien? Trag’ deiner Vielfalt viel mehr Rechnung, schätze und verteidige sie! Es geht darum, dass sich Wienerinnen und Wiener darum bemühen, bisher Ausgeschlossene - von Arbeitsmarkt und Bürgerinnenrechten - als wesentlichen Bestandteil unseres guten Lebens hier zu sehen. Ich würde unserer Stadtverwaltung und Stadtregierung noch viel mehr Repräsentation dieser Vielfalt wünschen.


petra-unger.at

 

Astrid Kuffner
Astrid ist Wienerin, Working Mum, Wählerin, wählerisch, mag Menschen, Worte und Wale.
Nini Tschavoll
Nini fotografiert, schreibt und bloggt digital.
Mag aber auch analog noch immer.

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