Wiener G’schichterln mit Geschichte

Fritzi Kraus fotografiert von Nini Tschavoll

Name: Friederike Kraus, geboren 1945 in Wien, aufgewachsen in Rudolfsheim-Fünfhaus und Ottakring. An der Grenze zwischen Mariahilf und Fünfhaus arbeitete sie viele Jahre als Installateurmeisterin. Sie lebt in der Donaustadt und arbeitet als Stadtführerin, Podcasterin und Buchhalterin.


Als lebhaftes Kind hörte Friederike Kraus, genannt Fritzi, von ihrer Großmutter oft: „Du bist so narrisch wie die Gräfin Triangi“. Bis Fritzi ihr Geschichtestudium mit einer Arbeit über Wiener Originale wie eben jene Gräfin Triangi abschloss, sollte noch viel Wasser die Donau hinunterfließen. Heute ist Fritzi offiziell in Pension, arbeitet aber weiter als Buchhalterin, Podcasterin und Stadtführerin. Eine erste Kostprobe gibt sie MadameWien schon beim Fotoshooting in der (ensemblegeschützten) Lenaugasse. Beinahe zu jedem der Häuser weiß sie ein G’schichtl zu erzählen und es in der Geschichte Wiens zu verorten.

Wie sie das macht, wie sie all das behält und verknüpft, wollen wir wissen, schließlich ist Wien nicht klein. Die Lenaugasse liegt nicht im touristischen ersten Bezirk oder an der Ringstraße, die Fritzi wie ihre Westentasche kennt: „Mich interessiert der Freiherr von Sothen und der hat da einige Zeit gewohnt. Er hatte eine Trafik im Palais Collalto und zuletzt gehörte ihm das Schloss Cobenzl. Dort wurde er erschossen. Der Brieftaubenzüchter und Trafikant hat alte, schlecht sehende Menschen betrogen. Er hat ein großes Begräbnis gehabt, weil die Leute so froh waren, dass er tot war“, sagt sie. (Anm. der Redaktion: Auch der aktuelle Roman von Bettina Balàka behandelt dieses Wiener Original). Jedenfalls wird schon nach dieser kleinen Kostprobe klar, dass auf Fritzis Stirn klar geschrieben steht: Frag’ mich was!

„Einige Sachen weiß ich einfach deswegen, weil ich alt bin und seit 74 Jahren da wohn’. Manches kriegt man da einfach mit“, sagt sie ohne Koketterie. Aber nicht jede Wienerin interessiert das, nicht jede speichert das ab. „Mein Vater hat das Interesse und die Liebe zu unserer Heimatstadt sehr gefördert. Wir sind manchmal, obwohl wir es uns nicht leisten konnten, in das Café im Hochhaus in der Herrengasse gegangen“, erinnert sie sich. Unten ist heute das Unger+Klein, aber damals war das Café oben. Ihr Vater war der Typ „Heit spü´n die Schrammeln, und morg'n fress ma Grammeln“.

Ihm gehörte einer der ältesten Installationsbetriebe in den Stadtbahnbögen nahe der Gumpendorferstraße. Für seine Tochter war kein Studium vorgesehen, sondern Mitarbeit im Betrieb. Nach der Schule ging Fritzi als Au pair nach England. 1966 fing sie im Büro an, aber nur, „bis der Vater jemanden anderen findet“. Sie erinnert sich an eine Kundin, die ihr vom Beruf der Fremdenführerin vorschwärmte. Das hätte ihr auch gefallen.

Aber Fritzi Kraus weiß sehr gut, wann Selbstverwirklichung angezeigt ist, und wann Notwendigkeiten bedient werden müssen. Sie wurde also erst Installateur-Meisterin. Mit der Pensionierung ihres Vaters übernahm sie den Betrieb und führte ihn unter ihrem Namen weiter. Gemeinsam mit ihrem Mann, der auch in der Firma arbeitete, zog sie zwei Töchter groß. 2003 verkaufte sie das Geschäft und ging in Pension.

Im Ruhestand war ihr unglaublich fad. Weil sie das Wissen aus 60 Jahren Leben in Wien endlich anbringen wollte, machte sie die Fremdenführer-Ausbildung – eine tolle Zeit, urteilt sie rückblickend. Schon während ihrer Berufstätigkeit legte sie die Basis dafür. Viele Jahre hat sie enge Familienangehörige gepflegt und war daher notgedrungen viel Zuhause. Stets mit einem Buch in Griffweite. „Ich musste mich umorganisieren“ sagt sie trocken über einschneidende Ereignisse, die man gemeinhin Schicksalsschläge nennt. Dann ergänzt sie: „Mir ist rasch klargeworden: Ich muss spüren, dass ich selbst auch da bin und nicht gelebt werde. Da habe ich angefangen viel zu lesen. Erst nach dem Tod meines Mannes habe ich mich an der Universität eingeschrieben.“ Sie studierte Geschichte (Abschluss 2008) und Kunstgeschichte (Abschluss 2013).

Heute macht sie rundum, was sie freut. Keine Gruppen von Flusskreuzfahrten, weil da viele nur das gebuchte Programm abdienen und sich nicht wirklich interessieren: „Es gibt nichts Frustrierenderes.“ Gerne geht sie mit Volksschulklassen. Vielleicht, weil sich die Wien-Auskennerin, in der Freude etwas zu wissen was gefragt wird, wiederfindet. Das war für sie immer ein starker Antrieb: Die richtige Antwort geben zu können. Inzwischen ergibt sich für sie viel über Mundpropaganda. Sie stellt individuelle Führungen auf Wunsch zusammen. Sie macht Bezirksführungen – ein ziemlicher Aufwand beim Einlesen – oder das Begleitprogramm für Kongresse. Jahreszahlen runterleiern ist nicht so ihre Sache. Viel wichtiger findet sie es, Ereignisse einzuordnen. Auch „Fitnessführungen“ hat sie mit Gleichgesinnten nach einem Kuraufenthalt gemacht: Mit knallgrünen Smovies durch die Stadt marschieren, Übungen auf dem Franziskanerplatz machen und bei jedem Stopp etwas erzählen: „Wir sind auf Millionen Fotos von Japanern drauf“, lacht sie.

Aber Fritzi geht nicht nur durch die Stadt, sondern auch mit der Zeit. Gemeinsam mit Edith Michaeler hat sie den Podcast „Erzähl’ mir von Wien“ aus der Taufe gehoben. Darin geht es um Geschichte und Geschichten aus Wien. Auch hier ruft die Stadtführerin souverän ihr vernetztes Wissen ab: Neben den harten Fakten zu Baugeschichte und Regentschaft eben auch, wer mit wem eine Liebschaft hatte, wer en vogue war, welche Intrigen gesponnen und Fehden ausgefochten wurden. Ihr Gehirn funktioniert anscheinend wie ein Schwamm, der aufsaugt, hält und auf Abruf wieder abgibt. „Das Wissen um die Stadt ist das Gerüst. Und dann gibt es etliche Bücher. Schon als ich jung war, habe ich ‚Geschichten aus Wien’ von Siegfried Weyr gelesen. Ich gehe an einem Haus zum hundertsten Mal vorbei und dann erfahre ich, wer da gewohnt hat. Das sind die G’schichtln“.

Begegnet sind sich Edith und Fritzi am Forum Journalismus und Medien, das Fritzis Tochter Daniela aufgebaut hat. Als eine langjährige Mitarbeiterin das Haus verließ, heuerte diese ihre Mama für die Buchhaltung an – und die macht Fritzi Kraus in Absprache mit dem neuen Chef des FJUM noch heute. Die gesamte Belegschaft besuchte eine Probe-Lehrveranstaltung zum Thema Podcast-Produktion. Ihre Kollegin, die gebürtige Salzburgerin Edith Michaeler, ließ danach nicht mehr locker mit der Podcast-Idee. Denn Edith liebt Wien und Fritzi kennt Wien.

Im Herbst 2018 legten sie los mit einer Staffel über das „Rote Wien“. Sie feierten mit einer der ersten Folgen tolle Download-Raten. Diese lichten Höhen erreichten sie nie wieder und können sie sich bis heute nicht erklären, aber „wir haben eine treue Gemeinde“. Gerade arbeiten die beiden an einer Staffel mit Insidern: Dem Archivar Michael Moser im Hotel Imperial, Reinhold Sahl, dem Leiter der Burghauptmannschaft von Wien, dem Geschichtsprofessor Karl Vocelka von der Universität Wien über die Ringstraßen-Ära. Alle erteilen bereitwillig Auskunft. Gerade bei den Insider Folgen kann Fritzi nachfragen, prüfen und neue Fakten abspeichern.

Ihre Geheimwaffe sind Anfragen per Brief. Das war übrigens auch der Ausgangspunkt für ihre Diplomarbeit über Wiener Originale. Sie schrieb sämtliche Wiener Pensionistenheime an und fand schließlich eine Dame, die die Gräfin Triangi noch persönlich gekannt und im Varieté Westend gesehen hatte. Viele andere kannten sie so sprichwörtlich wie Fritzi selbst: „Du schmierst dich an wie die Gräfin Triangi“. Oder „du führst dich auf, wie die Gräfin Triangi“. Und in alter Verbundenheit mit ihrer Großmutter und heute selbst eine Großmutter, hat sich Fritzi die Triangi auch auf ihre Visitenkarten gedruckt.

Welche ist die unterschätzteste, eine zu Unrecht wenig beachtete Ecke Wiens aus deiner Sicht? Das Schottenviertel ist ganz interessant und historisch gewachsen. Du gehst die Mölkerbastei rauf und gehst hinten beim Dreimäderlhaus ganz genau auf den Fundamenten der alten Babenberger Stadtmauer. Und da bist du ganz alleine. Der Minoritenplatz ist mein persönlicher Lieblingsplatz und da sieht man nur selten Gruppen.

Hast du eine Wien-Einsteigerführung? Da würde ich von der Oper zum Stephansdom gehen, aber nicht über die Kärntnerstraße, sonder hintenrum. Über die Augustinerstraße, Josefsplatz, ein Stück durch die Hofburg und den Michaelerplatz, durch die Bräunerstraße. Wenn die Leute Pech haben, bleibe ich bei der Pestsäule stehen und labere sie dort an. Die Pestsäule ist mein Hobby und sehr unterschätzt. Wie die aufgebaut ist und durchdacht. Bei mir kann man sich aber auch Führungen als Geschenk bestellen. Ich habe mal eine gemacht zum Lied „Auf der Lahmgruabn und auf der Wied’n, san die Guster sehr verschieden“. Da kann man auch stundenlang herumgehen.

Was sollte jede MadameWien einmal gesehen haben? Menschen, die in der Stadt wohnen? Die Michaelergruft. Und die Kirche am Steinhof ist was Spezielles. Den Naschmarkt empfehle ich nicht, aber die Jugendstilgebäude dort schon. Dazu muss man wissen, dass der Otto Wagner sich für die dort errichteten Gebäude - wie etwa das Majolikahaus - überlegt hat: Das wird die Route, die der Kaiser mit der Kutsche nach Schönbrunn nimmt. Der ist aber lieber über die Mariahilferstraße gefahren.

Wie geht dem Wiener Idiom, das du so souverän und selbstverständlich benutzt? Es verarmt. Darum rede ich auch immer Wienerisch. Ich habe das von meiner Großmutter gelernt. Ich halte den Dialekt hoch und sehe gerne Filme mit Hans Moser und Paul Hörbiger, weil sie wie meine Großmutter reden.

Was kann Wien aus seiner Geschichte lernen, was es zu vergessen droht? Was sollte es bewahren, was es wert wäre? In Wien gibt man meiner Ansicht zu viel her und setzt Sachen um, die es eh überall anders auch gibt. Bei den Geschäften am Kohlmarkt kannst du nicht mehr erkennen, in welcher Stadt du bist. Es fehlt, mir kommt vor, der Mut zu sich selbst zu stehen. Da wird Unverwechselbarkeit genommen und manchmal die Seele verkauft. Nur auf Sisi zu setzen, weil alle es wollen, ist zu wenig. Ich mache Führungen „von 1918 bis 1938“ für historisch Interessierte und diese Entwicklung kann man abgehen. Lässt sich halt nicht so gut vermarkten.

Was gibt es nur in Wien? Die grantigen Kellner. Im Landtmann manchesmal... und die Ringstraße mit der eklektizistischen Vielfalt. Sie wurde ja aus militärischen Gründen so geplant. Mit langen Geraden, damit keine Barrikaden errichtet und besser geschossen werden kann. Und die Hofburg, die lange und bis heute genutzt wird, und immer wieder umgebaut wurde.

Was ist dein Wiener Lieblingswort? Viele! Marantana, Puschkawü (Durcheinander, Wirbel) und Remasuri (großes Durcheinander).Ich versuche das zu pflegen.

Hast du eine Lieblingsspeise? Sehr viele Dinge, die ich als Kind gehasst habe. Linsen mit Knödel und Geselchtem. Schweinsbraten mag ich gerne und Kaiserschmarren beim Zauner in Bad Ischl.

Wo gehst du gerne essen? Beim Blauensteiner in der Nähe vom Rathaus und beim FJUM gibt es den Schmitzberger.

Wonach riecht Wien? Wien riecht für mich nach Heimat. Ich reise gerne, aber ich möchte nicht woanders leben. Es schmeckt ein bissel nach Seicherlhaftigkeit manchesmal. Der Herr Seicherl und sein Hund Struppi waren seit den 1930er-Jahren Protagonisten in einem Comic. Das Urbild des ängstlichen und oft opportunistischen Wieners.

Was ist deine Botschaft für Wien? Sich anzupassen ist auch seicherlhaft. Wien ist zum x-ten Mal zur lebenswerteste Stadt der Welt gewählt worden. Da kann man es doch einfach so machen, wie es bei uns ist und muss sich nicht verbiegen, um jemandem zu gefallen. Wien, bleib’ bei dir selbst!


www.wien-stadtfuehrung.info

www.erzaehlmirvon.wien

Astrid ist Wienerin, Working Mum, Wählerin, wählerisch, mag Menschen, Worte und Wale.
Nini schreibt, fotografiert und bloggt digital.
Mag aber auch analog noch immer.

1 Comment

  • So ein schöner, lebendiger Artikel, fer Lust macht sofort eine Stadtführung zu buchen. Nur die Entscheidung, zu welchem der vielen. Themen denn nun, verzögert das Ganze.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.