Unterschiedlichkeit ist eine Stärke

Christiane Spiel fotografiert von Nini Tschavoll

Name: Christiane Spiel, geboren in Wien, war AHS-Lehrerin für Mathematik und Geschichte und gründete vor 20 Jahren den Fachbereich Bildungspsychologie an der Universität Wien. Wohnt in Wien Wieden.


Die Bildungspsychologin Christiane Spiel war eine der ersten, die sich nach wochenlanger Schulschließung im Namen der Kinder und Jugendlichen öffentlich zu Wort meldete. Sie betonte, dass es wichtig sei, dass Schüler und Schülerinnen vor den Sommerferien in die Schule zurückkehrten und daher ein Plan für die Öffnung der Bildungseinrichtungen Not täte. Mit Kolleginnen und Kollegen, die wie sie aus dem Universitätsinstitut ausgesperrt waren, stampfte sie zudem eine Längsschnitt-Untersuchung mit mehreren Befragungswellen aus dem Boden.

Erste deskriptive Ergebnisse des Home-Schooling-Frühlings liegen bereits vor. Das größte Thema – für viele nur am Anfang des Lockdown, für manche jedoch zunehmend – war die Selbstorganisation des Lernens. Das (Schnellsiede-) E-Learning war schwierig. Viele Themen, die auch im Corona-Lockdown aktuell waren, begleiten die Forscherin bereits seit 20 Jahren.

25.000 SchülerInnen nahmen an der ersten Online-Erhebung der Studie teil. Mehr Sorgen machen der Wienerin aber jene, die sich nicht an der Befragung, geschweige denn am digitalisierten Unterricht samt Online-Leistungserbringung beteiligen konnten. Es könnten Zigtausende abgehängt worden sein. In Österreich wird Bildung vererbt und daher „braucht es einfach mehr entscheidende Maßnahmen, um die Heterogenität der Lernenden auszugleichen”.

Es gibt viele tolle Lehrpersonen und Projekte. Aber zu oft landen ohnehin benachteiligte SchülerInnen in einem schulischen Umfeld, wo die Unterstützung nicht so ist, wie sie sein könnte. „Das verstärkt Unterschiede noch”, weiß Christiane Spiel. In der Großstadt Wien, mit beinahe zwei Millionen EinwohnerInnen, haben rund 40% der Kinder und Jugendlichen Migrationshintergrund. Nach wie vor wird im System Schule bei Schülern nach Fehlern gesucht, statt nach Stärken und Interessen. Das führt zu Fehlervermeidung: „Unterschiedlichkeit ist eine Stärke. Wenn alle das Gleiche können, sind wir für die Zukunft schlecht gewappnet. Da braucht es eine Umkehr.”

Weiteren Handlungsbedarf sieht Spiel in verfestigten Geschlechterstereotypen: „Es geht nicht darum, auf Biegen und Brechen Kindergärtner und Technikerinnen zu fördern. Aber es sollte mehr Freiheit in der Berufswahl geben und die Schule muss verstärkt darauf achten, hier nicht vorzuformen und Stereotype zu verstärken.” Eine Befragung von mehr als 300 Lehrpersonen, die im Zuge von Masterarbeiten an ihrem Institut durchgeführt wurde, ergab: die Lehrpersonen würden ihrem besten Schüler als Beruf “Techniker” und ihrer besten Schülerin “Lehrerin” empfehlen. Nie umgekehrt.

Der Bildung fühlt sich Christiane Spiel auf dreierlei Art verbunden: als ehemalige AHS-Lehrerin, als Forscherin und als Mutter. Aber wie ist sie von der AHS an die Universität gekommen? Sie fühlte sich als Lehrerin für Mathematik und Geschichte nicht ausgelastet und begann, Psychologie zu studieren. An der Uni wurde ihr eine Assistentenstelle angeboten, die sie annahm. So richtig in der Forschung angekommen ist sie jedoch erst im Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin: „Das war damals das wissenschaftliche Paradies!“.

Wie nimmt sie als Insiderin das Bildungssystem wahr? Den Eindruck, dass nichts geschieht, sich nichts bewegt oder verbessert, teilt sie nicht. Im Bildungsministerium werden durchaus viele und auch vernünftige Reformmaßnahmen entwickelt, versichert Christiane Spiel. Aber nach den politischen Beschlüssen beginnt die eigentliche Arbeit. Es braucht ein Implementierungskonzept, das alle Stakeholder und deren Wissen einbindet, Einstellungen und Motivation der Beteiligten Schritt für Schritt entwickelt und begleitet. Das Bewusstsein dafür, dass bei der Planung ein Skript für die Umsetzung mitbedacht werden muss, ist bei den GestalterInnen im Bildungssystem noch zu wenig vorhanden. Verbindlichkeit und Wertschätzung fehlen häufig und auch die zersplitterte Finanzierung ist nicht hilfreich.

Wenn die Zielgruppen nicht eingebunden werden, kann die Umsetzung nur mangelhaft sein. Sie selbst wird nicht müde, die Erkenntnisse aus der Implementierungsforschung einzubringen, sich in Beiräten und Gremien dafür auszusprechen. Mit ihrer Arbeit will sie „die Schnittstelle zwischen Politik, Praxis und Öffentlichkeit gestalten.“ Es geht um wechselseitiges Verständnis und auch um Transparenz. Ein besonderes Anliegen ist ihr der Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Gesellschaft. Auch für diese Bemühungen wurde sie mit teils internationalen Auszeichnungen gewürdigt.

Viele Themen sind in den vergangenen 20 Jahren, seitdem sie Gründungsprofessorin für Bildungspsychologie und Evaluation wurde, zwar gleich geblieben, aber viele sind doch immer wieder neu. Denn junge Menschen werden sich immer wieder neuen Herausforderungen stellen müssen. Auf den Umgang damit muss die Schule vorbereiten. Es kann daher auch nie ein finales Curriculum geben. Der Umgang mit Veränderungen ist jedoch schwierig. Das zeigten letztlich auch die Befragungen im Lockdown. Es braucht daher mehr Lerngelegenheiten für den Umgang mit Veränderungen, mehr Konfrontation mit neuen Aufgaben und offenen Lösungen.

Pressestatement im April zu den Maßnahmen gegen die Krise © Andy Wenzel/BKA

Warum wurden gegen Ende des Corona-Lockdowns Schulen erst nach den Baumärkten wieder geöffnet? „Rund 1,2 Millionen Schülerinnen und Schüler gibt es in Österreich. Wenn es um Öffnungen oder mehr Geld geht, bekommen zunächst jene, die am lautesten schreien und finanzielle Probleme haben. In der Schule macht es finanziell keinen Unterschied, ob sie offen oder geschlossen ist. Die LehrerInnen werden weiter bezahlt. Daher wurde auch zu wenig durchgedacht, was die Schließung für die Kinder bedeutet, denen niemand helfen kann." Es ist ein Grundproblem des Bildungsbereichs, dass die Ergebnisse von Maßnahmen oder auch von Nichthandeln verspätet einsetzen. In vielen anderen Bereichen, etwa in der Wirtschaft, zeigen sich negative Effekte sofort. Aber wenn Kinder den Anschluss nicht finden und später keine Arbeit, zeigt sich das oft erst nach einigen Legislaturperioden. Sie selbst bleibt angesichts ihrer Forschungsobjekte und -subjekte neutral. In Rolle der Wissenschaftlerin macht sie weiter fachliche Vorschläge. Etwa für Stellschrauben, die für den größten Erfolg zu drehen wären.

Erstens: Der Elementarbereich kann es schaffen, Benachteiligungen bereits vor der Schule auszugleichen und bei den Jüngsten Interessen und Begabungen fördern: „Beim Lockdown stand jedoch die Aufbewahrung im Vordergrund, statt den Kindergarten als Bildungsinstitution mit dem höchsten Return on Investment zu sehen.“ Es braucht einen frühen Beginn, eine Ausbildung der ElementarpädagogInnen auf Hochschulniveau, kleinere Gruppen und bessere Bezahlung: „Das lohnt sich volkswirtschaftlich, ist aber als Erfolg nicht innerhalb einer Wahlperiode einzufahren.“

Zweitens: Ganztagesschulen mit verschränktem Unterricht können weiter unterstützen und fördern, wobei die Schule sich ins Grätzel öffnen und Kooperationen eingehen muss, um vielfältige Interessen zu fördern. Sonst machen wieder alle das Gleiche.

Drittens: Ein Sozial- oder Chancen-Index für Schulen, die viele Kinder mit sozialen Benachteiligungen haben, damit diese gezielt mit passenden Maßnahmen fördern und unterstützen können. Schließlich würde sie sich auch einen Kulturwandel dahingehend wünschen, dass Streber kein Schimpfwort mehr ist. „Es ist doch wunderbar, nach etwas zu streben!“

Auch ein Bildungspanel wäre sehr wichtig, das die Entwicklung ganzer Gruppen im Längsschnitt verfolgt und damit auch notwendiges Steuerungswissen liefert. Doch jetzt sind erst einmal Sommerferien.

Was ist Wien für Sie? Wien ist für mich nach Paris die zweitschönste Stadt der Welt. Ich bin großer Paris-Fan, aber Wien kann es absolut mit der französischen Hauptstadt aufnehmen – in der Lebensqualität übertrifft Wien Paris sicherlich.

Was kann Wien, was andere nicht können? Wien ist einfach schön zum Anschauen. Ich finde es wunderbar, durch die Stadt zu gehen, egal ob ich etwas erledigen muss oder nur zum Vergnügen. Allein das Ambiente macht mich froh. Und es gibt hier so viel Kultur, gutes Essen, schöne Lokale, stilvolle alte Wohnungen, insgesamt eine wunderschöne alte Bausubstanz.

Haben Sie einen Lieblingsplatz in der Stadt? Eigentlich nein, aber ich gehe sehr gerne in die Innenstadt, die besonders schön ist wegen der Gebäude. Einmal während der Corona-Phase war ich am menschenleeren Graben, das war schon sehr beeindruckend.
Sehr schön ist auch der Wienerwald; ein solch tolles Umfeld haben kaum andere Großstädte.

Haben Sie eine Wiener Lieblingsspeise? Ich esse grundsätzlich alles gerne, was gut gekocht ist. Ich liebe es gut zu essen. Typisch für Wien ist vielleicht der klassische Tafelspitz, oder Innereien, die ich besonders gerne mag.

Empfehlen Sie uns ein Lokal? Ja, das Gasthaus Wolf im 4. Bezirk. Dort gibt es wunderbare Wiener Spezialitäten und eben auch sehr gut zubereitete Innereien.

Haben Sie einen Lesetipp für uns? Da empfehle ich ein Buch, das ich ganz zu Beginn meines Studiums gelesen habe, weil es damals ein Renner war. Es ist mir während Covid-19 wieder eingefallen: Die Logik des Mißlingens von Dietrich Dörner, einem sehr innovativen Wissenschaftler. Es geht darum, wie Menschen, auch ExpertInnen, scheitern, wenn sie in einer komplexen Situation Entscheidungen treffen müssen, deren Wirkungen nicht vorhergesehen werden können. Er beschreibt die verschiedenen Mechanismen, die Menschen zu Fehleinschätzungen führen können. Also ein sehr passendes Buch zu dieser Zeit.

Nutzen Sie Wiens kulturelles Angebot? Ja, sehr. Ich habe Abonnements bei den Wiener Philharmonikern, im Burgtheater, im Akademietheater. In die Oper gehe ich nach Anlass, wenn mich eine Aufführung interessiert; und auch viel in Ausstellungen. Das Angebot, das Wien hier hat, ist weltweit unerreicht.

Möchten Sie Wien etwas ausrichten? Wien ist eine besonders saubere Stadt, das sollte unbedingt so bleiben. Etwas mehr sollte man in Richtung Begrünung tun. Ansonsten soll Wien so bleiben, wie es ist.

Astrid ist Wienerin, Working Mum, Wählerin, wählerisch, mag Menschen, Worte und Wale.
Nini schreibt, fotografiert und bloggt digital.
Mag aber auch analog noch immer.

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