Ich weiß nicht, wann ich ein Wiener geworden bin

Basel Ali fotografiert von Nini Tschavoll

Name: Basel Ali, geboren 2000 in Aleppo (Syrien), kam im Februar 2016 nach Wien, hat seit Juni 2020 den Pflichtschulabschluss in der Tasche, arbeitete als Friseur, schreibt Kurzgeschichten, will Lokführer werden und lebt in Wien Brigittenau.


Es war Februar 2016 und sehr kalt, als Basel, seine Mutter und die jüngeren Geschwister dem Vater im Rahmen der Familienzusammenführung aus dem Libanon nach Wien folgten. Basels Aufenthaltserlaubnis in dem Land, das sehr viele syrische Flüchtlinge aufgenommen hat, war damals bereits drei Jahre abgelaufen. Bei einer Kontrolle hätte ihm die Abschiebung gedroht. Zudem musste er die Schule bereits mit 14 verlassen, um Geld zu verdienen.

Er erinnert sich noch an die ersten Tage in Wien, an das Leben im Wohnheim mit Blick auf die Mariahilfer Straße, das unfreundliche Februarwetter und das Gefühl, sich nicht rauszutrauen. Er erinnert sich aber auch an die Idee, eine besondere Chance bekommen zu haben und wieder einen Plan für die Zukunft entwickeln zu können. Bis der Aufenthaltsstatus des damals 16-Jährigen geklärt war, durfte Basel, wie so viele andere Geflüchtete, nur herumsitzen. Das Zusammentreffen von vielen Kulturen und Meinungen auf engstem Raum im Wohnheim war nicht einfach, aber lehrreich.

Als er nach einem Jahr den ersten Deutschkurs besuchen durfte, war ihm klar „ohne Deutsch kann ich nichts machen, nicht einmal im Kaffeehaus bestellen.“ So haute er sich mit den Gleichaltrigen voll rein und betont, dass er nach dem Unterricht zuhause stets weiter las, schrieb und Vokabeln lernte. Das hört man auch. Zwei Jahre später beherrschte er Deutsch auf B2-Niveau, obwohl er bei Null begann: „Das war nicht in meinem Kopf. Aber Deutsch ist die Sprache von Mozart und Freud und daher jedenfalls so bedeutsam wie meine Muttersprache.“ Englisch, das er neben Arabisch und Kurdisch spricht, findet er gemütlicher zu sprechen, Deutsch ist für ihn härter. Bereits im ersten Jahr im Jugendkolleg schrieb er eine Kurzgeschichte und brachte sie bei einer Feier zu Gehör. Das Publikum mochte sie. Die zweite Kurzgeschichte las er im Stadttheater Salzburg vor. Eines Tages einen Roman zu schreiben ist für ihn eine Option.

„Das hat nicht geklappt“ ist ein Satz, den Basel immer wieder sagt. Aber es ist dieser Satz, der seine Beharrlichkeit noch untermauert. Er musste schon als junger Mensch immer wieder aufstehen, neue Pläne entwickeln und aus Bröseln Bausteine für ein Fundament fügen. Im Libanon hatte er bereits als Gemüseverkäufer, Bote und Friseur gearbeitet. Auch in Wien schnitt er neben der Schule Haare. Sein eigener Bartansatz sitzt gestochen scharf.

Mit 17 ein Jahr die fünfte Klasse im Gymnasium in der Franklinstraße als a.o. Schüler besucht zu haben, nennt er „ein Wunder, da habe ich große Schritte gemacht“. Letztlich war der Pflichtschulabschluss für ihn aber wichtiger, um seinem Traumberuf Lokführer näher zu kommen. Seit er in Österreich ist, liebäugelt er mit Schienenfahrzeugen, bereiste mit den ÖBB die Bundesländer. Den Pflichtschulabschluss hat er seit Juni 2020 in der Tasche, der außerordentliche Lehrabschluss als Friseur „hat nicht geklappt“. Gerade überlegt er die Matura nachzumachen oder einen anderen Beruf zu lernen, der ihn den Voraussetzungen für die Lokführer-Ausbildung näher bringt. Dabei steht ihm auch eine Mentorin von Hands on  zur Seite.

Was lässt den heute Zwanzigjährigen immer weitermachen? „Was mich ermutigt, ist, dass Österreich mir Hoffnung auf eine bessere Zukunft gibt. Hier gibt es Sicherheit und garantierte Meinungsfreiheit. Ich bin vor Blut und Terrorismus geflohen und weiß das zu schätzen. Wenn ich hier auf Social Media politische oder soziale Themen poste, komme ich nicht ins Gefängnis.“ Mit 16 Jahren war er in Österreich nicht mehr schulpflichtig, im Gegensatz zu seinen drei jüngeren Geschwistern, die er um den Schulbesuch beneidete. Inzwischen weiß er, dass er sich wohl nicht leichter getan hätte, wenn er mit allem früher angefangen hätte: „Ich musste alle diese Erfahrungen im Leben machen, damit ich jetzt diese schwierigen Schritte gehen kann.“ Wann er ein Wiener geworden ist, wann er sich erstmals angekommen gefühlt hat, weiß er nicht mehr. Ein Teil seiner Verwandtschaft lebt in Deutschland, wenn er sie besucht, vermisst er Wien bald. Basel weiß, dass er nicht woanders leben möchte.

In Wien hört man immer wieder von Polizeikontrollen, die im Verdacht des Ethnic Profiling stehen. Basel ist erst einmal kontrolliert worden und findet die Polizei hier höflich. Wo er herkommt, sind Polizeikontrollen „wie die Hölle“. Früher wollte er selbst Polizist werden, aber das wäre in Syrien nicht möglich gewesen, weil er aus der falschen Familie stammt. Dass das in Österreich keine Rolle spielt und grundsätzlich viele Möglichkeiten für viele Menschen offen stehen, ist auch so eine Sache, die er großartig findet: „Im Parlament sitzen nicht nur Menschen, die seit Generationen aus Österreich kommen.“

Ob er glaubt, dass er eines Tages nicht mehr auf seine Fluchterfahrung angesprochen werden wird? Dass er nicht mehr automatisch mit seiner Vergangenheit, sondern mit seiner Gegenwart und seinen Plänen assoziiert wird? Als Basel, der mit dem Mountainbike den Kahlenberg bezwingt, der Bärte trimmen kann und Kurzgeschichten schreibt? Basel ist auch ein Diplomat: „Ich habe bemerkt, dass viele Interesse an meiner Geschichte und Herkunft zeigen. Wie ich es geschafft habe. Das nervt mich nicht. Ich kann nicht löschen oder vergessen, was ich erlebt habe.“ Er selbst würde sich freuen, jemanden mit Träumen für die Zukunft zu treffen. Er macht einfach weiter und „wenn ich zurückschaue, dann frage ich nicht, warum mir das alles passiert ist. Oder: Was wäre gewesen wenn? Das bringt nichts, da bliebe ich gefangen und würde nichts erreichen. Ich will aus und mit meiner Vergangenheit etwas machen“.

Wie so viele seiner geflüchteten Freunde fühlt er sich älter als er ist. Aber er hat Menschen gesehen, die auch sich auch mit 60 Jahren noch weiterentwickelt haben. Mit zehn ist es auch nicht unbedingt leichter, wie er an seinem jüngeren Bruder sieht. Ein arabischer Schriftsteller hat gesagt: Es gibt so manchen Fehler, den wir bezahlen, obwohl wir ihn nicht gemacht haben. Was Basel erlebt hat, war auch nicht sein eigener Fehler. Aber was er daraus macht, sieht er als seine Verantwortung.

Was ist Dein deutsches Lieblingswort? Konsequenzen. Das klingt wie ein Musikstück, aber es war am Anfang ganz schwer zu lesen.

Was war der erste Ort in Wien, den Du aktiv aufgesucht hast? Die Donauinsel, sie ist bis heute einer meiner Lieblingsplätze in der Stadt. Auch den Donaukanal mag ich. Überall, wo das Wasser die Stadt teilt. Ich bin aber auch gerne in den Wäldern, davon habe ich viele gesehen bei meinen Bahnreisen durch Österreich.

Was ist Deine Lieblingsspeise in Wien? Im Wohnheim gab es fast immer österreichische Küche. Die Suppenvielfalt zu lesen und entschlüsseln, war anfangs sehr hart. Es gibt so viele. Aber ich bin ein Suppenfan geworden.

Welches Buch empfiehlst Du uns? Die Bibel, weil sie die Welt und die Menschen besser machen kann.

Hast Du eine Botschaft für Wien? Ja sicher! Erstens bedanke ich mich bei den Menschen für das, was sie für mich getan haben und noch tun. Zweitens wünsche ich mir für Wien und Österreich immer Sicherheit und Frieden. Hier hat man uns die Sicherheit und eine Zukunft gegeben, die wir niemals aufgeben werden.

Astrid ist Wienerin, Working Mum, Wählerin, wählerisch, mag Menschen, Worte und Wale.
Nini schreibt, fotografiert und bloggt digital.
Mag aber auch analog noch immer.

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