Zu Hause geboren

Name: Margarete Wana, geboren 1982 in Wien, aufgewachsen in Oberösterreich, wohnt in Favoriten und praktiziert seit Oktober 2007 als selbstständige Hebamme. Sie unterstützt auch Frauen nach einem Kaiserschnitt, die zu Hause gebären wollen.


Hebamme Margarete Wana hat vorübergehend die Seiten gewechselt. Nur wenige Tage vor Erscheinen des Buches über ihre Abenteuer als Hebamme in Wien („Zu Hause geboren“, Edition Riedenburg), hat sie im April ihre Tochter zur Welt gebracht. Geboren hat sie ihr zweites Kind, sowie auch ihren Sohn davor, natürlich zu Hause.

Dass Frauen ihre Kinder zu Hause kriegen, war in Wien bis Anfang der 1950er-Jahre die Norm. Im Zuge des medizinischen und mobilen Fortschritts wurden Geburten zum Fall fürs Spital. Mit vielen Vorzügen und einigen Nachteilen für Mutter und Kind.

Aber ist eine Hausgeburt nicht eher Mittelalter als Modernität? „Durch die Eins-zu-eins-Betreuung sind Hausgeburten sehr sicher. Es kommt kaum zu Komplikationen“, erklärt Margarete. Die Betreuung durch die Hebamme beginnt bereits in der Schwangerschaft. Mögliche Risiken für die werdende Mutter können deshalb oft frühzeitig abgeklärt und die Grenzen der Hausgeburtshilfe rechtzeitig besprochen werden.

Auch während der Geburt kündigen sich Komplikationen zeitgerecht an. Da die Hausgeburtshebamme nicht abgelenkt ist, bleibt also genug Zeit für die Fahrt ins Krankenhaus, wenn es notwendig ist. „Das A und O ist, dass wir eben nicht in eine Situation mit Zeitnot geraten“, lautet ihr Credo der Hebammerei.

Der wesentliche Unterschied zu Hausgeburten in vorangegangenen Jahrhunderten: Alles kann, nichts muss. Auch die Hausgeburt wird in einem Krankenhaus angemeldet für diesen Fall. Apropos Risiken: Seit sich im Krankenhaus das Händewaschen vor jeder Entbindung bei der Ärzteschaft durchgesetzt hat, ist auch das Kindbettfieber quasi ausgestorben (Danke, Ignaz Semmelweis!).

Margarete Wana setzt sich auf verschiedenen Ebenen dafür ein, dass es (wieder) normaler wird, zu Hause zu gebären. Aktuell sind es rund 1,8% der Geburten. Mit ihrem Verein Hebammenkreis vernetzt Margarete seit Frühjahr 2016 Hebammen, die Hausgeburten betreuen wollen und organisiert spezifische Weiterbildungen, da in der Ausbildung auf dieses Setting kaum eingegangen wird.

Dass sie Hebamme werden will, wusste die Wienerin schon als Jugendliche. Weil da aber ein Geburtenrückgang vorhergesagt wurde, schloss sie auf Anraten ihrer Verwandtschaft zunächst eine Krankenpflegeausbildung ab. Heute hört man eher von überfüllten Geburtenabteilungen in Wiener Krankenhäusern.

Die Möglichkeit, gleich nach Abschluss der Hebammenschule frei praktizieren zu können, verdankt sie der Vernetzung mit älteren Kolleginnen. Zunächst ging sie als Wahlhebamme zur Geburtsbegleitung mit ins Krankenhaus. Als Externe brauchte sie dafür einen Vertrag mit mehreren Krankenhäusern und führte bald ein Büchlein mit, in dem notwendige hausspezifische Prozeduren notiert waren. „Ich habe mit den von mir begleiteten Frauen immer gut zu Hause abgewartet, bevor wir den Weg ins Spital angetreten haben. Die Rückmeldung war oft, dass die Fahrt ins Krankenhaus das anstrengendste an der Geburt war. Nach Möglichkeit zu Hause bleiben war also ein nachfliegendes Angebot.“

Über zu wenig Kundschaft kann sie sich nicht beklagen. Die besteht vorwiegend aus Frauen, die ihr erstes Kind im Krankenhaus bekommen und dort schlechte Erfahrungen gemacht haben – von nicht besprochenen, medizinischen Eingriffen bis zu traumatischen Gewalterfahrungen, Stichwort #metoo im Kreißsaal. (Triggerwarnung)

Stetige Weiterbildung ist Hebammenpflicht. Margarete hat im November 2015 den FH-Lehrgang „Salutophysiologie“ in Salzburg abgeschlossen mit einer Masterarbeit zum Thema „Hausgeburt nach Kaiserschnitt“. 2017 bekam Margarete den Margaretener Frauenpreis „Margareta“ verliehen, was sie sehr freut – nicht nur wegen des Namens.

Was manche Menschen als unverantwortlich beschreiben würden, ist für Frauen oft ein heilsamer Prozess „aus der Risikoecke eines Kaiserschnitts und der Idee von Versagen bei der Geburt zurück in die Gesundheit“, betont die Hebamme. Es sind wohl Begriffe wie Narbenruptur sowie in Filmen vermittelte Bilder von Geburt („Hol’ heißes Wasser und saubere Tücher“, schreiende Frauen in einem Blutbad, rauchende oder ohnmächtige Väter, Auftritt des „Gottes in Weiß“), die abschreckend wirken. „Es werden unrealistische Bilder gezeigt, aber die Inszenierung braucht eben das Drama “, zeigt Margarete Verständnis.

Auch die Geburt im Spital kann selbstbestimmt gelingen, wenn man unterstützende Menschen im Kreißsaal trifft. Leider gibt es auch solche, die das System ins Zentrum ihrer Arbeit stellen. Und die Einrichtung gibt mit vor, wo wer seinen Platz hat. „Das System“ bedeutet überspitzt formuliert, dass Wehende am Besten im Bett liegen und somit gegen die Schwerkraft arbeiten müssen, damit der Wehenschreiber gut sitzt und Krankenhauspersonal sowie Auszubildende eine gute Sicht auf den Ort des Geschehens haben. Es gibt eher mal Zeitdruck vor dem Schichtwechsel und dann wird die medizinische Interventionsspirale angeworfen. Was man nicht oft genug sagen kann: Worte wie „müssen“, „jetzt“ und „klappen“ sind im Verlauf einer Geburt nicht hilfreich.

Jede werdende Mutter bekommt ohnehin ungefragt Geburts-Horrorgeschichten erzählt. Dann wirkt der Prozess schnell wie ein unnötig schmerzhafter, steinzeitlicher Vorgang, den Frauen unter dem Vorwand der Natürlichkeit aushalten sollen. „Ich würde natürlich alle aus dem Bett rausholen“, lacht Margarete Wana. Im Buch „Zu Hause geboren“, das sie gemeinsam mit Judith Leopold verfasst hat, sind 14 stimmige Geburtsgeschichten nachzulesen. Fröhliche, tragische, furiose, glimpfliche, märchenhafte, im Stall, im Krankenhaus, im Pool, im Badezimmer und auch mit Polizeieinsatz.

Die erfahrene Hebamme (rund 300 Geburten) hat den Eindruck, dass das Gebären heute genau so isoliert und ausgelagert stattfindet, wie das Sterben. Sie kennt einige Hebammen, die später Sterbebegleitung machen, weil es um ähnliche Kompetenzen geht: Das würdevolle Begleiten, das Zeit geben und die Achtsamkeit.

Eine Geburt zu Hause bedeutet eigenes Tempo, individuelle Betreuung, selbstbestimmte Geburt und … ja, auch Aushalten. Eine Epiduralanästhesie darf eine Hebamme nämlich nicht setzen. Aber Margarete hat andere Tricks, um die Geburt zu unterstützen, sodass Frauen aus eigener Kraft ihre Babys auf die Welt bringen können. Als Fenster zur Aufklärung sieht Margarete das Internet: „Das ist die Frauenbewegung der heutigen Zeit: Dort bestärken Frauen einander, geben Tipps und Informationen weiter. Der Wunsch Nr. 1 bleibt doch für alle Frauen eine stimmige Geburt und ein gesundes Kind.“ Ganz generell ist das Internet aber nicht der beste Ort für Schwangere. Oder etwas griffiger formuliert: „Don’t google with a Kugel.“

Hilft es als Hebamme, wenn man selbst Kinder bekommen hat? Jede Geburt ist anders und individuell. Was einem selbst bei der Geburt geholfen hat, muss nicht für alle passen. Das darf man nicht übertragen. Ich kenne ausgezeichnete kinderlose Hebammen und es spricht so gesehen auch nichts gegen männliche Hebammen. Ich lerne bei jeder Frau dazu, die ich begleite.

Hast du wirklich ein Blaulicht im Auto? Ja, ich habe als Hebamme für Hausgeburten eine Berechtigung und auch ein Folgetonhorn. Ich sage immer: Sobald ich im Auto sitze, bin ich schnell da. Manchmal versäume ich Geburten dennoch. Aber eine schnelle Geburt ist nicht das Problem – weil sie unkompliziert war.

Was ist die Rolle der Väter? Alle Väter werden von mir vorbereitet, was zu tun ist. Eventuell fangen sie das Baby auch auf. Grundsätzlich habe ich gerne ein weiteres Paar Hände vor Ort. Seit den 1980er-Jahren dürfen Väter im Krankenhaus mit in den Kreißsaal hinein. Aber wenn ein Vater nicht will oder kann, muss das in Ordnung sein. Oder wenn er hinausgeschickt wird.

Du hast ja selbst Kinder. Eine Geburt kann und darf bei dir dauern. Wie organisierst du die Betreuung, wenn du eine Nacht durchmachst oder mehr? Ich habe vier Babysitterinnen. Ich war ja auch einige Jahre alleinerziehend. Man braucht auch einen verständnisvollen Mann. Wenn es lange dauert, gibt es ein Netzwerk mit den Kolleginnen, die zur Geburt dazu kommen. Oder wenn ich krank werde, habe ich eine Vertretung.

Eine Geburtsbegleitung als Paket mit Schwangerenvorsorge, Rufbereitschaft, Geburt und Nachbetreuung kostet bei dir aktuell 2300 Euro. Nicht viel für die große Verantwortung, den Rundumservice und die höchstpersönliche Dienstleistung, aber privat zu bezahlen. Im öffentlichen Krankenhaus kostet das Gebären die Frau selbst formal nichts – oder eben nur die Allgemeinheit. Klingt nach Luxus, aber wir finden meist eine gute Lösung. Ratenzahlung, manche lassen sich das schenken und auch eine Geburtslotterie habe ich schon erlebt, wo die Freunde für jeden Tipp über genauen Geburtstermin 5 Euro eingezahlt haben. Ich habe übrigens gewonnen. Zudem wird ungefähr die Hälfte des Betrags von der gesetzlichen Krankenkasse zurückerstattet. Zusatzversicherungen übernehmen meist den ganzen Betrag.

Du machst Plazenta-Abdrücke auf Leinwand mit Acrylfarbe und hast auch schon Plazentaabgüsse bemalt. Wie kam es dazu? Das mit den Abdrücken mit Acrylfarbe haben wir schon in der Ausbildung ausprobiert. Die Bilder hängen meist bei den Familien – ich habe nur meinen eigenen. Ich will immer schon mal eine Ausstellung machen, aber das wird schwierig zu organisieren. Das mit dem Abguss ist tricky und braucht viele Arbeitsschritte. Mal sehen, ob ich das weitermache.

Welches sind häufige Motive von werdenden Müttern für eine Hausgeburt? Ich etwa dachte mir, dass ich vorher noch nie im Krankenhaus war und mir der Ort daher keine Sicherheit vermittelt. Ich habe dann die Hebamme meines Vertrauens gesucht und gefunden. Darüber reden wir immer sehr ausführlich. An erster Stelle stehen wohl, neben der Selbstbestimmung, schlechte Erfahrungen im Krankenhaus. Ich habe mal eine Frau betreut, die mobile Sterbebegleitung macht. Sie meinte: Wenn sie die Menschen fragt, wollen die meisten Zuhause sterben. Und wenn man ihr Baby fragen würde, würde das vielleicht auch Zuhause geboren werden wollen. In den Niederlanden werden etwa ein Drittel der Kinder zu Hause geboren. Dank des Buches können mehr Frauen davon erfahren, dass man Babys auch zu Hause bekommen kann. Buch.

 

Was gibt es nur in Wien? Vielfalt auf allen Ebenen.

Dein Wiener Lieblingswort? G’schropp!

Dein Wiener Lieblingsort? Meine Dachterrasse in Favoriten.

Deine Wochenenden verbringst du gerne wo? In Neudörfl am See.

Was läuft derzeit auf deiner Playlist am meisten? Glen Hansard.

Dein allerliebster Lieblingssong? „Winning Stream“ von Glen Hansard.

Für welchen Verein schlägt dein Herz? Für meinen eigenen Hebammenkreis!

Wo kann man in Wien gut brunchen? Im DC Tower im 57.

Wohin gehst du gerne zum Mittagessen? In die Luftburg im Prater.

Dein Lieblingsrestaurant abends? Ein Heuriger mit schönem Gastgarten (gibt’s ja viele …) oder mal die Fladerei, ach, es gibt so viele gute …

Wohin geht man am besten mit Kindern? Zu einem Heuriger mit Spielplatz!

Wien schmeckt nach …? Kalbsschnitzerl, selbstverständlich.

Was isst du am liebsten in Wien? Gern auch mal was, was nicht so oft auf Karten zu finden ist, wie etwa Saure Nierndln oder Gebackenes Kalbshirn.

Wo entspannst du dich am besten? An Orten mit Aussicht oder mit Wasser, z. B. am Kahlenberg mit Blick über Wien.

Gibt es Plätze oder Orte in der Stadt, die dich inspirieren? Die Innenstadt mit ihren historischen Häusern, geschichtsträchtigen Fassaden und ausgelatschten Gassen.

Was willst du Wien ausrichten? Naja, Wien ist meine Wahlheimat und mein Zuhause geworden, nachdem ich als Kind oft übersiedelt bin. Ich bin großer Wien-Fan und sehr dankbar für diese facettenreiche Stadt. Also wenn ich Wien was ausrichten will, dann ein Danke, dass es so open-minded ist und hoffentlich bleibt. Kurz: „Keep open minded, Vienna!“


deinehebamme.at

Nützliche Links zum Thema Hausgeburt:

Hausgeburt Österreich
Hausgeburt nach Kaiserschnitt
Selbstbestimmt gebären nach Kaiserschnitt
Positive Birth
Instinctive Birth
Natürliche Geburt - Hausgeburt - Alleingeburt

Internationaler Tag der Hausgeburt ist am 6. Juni, internationaler Hebammentag am 5. Mai.

zum Buch

Astrid Kuffner
Astrid ist Wienerin, Working Mum, Wählerin, wählerisch, mag Menschen, Worte und Wale.
Nini Tschavoll
Nini fotografiert, schreibt und bloggt digital.
Mag aber auch analog noch immer.

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