Ich weiß, wo ich herkomme

Larissa Fuchs fotografiert von Nini Tschavoll

Name: Larissa Fuchs, geboren 1983 in Tscheljabinsk, übersiedelte mit 12 Jahren ins deutsche Michelstadt im Odenwald. Ab 2008 arbeitete sie im Berliner Ensemble. Seit 2017 lebt die Schauspielerin im nördlichen Weinviertel.


Am 20. Dezember läuft GLÜCK GEHABT von Peter Payer in den heimischen Kinos an. Für Larissa Fuchs ist die karrierebewusste Rita die erste Rolle in einem österreichischen Kino-Spielfilm. Rita ist mit dem schlurfigen Artur (Philipp Hochmair) verheiratet. Der Mann in Strickweste ist ausgebildeter Lehrer, verdingt sich als Nachhilfelehrer und arbeitet mit Ende 30 noch immer in einem Copy-Shop. Irgendwann brüllt er: „Ich bin nicht bequem! Ich bin einfach nur entspannt!“

Die Gemächlichkeit in Arturs Leben nimmt ein jähes Ende, als er der schönen, jungen Alice nicht widerstehen kann. Ab dem Moment gilt die Solidarität der ZuseherInnen eigentlich seiner Frau Rita. „Das Schöne an diesem Film ist, dass sich das Paar wirklich nichts schuldig bleibt“, meint Larissa Fuchs, “mehr verrate ich nicht“. Was als klassische Dreiecksbeziehung beginnt, wird durch gesammelte kriminelle Energie ein Thriller mit überraschendem Ausgang. Larissa empfiehlt beim Gespräch mit MadameWien den Film „als ‚Genrebuffet’. Wir haben Krimi, Komödie, Thriller, Erotik. Es ist alles dabei und es bleibt bis zum Schluss spannend“.

Larissa Fuchs wurde als Kind zweier Sportlehrer in Tscheljabinsk in der Russischen Föderation geboren. Mit 12 Jahren übersiedelte sie in den Odenwald. Sie jobbte viel, begann eine Ausbildung als Krankenschwester und besuchte schließlich zwei Schauspielschulen in Bayern: „Ich durfte als Kind vieles ausprobieren und kann daher vieles ein bisschen: Sport, Tanz, Musik, Singen oder Nähen. Fußball liebe ich, weil ich mit Teamsport aufgewachsen bin. Meine Töchter spielen auch. Ich stehe dann am Rand und feuere sie an.“

Als sie sich an der Bayerischen Theaterakademie August Everding (2005 bis 2009) mit 799 anderen bewarb, wurde sie als eine von 12 aufgenommen. Ab 2008 war die Schauspielerin dann Mitglied beim Berliner Ensemble. Neben Russisch beherrscht sie Deutsch in den Ausprägungen Bühnendeutsch, Bayerisch, Berliner Schnauze, sogar ein bisschen Wienerisch geht schon. Im Berliner Ensemble spielte sie Gretchen in „Faust“, Julie in „Liliom“, Liese im „Zerbrochenen Krug“ und arbeitete unter Regie von Luc Bondy, Andrea Breth, Peter Stein, Martin Wuttke, Thomas Langhoff oder Klaus Maria Brandauer.

Die Entscheidung, nach Österreich zu gehen, ist ihr dennoch leicht gefallen: „Ich und viele andere Ensemblemitglieder wurden 2017 gekündigt. Statt in Berlin zu versacken, war es ein guter Zeitpunkt in der Heimat meines Mannes den Neuanfang zu wagen.“ Wien kannte sie von Gastspielen. Ihrem Filmpartner Philipp Hochmair war sie in Berlin schon einmal begegnet, was das Casting für GLÜCK GEHABT erleichterte: „Wir hatten einander schon einmal die Hand gegeben. Es ist für mich einfacher, wenn ich eine kleine Beziehung zu dem Menschen habe. Dann ist die Hemmschwelle, aufeinander loszugehen, kleiner.“

Die Familie mit zwei Töchtern und vier Hühnern lebt nach Jahren des Pendelns nun gemeinsam in einem Haus im nördlichen Weinviertel. So ist Larissa in 40 Minuten in Wien, wenn die Arbeit es erfordert. Sie ist von Tscheljabinsk nach Michelstadt im Odenwald übersiedelt, kennt also das Dörfliche und mag es. Das Fuß fassen ist nicht so einfach, aber sie schöpft aus allen Möglichkeiten und definiert ihren Beruf breit.

Jetzt hat sie Zeit für Filmprojekte (u.a. Rollen im Tatort, ORF-Serien wie „Schnell ermittelt“, „Walking on Sunshine“ und Landkrimi) oder das Sommertheater in Gutenstein, was im Ensemble faktisch ausgeschlossen war. Zudem hat sie gerade ein Drehbuch für einen Kinofilm geschrieben. Die Sicherheit eines fixen Jobs am Theater ist ohnehin trügerisch, „weil das Theater an sich so wandelbar und spontan ist. Als Familie mit kleinen Kindern ist das schwierig.“

Larissa kennt das schlechte Gewissen und hasst es, wenn sie zu wenig Zeit hat. Ein Kindermädchen bezahlen zu müssen, das ihre Kinder aufwachsen sieht, entspricht nicht ihren Vorstellungen. Auch wenn es gerne abgetan wird, sei es hier erwähnt: Mutter von Kindern unter zehn zu sein, erfordert Zeit und Aufmerksamkeit. Da dreht der Beruf der Mutter nur am Regler der Möglichkeiten, verändert aber das Spiel nicht.

Sie bringt viele Skills für ihren Beruf  mit. In der Jugend hat sie Eis verkauft, geputzt, gekellnert, jobbte auf Tank- und Baustelle. Darauf kann sie zugreifen und das macht sie stark. Die Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis, zwischen Anspruch und System hat ihr den Dienst am Krankenbett verdorben, die Ausbildung zur Krankenschwester brach sie ab. Sie kann Fußball, Basketball, schwimmen, fechten, Aikido und reiten. Auch tanzen (Ballett, Hip Hop, Modern Dance, Salsa und Stepp) und Gitarre und Klavier spielen.

Und dann wäre da noch eine ambivalente Fähigkeit: ihre Muttersprache Russisch. Sie war schon kurz davor, den Geburtsort in Datenbanken von Schauspiel-Agenturen nicht mehr zu erwähnen – auch vor dem Schritt nach Österreich. Für ein kleines Wahrnehmungs-Experiment. Denn welche Rollen bekommen russischsprachige Schauspielerinnen im deutschsprachigen Film zumeist? Nutte, Putzfrau oder die Halbkriminelle.

Die bejubeltste Rolle im Jahr 2019 spielte ironischerweise eine vermeintliche Oligarchen-Nichte im Ibiza Video. Wie oft gibt es Hauptrollen für Russinnen und wie oft grammatikalisch falsche Sätze mit viel ch ch ch im Akzent? „Eine Zeit lang habe ich mich aufgeregt, weil das eine Schublade ist, aus der du nicht leicht rauskommst. In dieser Schublade spielt keine Rolle, dass ich auf einer großen deutschen Bühne gestanden habe. Beim Film wirst du runtergestuft und dagegen wehre ich mich. Heute kränkt mich das allerdings nicht mehr.“ Sie macht ihre Arbeit, die Mehrsprachigkeit sieht sie inzwischen als Vorteil im Business: „Ich weiß, wo ich herkomme und verheimliche es nicht, wenn es mir auf meinem Weg hilft.“ Aber nicht für drei Sätze, denn Anfängerin ist sie längst keine mehr.

Lieblingsrollen hat Larissa Fuchs nicht: „Ich will spielen. Ganz einfach“, sagt sie. Und Drehbücher schreiben, „weil ich durch meine Herkunft viele Menschen mit tollen Lebensgeschichten getroffen habe. Diese Geschichten müssen erzählt werden“. Beim Schreiben gibt sie sich kein Zeitlimit, aber sie arbeitet intensiv, bis sie zum Kindergarten laufen muss. „Wenn ich nicht dranbleibe, sind die Charaktere beleidigt und sprechen nicht mehr mit mir.“ Jan Böhmermann und David Schalko wollen die Ibiza Story jetzt tatsächlich verfilmen. Sie könnten einfach Larissa fragen, deren Fingernägel sehr gepflegt sind, aber „die Fußnägel kann ich gerne verkommen lassen“, lacht sie. Und dann sagt sie „Ruft michhhh an“, mit dieser kehligen Alt-Stimme und lacht noch mehr.

Was gibt es nur in Wien? Die alten Kaffeehäuser. Die finde ich wunderbar. Ich muss aber noch mehr kennenlernen als das Eiles und das Café Rathaus. Und den Wiener Schmäh mag ich auch sehr.

Mochtest du den Schmäh gleich und hat dich Wien willkommen geheißen? Ich fühle mich überall willkommen. Das liegt ja auch an einem selbst. Ich mag Menschen, bin offen, ehrlich und hilfsbereit. Diese Qualitäten helfen einem weiter. Auch Berlin ist hart. Ich nehme es, wie es kommt. Die Stadt ist die Stadt und ich bin ich.

Hast du schon ein Wiener Lieblingswort? 'Oida!', 'Is mir wurscht'. 'Eh' mag ich auch, weil es auf alles eine Antwort ist und 'Das geht sich nicht aus' ist auch super.

Hast du eine Lieblingsspeise aus Wien? Ich mag Torten. Besonders die Esterhazyschnitte liebe ich.

Welche Musik hörst du gerne? Momentan viel Rodriguez und das gerne laut. Mit meinen Töchtern höre ich von TONES AND I Dance Monkey.

Was liest du? Ganz toll finde ich die „Anleitung zum Unglücklichsein“ von Paul Watzlawick. Und meinen Töchtern lese ich die „Goodnight Stories for Rebel Girls“ vor. Je älter ich werde, um so mehr merke ich, wie stark wir Frauen sind und was wir alles ziehen.

Und wie entspannst du dich? Ich finde die Ruhe, wenn es um mich nicht ruhig ist. Ich muss immer etwas tun. Yoga ist der Tod für mich.

Was wolltest du immer mal spielen? Julia Capulet. Aber aus dem Alter bin ich wohl raus!

Hast du eine Botschaft für Wien? Keine Angst! Im Sinne von Hansi Lang.

Astrid Kuffner
Astrid ist Wienerin, Working Mum, Wählerin, wählerisch, mag Menschen, Worte und Wale.
Nini Tschavoll
Nini fotografiert, schreibt und bloggt digital.
Mag aber auch analog noch immer.

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