Ich war in die Welt hinausgeworfen

Monika Helfer fotografiert von Nini Tschavoll

Name: Monika Helfer, geboren 1947 in Au im Bregenzerwald, wohnt in Hohenems und Wien Wieden und ist von Beruf Schriftstellerin.


Wer seine Verwandtschaft als Bagage bezeichnet, traut sich was. Noch dazu, wenn familiäre Details preisgegeben werden, welche die Protagonisten vielleicht nicht in einem Buch abgedruckt sehen möchten. ‚Die Bagage‘ lautet auch der Titel des Romans, der Monika Helfer nach vielen Jahren der Schriftstellerei endlich und hochverdient in den Bestsellerhimmel katapultiert hat. Sie hatte lange damit gehadert, die Geschichte der Familie mütterlicherseits zu beleuchten und wartete aus Respekt damit, bis alle gestorben waren. Ihr Mann, der Schriftsteller Michael Köhlmeier, hatte sie zuvor immer wieder ermutigt, von ihrer verrückten Verwandtschaft zu schreiben.

Die für 2020 geplanten Lesereisen mit dem Roman konnten wegen der Corona-Pandemie nicht stattfinden. Monika Helfer nützte die Zeit und legte gleich noch einmal nach. In ihrem kürzlich erschienenen Buch ‚Vati‘ erzählt sie in weiten Teilen autobiographisch von ihrem Aufwachsen und von einem Vater, dem Bücher über alles gingen.

Die Wiener Wohnung der Familie Köhlmeier-Helfer wirkt schon beim Eintreten hell und gemütlich. Die Kaffeehäuser sind noch immer geschlossen und so führen wir unser Gespräch hier, von wo wir den Naschmarkt und das Marktamt überblicken, die herrlichen Jugendstilbauten bewundern und in der Ferne den Stephansdom aus der nebeligen Innenstadt heraus ragen sehen. Selbstverständlich sind die Regale voller Bücher.

Davor steht, neben einem bequemen roten Fauteuil, Michael Köhlmeiers schöne Gitarre. An den Wänden geschmackvolle Bilder, Fotos und Erinnerungen in Schwarzweiß. Über dem großen Esstisch schwebt ein Luster, den Köhlmeier für seine Frau gebaut hat, während sie in New York war. Frei nach Tinguely fügte er Gegenstände, die in der Vorarlberger Garage herumlagen, zu einem Objekt zusammen und überzog sie mit weißer Farbe. Monika Helfer liebt diesen Luster.

Auch der Tisch ist vom Hausherrn selbst gezimmert und bemalt, er hält mit einem gefinkelten Schienensystem zusammen. „Der Michael ist handwerklich wahnsinnig geschickt“, sagt sie bewundernd. Sie selbst hat ein auf dem Tisch stehendes  kleines Objekt gebastelt, in dessen Mitte eine Schwarzweiß-Fotografie einer jungen Frau zu sehen ist, eine Zigarette lässig im Mundwinkel. Auf das Objekt sind viele kleine Wörter und Sätze geschrieben. Nachrichten und Gedanken an die begabte Tochter Paula, die nicht mehr lebt und doch für immer ihren Platz eingenommen hat.

Monika Helfer schreibt seit frühester Jugend und blickt auf eine lange Werkliste zurück. Prosa, Theaterstücke, Hörspiele. Warum hat es solange gedauert, bis der durchschlagende Erfolg kam? „Das verstehe ich auch nicht“, sagt die Autorin, „aber was man sagen muss: das Schreiben ist ein Handwerk. Ich habe schon den Eindruck, dass ich von Buch zu Buch besser geworden bin. Dann kommt noch hinzu, dass ich Vertrautes mit Fiktionalem gerne vermische. Wenn ich mich in einer Thematik nicht gut auskenne und viel recherchieren muss, fühlt sich das für mich wie vermintes Gebiet an, das ist unsicheres Terrain. Der Stoff der letzten zwei Romane ist meine direkte Herkunft, da kannte ich mich aus.“

Der Schriftsteller-Haushalt ist für sie die ideale Umgebung für ihr kreatives Schaffen. „Wenn ich irgendwo hänge, nicht weiterkomme, dann gehe ich zu meinem Mann hinunter und wir sprechen über die Stelle. Ich schreibe im oberen Stock und er unten. Für uns ist das wunderbar und bereichernd. Es ist wie in einem Handwerksbetrieb, wo der eine Geselle den anderen fragt, wie er ein Werkstück bearbeiten soll. Ich finde, dass das Handwerk beim Schreiben unterschätzt wird, vor allem von den Journalisten.

Ich selbst brauche eine unsichtbare Dramaturgie, um alles möglichst locker wirken zu lassen. Manchmal fühle ich mich unglaublich privilegiert mit Michael als meinem Erstleser. Natürlich ist man oft nicht einer Meinung und ich bin dann auch beleidigt, wenn er einen Text kritisiert. Er sagt nicht selten zu mir, ich solle in manchen Passagen mehr schreiben, die Dinge weiter ausführen. Ich hingegen finde, dass er in seinen Texten manchmal etwas kürzen soll. Alles in allem ist das ein unheimlich produktiver Prozess. Etwas bleibt hängen, auch wenn wir nicht immer alles genau so umsetzen, wie der andere es rät.“

Monika Helfers Bücher sind keine dicken Wälzer. Ab 100 Seiten könne man von einem Roman sprechen, findet sie. Ihre Sprache ist klar und unsentimental. Dass gelegentlich Anklänge aus dem Vorarlberger Dialekt in ihre Texte einfließen, merkt sie während dem Schreiben nicht. Darauf angesprochen meint sie nach einer kurzen Nachdenkpause: „Das entspringt meinem Inneren, die Ausdrücke müssen zum Milieu passen, das ist mir wichtig. Zuhause haben wir immer im Dialekt gesprochen, vielleicht liegt es daran.“  Wörter wie etwa ‚der Schopf‘ – in Vorarlberg die Bezeichnung für Scheune – versteht ihr deutscher Lektor nicht auf Anhieb, ersetzt sie aber dennoch nicht, wenn sie es behalten will.

Die Geschichte von ‚Vati‘ hat Monika Helfer auf 176 Seiten niedergeschrieben. An manchen Tagen schreibe sie vielleicht nur eine Seite, dann wieder vier, fünf oder mehr. „Wenn ich glücklich bin, komme ich in einen Schreib-Flow. Ich schlafe nicht gut, daher arbeite ich gerne in der Nacht, wo die Stunden vergehen, ohne dass ich es bemerke. Früher bin ich am Morgen noch mit den Kindern aufgestanden, um ihnen Jausenbrote und Frühstück  zu machen. An der Tür haben sie dann immer gesagt, Mama, wir wissen genau dass du wieder ins Bett gehst, was auch gestimmt hat“, lacht sie rückblickend.

Monika Helfer war 19, als sie zum ersten mal heiratete. Sie bekam zwei Kinder, nach acht Jahren war die Ehe vorbei. Als sie Michael kennen lernte, verband die beiden von Anfang an eine tiefe Leidenschaft für das Schreiben. Mit ihm bekam sie noch zwei Kinder, dann war der freigeistige Schriftstellerhaushalt komplett. Die Familie wohnte in einem Haus in Hohenems. „Manchmal war es hart, ich bin heute noch begeistert von unserem Leben damals. Dass man mit so wenig Geld auskommen und trotzdem glücklich sein kann! Michael hat die Familie ernährt und ich war zuhause bei den Kindern", erinnert sie sich.

"Er musste als freier Mitarbeiter des ORF Vorarlberg oft Jobs machen, von denen er keine Ahnung hatte", erzählt sie weiter. "Straßenbefragungen waren für ihn ein Horror, etwa vor Weihnachten stellte er sich mit einem Mikrofon auf die Straße und fragte, ‚wie verbringen sie das Weihnachtsfest‘, das war gar nicht Seines. Man hat ihm damals mehrmals eine Anstellung angeboten und er hat überlegt, ob ein sicheres Einkommen nicht besser für die Familie wäre. Ich glaube, er hätte er es weit gebracht, denn er war sehr begabt. Aber wir haben uns immer für die Freiheit entschieden. Mir war es ganz wichtig, dass er, genauso wie ich, die Zeit zum Schreiben hatte. Ich dachte mir: Lieber habe ich einen zufriedenen Mann daheim, der seinen Leidenschaft nachgehen kann, als einen frustrierten, der am Abend gestresst von seinem Job nach Hause kommt. Ich habe auch meine Kinder so erzogen, ihnen immer gesagt: bitte macht eine Arbeit, die euch Freude macht, alles andere könnt ihr vergessen.“

Für Monika Helfer war das Schreiben immer wichtig, hält sie fest. „Mein Haushalt war natürlich absolut unperfekt. Meine Kinder lachen heute darüber, sie sind sehr tolerant mit mir und können alle besser kochen als ich. Wir sagen immer, wir haben sie ‚liebevoll verwahrlost‘ aufwachsen lassen“, lacht Monika Helfer. Seit alle aus dem Haus sind, kocht Michael. „Er ist eine Superkoch“, schwärmt sie, eine weitere positive Zuschreibung, mit der ihr Mann während unserem Gespräch bedacht wird.

Ich würde gerne über ihren Vater und ihren neuen Roman ‚Vati‘ sprechen. Weil wir gerade bei ihren Kindern sind: War der Vati auch ein Großvati? Nein, er war nicht wirklich ein Großvater, der sich mit Enkeln beschäftigte. Was aber ein Phänomen war: Er ließ sich beim  Lesen nicht stören. Es konnten Kinder neben ihm herumtollen und unter seinen Füßen durchkriechen, das hat ihn nicht gestört. Da war er sehr nachsichtig, schon als wir noch Kinder waren.  Aber wenn man ein Buch falsch ins Regal gestellt hat oder unachtsam mit Büchern war, das hatte er nicht gern. Babies haben ihn beglückt, daran erinnere ich mich.

Haben sie ihre Bücher auch für ihren Vater geschrieben? Ich weiß nicht. Ich hab mir schon manchmal gedacht, er müsste stolz sein auf mich, aber er ließ es sich nicht anmerken. Immerhin hat er sie in seinem Regal eingeordnet. Dass ich alphabetisch gleich neben Heine stand, war schon edel für mich. Doch wirklich gesprochen hat er mit mir über meine Literatur nie. Für sein Empfinden schrieb ich zu negativ, die Milieus die mich interessierten, mochte er nicht. Ich wollte aber über alle Leute schreiben, egal wo sie herkommen. Seine Herkunft war äußerst ärmlich, vielleicht ist seine Sehnsucht nach ordentlichen und korrekten Umständen dieser Tatsache geschuldet. Er las auch historische Romane, was ich nie gerne gemacht habe. Der Vati hatte ein ganz besonders Verhältnis zu Büchern. Er behandelte sie fast sie wie rohe Eier. Wenn er sich für ein Buch interessierte und ihm der Einband nicht gefiel, ließ er es neu und hochwertig binden. Er war ein großer Kunde beim Buchbinder Keckeis in Bregenz. Ging es nach ihm, durfte man ein Buch nicht zu weit aufklappen und musste es äußerst pfleglich behandeln, sonst war man unten durch. Er hat verachtet, dass ich mir immer die nur Taschenbuchausgaben kaufte und Bücher manchmal auch verwurstelt herumliegen ließ.

Im Buch gibt es den Satz ‚Ohne Mutti ist ohne Würde‘. Wie haben sie die Zeit nach dem Tod ihrer Mutter als Kind empfunden? Ich war 11 Jahre, als meine Mutter gestorben ist. Ich hatte das Gefühl, nichts mehr zu sein. Besonders, weil der Vater so abwesend war. Ich und meine Geschwister waren wie in die Welt hinausgeworfen. Die Mutti war eine feine Frau, zurückhaltend, sie las viel. Wir taten uns immer schwer mit der Vorstellung, dass sie es war, die dem Vati einen Heiratsantrag gemacht hatte. Im 2. Weltkrieg arbeitete sie als Krankenschwester im Lazarett, wo er nach der Amputation seines erfrorenen Beines gepflegt wurde. Er hat ihr gefallen und eines Tages hat sie all ihren Schneid zusammen genommen und um seine Hand angehalten. Eine Familie war ihr Traum. Sie hatte nicht viel Selbstbewusstsein aber sie dachte wohl: Jetzt oder nie! Mit 26 war man damals schon spät dran.

Wie wichtig ist ihnen Familie? Sehen sie sich als Mittelpunkt darin? Ja, ich glaube das bin ich schon, denn ich habe bestimmt auch etwas Gluckenhaftes an mir. Familie ist für mich wirklich die Kernfamilie, die hat keine Ausbuchtungen. Auch meinem Mann ist die Familie unheimlich wichtig. Er mag keinen Zank, alle sollen sich mögen. Wir haben schöne Beziehungen zueinander. Mein ältester Sohn arbeitet an der Uni, meine erstgeborene Tochter lebt in Deutschland. Unser jüngster Sohn Lorenz lebt seinen Traum, er hat Wien den Rücken gekehrt und wohnt und arbeitet als Maler in Bregenz. Paula war Michael und mein erstes gemeinsames Kind, sie ist 2003 mit 21 Jahren gestorben.

Wie geht es ihnen in den Zeiten der Corona Pandemie? Was das Gesundheitliche betrifft: Klar, wir passen schon auf, wir sind ja schon alte Leute. Ehrlich gesagt, um mich mache ich mir nicht so viele Gedanken, ich war ja immer gesund. Viel mehr Angst habe ich um meinen Mann, der vor Jahren einen Herzinfarkt hatte. Ansonsten hat sich mein Leben nicht grundlegend verändert, ich kann gut mit mir alleine sein. Schade war nur, dass sämtliche Lesereisen für das vorletzte Buch ‚Die Bagage‘ ins Wasser fielen. Wiederum hätte ich ‚Vati‘ ohne die Corona-Maßnahmen nicht so schnell geschrieben.

Woher nehmen sie die Inspiration für ihre Bücher und Texte? Viel aus dem Alltag, oft aus kleinen Szenen. Ich schreibe auch ein Kolumne bei den Vorarlberger Nachrichten, es sind bereits 670 Short Stories, eigentlich „Shortest Stories“. Sie entstehen aus Beobachtungen und Erlebnissen, manches ist auch erfunden, viele Zug- und Öffi Geschichten. Ich liebe es, die Leute zu beobachten, besonders gerne in Kaffeehäusern.

Welche Musik inspiriert Sie? Mein absoluter Liebling ist natürlich die NORMA von Bellini, von der Callas gesungen, wie ich alles von der Callas liebe ... und wenn sie aus dem Telefonbuch gesungen hätte.

Was verbindet sie als gebürtige Vorarlbergerin mit Wien? Wien war immer meine  Lieblingsstadt. Ich kenne auch Berlin gut, dort wohnt meine Schwester. Besonders mochte ich das Berlin vor dem Mauerfall, auch wenn man das heute vielleicht besser nicht mehr sagt. In Wien haben drei unserer Kinder studiert, da war es naheliegend,  hier eine Wohnung zu kaufen. Mein Mann hat oft beruflich zu tun hier und ich bin, bis auf das vergangene Jahr, für gewöhnlich einmal im Monat in der Stadt.

Wo sind Ihre Lieblingsplätze in der Stadt? Am wohlsten fühle ich mich in unserer Wohnung. Doch es gibt so viele schöne Plätze hier. Den Zentralfriedhof mag ich, den Volksgarten, auch den Prater.

Nach was riecht Wien? Nach frischem Wind und nach Naschmarkt.

Wien ist bekannt für seine Kaffeehauskultur. Haben Sie ein Lieblingscafé in der Stadt? Da  gibt es einige. Das Café Museum fällt mir spontan ein, dann der Rüdigerhof. Das Amacord, gleich bei uns um die Ecke. Ich mag Kaffeehäuser mit Patina, wo ich am liebsten die Leute beobachte oder ihren Gesprächen zuhöre. Nur wenn man mich anspricht, das hab ich nicht so gerne.

Wie erleben Sie Wien kulturell? Ich liebe die Museen. Das Kunsthistorische, genauso wie das Naturhistorische Museum.

Wien oder Vorarlberg? Beides, aber Wien sollte nie vergessen, dass Vorarlberg das Land der Poesie ist.


 

 

 

Die Bücher 'Die Bagage‘ und 'Vati' sind bei Literaturverlage Hanser erschienen.

Auf den Umschlägen sind auf Wunsch der Autorin Motive des deutschen Malers Gerhard Richter zu sehen.

Nini Tschavoll
Nini schreibt, fotografiert und bloggt digital.
Mag aber auch analog noch immer.
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