Viel Glück!

Rauchfangkehrerin Sonja Högler fotografiert von Nini Tschavoll

Name: Sonja Högler, geboren 1967, hat Biologie studiert und ist von Beruf Rauchfangkehrer-Meisterin. Sie wohnt abwechselnd in Wien Mariahilf, in Oberösterreich und in Kautzen im Waldviertel.


Unsere Terminanfrage kurz vor Weihnachten bringt die vielbeschäftigte Rauchfangkehrer-Meisterin Sonja Högler nicht aus dem Konzept. „Das ist immer so im Dezember, die Medien machen zum Jahreswechsel gerne Interviews mit unserer Zunft, schließlich heißt es, dass wir Glück bringen“, erklärt sie gelassen. Sonja Högler ist in 3. Generation in eine Rauchfangkehrerfamilie hinein geboren. Das Büro des elterlichen Betriebs war praktisch im Wohnzimmer. Wenn sie von der Schule heim kam, saß die Mutter am Telefon oder an der Schreibmaschine und in der Küche brannte öfter mal das Essen an, erzählt sie rückblickend. Die Kinder wurden in den Haushalt und später in den Betrieb ganz automatisch eingebunden.

In der Familie Högler hat es offensichtlich Tradition, vor der Übernahme des Betriebs ein Studium zu absolvieren. Vater Högler studierte erst Forstwirtschaft, bevor er von seinem Vater übernahm. Und auch die Tochter interessierte sich vorerst mehr für Biologie als für Rauchfänge. Obwohl sie ihr Studium toll fand, kam Sonja irgendwann der ernsthafte Gedanke, zu übernehmen. Es fügte sich eines zum anderen, sie trat in den Betrieb ein, absolvierte die Lehre parallel zum Studium und legte wenig später die Meisterprüfung ab. Nach einigen Jahren der Zusammenarbeit mit dem Vater ging dieser in Pension. „Als er mir den Betrieb übergeben hatte, konnte er völlig loslassen, was mich heute noch erstaunt“, erzählt die Rauchfangkehrer-Meisterin.

Der Vor- und Nachteile eines Familienbetriebs ist sich die nunmehrige Chefin und Mutter dreier Kinder vollkommen bewusst, denn auch ihre Söhne arbeiten, schon in 4. Generation, mit im Betrieb. Auch sie studieren beide, ihre Tochter ist 13 und geht noch zur Schule. Sohn Moriz hat bereits die Lehre absolviert, möchte aber erst für eine Zeit ins Ausland, um dort sein Masterstudium zu beenden. „Natürlich wird das im Betrieb eng, seine Arbeitskraft wird uns abgehen, sagt die Chefin in mir. Als Mutter unterstütze ich ihn natürlich in seinem Ansinnen und will ihn nicht bremsen. Immerhin habe ich meinen Kindern immer eingebläut, dass Bildung wichtig ist“, schildert die Unternehmerin. Wer später einmal den Betrieb übernehmen wird, steht noch in den Sternen.

Für Hilfstechniken wie Coaching in schwierigen Situationen ist Sonja offen. Es ist ihr wichtig, dass die Familie im Betrieb und der Betrieb mit der Familie gut funktioniert. Schließlich soll die Arbeit auch Spaß machen, erklärt sie ihr Credo. Rauchfangkehrerin zu sein, heißt einen verantwortungsvollen Job auszuüben. „Bei Kohlenmonoxid-Unfällen in Wohnräumen wird als erstes überprüft, ob wir unsere Arbeit ordnungsgemäß gemacht haben", schildert sie.

Nicht selten liest man von tödlichen CO-Unfällen, auch im Sommer. „Die Sache ist der Luftverbund in der Wohnung. Wenn zu wenig nachströmende Verbrennungsluft in einer Wohnung ist, bildet sich bei der Verbrennung das Kohlenmonoxid. Strömt zu wenig Luft nach, staut sich das Abgas im Rauchfang und kann wieder in die Wohnung gelangen. Ventilatoren oder Klimageräte sind daher nicht ungefährlich. Billige Klimageräte transportieren die Luft aus der Wohnung, die Abgase aus der Therme werden dadurch in den Raum hinein gesaugt. Wir Rauchfangkehrer reden uns da oft den Mund fusselig. Daher empfehlen wir immer eine gescheite, fest installierte Klimaanlage und keine mobilen Geräte.

Die wichtigsten Aufgaben der RauchfangkehrerInnen sind vorbeugender Brandschutz und die Gewährleistung, dass sämtliche Abgase gefahrlos abziehen können. Vieles wird im Hintergrund erledigt, sodass es gar nicht bemerkt wird. Solange es die Kundschaft  schön warm hat, ist alles gut. Nur wenn Störungen auftreten, ist der Unmut oft groß. Grundsätzlich ist gesetzlich vorgeschrieben, zu den Kehrterminen Zugang zum Rauchfang zu gewähren. Wird der Termin nicht eingehalten, gibt es üblicherweise nach einem Jahr eine schriftliche Aufforderung, meist durch die Hausverwaltung. Wenn der Zutritt weiterhin verwehrt wird, kommt eine Anzeige ins Haus geflattert.

„Schwierig ist die Tatsache, dass wir von der Stadt Wien oder von der jeweiligen Gemeinde beauftragt werden. Bezahlen muss unsere Arbeit jedoch der Kunde, was manchmal zu Unverständnis führt. Unsere Arbeit ist ja fast unsichtbar. Oft fehlt das Verständnis und wir müssen mit sehr viel Gefühl vorgehen. Immerhin haben wir Zugang in die privatesten Bereiche der Menschen.“ Wechseln kann man übrigens als Einzelperson in einem Mehrparteienhaus den Rauchfangkehrer nicht: das kann nur die Hausverwaltung veranlassen. Das sei auch gut so, erklärt die Rauchfangkehrer-Meisterin, denn der zugeteilte Rauchfangkehrer kenne ein Gebäude üblicherweise von oben bis unten und habe Aufzeichnungen dazu.

Als Sonja Högler noch an der Berufsschule unterrichtete, vermittelte sie ihren SchülerInnen, bei Wohnungsbesuchen nicht zu viel herumzuschauen, nichts zu kommentieren, immer freundlich und professionell zu sein. „Man sieht manchmal unglaubliche Sachen. Aber wir gehen zielgerichtet vor, machen unserer Arbeit und gehen wieder.“ Besuche bei Messies, das sind Menschen, die in extremer Unordnung wohnen, seien gar nicht so selten. Oft ist es schwierig, dass die Profis überhaupt hineingelassen werden, manchmal werden mehrere Anläufe benötigt. Wenn es gar nicht geht und vielleicht Gefahr im Verzug ist, wird die Öffnung der Wohnung beantragt.

Skurrile Geschichten gibt es viele, Namen nennt Sonja Högler diskret nicht. „Einmal kam ich in eine Wohnung im 6. Bezirk, in der ein Mann afrikanischer Herkunft, der sich als Imperator inszenierte, mit einer Art Harem, also vielen Frauen, lebte. Das war schon seltsam. Und dann gab es die alte Frau, die viele Tiere hatte und ihren Hunden Windeln anzog, damit sie die Wohnung nicht verlassen musste. So etwas ist dann besonders geruchsmäßig eine Herausforderung.“ Sie wird auch gerufen, wenn Vögel in den Rauchfang fallen. „Diese Art Tierrettung kann manchmal ganz schön schmutzig ausfallen, wenn die Vögel nicht gleich zum geöffneten Fenster hinaus finden und sich verrußt in den Vorhängen verfangen“, erzählt sie schmunzelnd.

Manchmal scheint es auch nicht ungefährlich zu sein, fremde Wohnungen zu betreten. Einer ihrer Gesellen besuchte einen Kunden, der Alligatoren in der Badewanne hatte. Darüber war das Putztürl. Als er es öffnete, schaute dort eine Schlange heraus. Ein Riesenschreck! Die Schlange stellte sich dann aber als Attrappe heraus. Der ältere Herr fand es so lustig, dass er den Scherz bis heute jedesmal aufs Neue wiederholt. Die Tiere in der Badewanne hat er nicht mehr. „Unser Publikum ist mitunter wirklich sehr bunt“, erzählt sie aus ihrem Alltag.

Wenn sie KaminkehrerInnen auf der Straße begegnen, greifen viele Menschen hektisch nach einem Knopf an ihrer Kleidung und drehen ihn. Ein alter Aberglaube besagt, dass so Unglück abgewendet werden kann. Lustig findet Sonja, wenn sich die Leute an ihr Gewand greifen und bemerken, dass sie nur Reißverschlüsse haben. Da kann es schon mal vorkommen, dass versucht wird, direkt an den Knöpfen ihrer Arbeitsmontur zu drehen. „Die Männer dürfen das natürlich nicht“, lacht sie schelmisch. „Früher war der Beruf des Rauchfangkehrers der eines Fahrenden. Die Rauchfänge waren meist aus Holz und hatten sehr starke Ablagerungen, die sich leicht entzündeten, wenn nicht gekehrt wurde. Es wurde allerorts geselcht, da lagerte sich viel Fett ab. Kam also der Rauchfangkehrer, hatte man Glück, dass er den Rauchfang kehrte und somit das Unglück abwendete, Heute dreht man halt am Knopf und wendet das Unglück so ab“, erklärt Sonja Högler den Ursprung dieses abergläubischen Rituals.

Empfiehlst du Rauch-oder Kohlenmonoxid-Melder? Gesetzlich ist es bei uns im Altbau nicht vorgeschrieben, aber ich würde das in jeder Wohnung empfehlen. In den Neubauten werden sie schon automatisch eingebaut. Modelle, die wir empfehlen können, bekommt man schon ab 50 Euro. In Deutschland kontrollieren die Rauchfangkehrer diese Melder mit.

Muss man schwindelfrei sein als RauchfangkehrerIn? Ja, das ist schon wichtig. Wenn man auf den Flachdächern ist, hat die ungesicherte Dachkante eine Art Anziehung, es ist wie ein Sog. Das kann man schwer beschreiben, ich hab schon ein mulmiges Gefühl, wenn ich in die Nähe der Kante komme. Am besten bleibt man weg davon und passt auf, dass man nicht ausrutscht. Wichtig ist, dass man bleibt fit und beweglich ist in unserem Beruf. Nicht nur, weil man in der Berufsschule noch immer das Beschliefen eines schliefbaren Rauchfanges lernt: da steigt man mit einer bestimmten Technik in den größeren Rauchfängen innen hinauf und befreit die Wände vom Ruß. Diese alte Technik ist übrigens vor kurzem zum immateriellen Weltkulturerbe geworden.

Wohin gehst du gerne Frühstücken? Frühstücken am liebsten im Walch. Um die Ecke bei uns ist der Grüne Salon, die haben fantastische Torten, auch vegane.

Wo isst man gut in Wien? Im Ludvig van, das finde ich großartig.

Wie entspannst du dich? Beim Stricken, daneben höre ich am liebsten Hörspiele. In Oberösterreich hat mich eine Goldhaubengruppe unter ihre Fittiche genommen. Ich sticke an einer traditionellen Goldhaube, das ist eine echte Herausforderung. Überhaupt mag ich gerne komplizierte Handarbeiten, auch beim Stricken: je komplizierter, umso besser.

Du hast auch noch weitere Hobbys? Ja, ich bin auch Imkerin. Und wir haben Pferde, ich reite schon seit meiner Kindheit. Seit kurzem bin ich auch noch Kutschenfahrerin. Ich hab dass Fahrabzeichen gemacht und gleich bei meinem ersten Turnier in der Dressur den 2. Platz belegt. Das nennt man Anfängerglück!

Was hast du für Wünsche für das Jahr 2020? Dass sich die Arbeit ausgeht und wir alles in Ruhe und Gelassenheit hinbekommen. Und ich wünsche mir, dass ein neuer Supermitarbeiter am Horizont erscheint, den werde ich nämlich dringend brauchen. Und dann wünsche ich mir noch eine tolle Wolle! (lacht)

Was möchtest du Wien ausrichten? Wien ist einfach schön! Viel Glück!

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Nini Tschavoll
Nini fotografiert, schreibt und bloggt digital.
Mag aber auch analog noch immer.

1 Comment

  • Es ist schön, von der Arbeit als Rauchfangkehrerin zu lesen. Während meiner Zeit in Berlin kam immer unsere “Schornsteinfegerin”, auch “Schorni” genannt. Nach meinem Umzug haben wir nun einen neuen Rauchfangkehrer. Die Info, dass mobile Klimaanlagen schädlich sein können ist für mich sehr hilfreich, wir überlegen, auch eine Klimaanlage einbauen zu lassen.

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