Roadtrip, Reflexion inklusive

Zwei Jahre auf zwei Quadratmetern

Name: Lena Wendt, geboren 1985 in Osterode im Harz (Deutschland), von Beruf Journalistin, Fotografin und Filmemacherin.


Egal wie weit du reist, du hast dich selber immer dabei. Lena Wendt und Ulrich Stirnat hatten auf ihrer zweijährigen Reise durch Westafrika zudem eine gut bemessene Portion Naivität, eine handfeste Depression und zwei sehr unterschiedliche Charaktere mit am Bord. Aber wenn das, was man gewöhnlich Urlaub nennt, mal vorbei ist, geht etwas auf und du veränderst dich. Über Licht und Schatten, die wunderbaren Menschen, widersprüchlichen Gefühle und vielfältigen Eindrücke auf 46.000 gefahrenen Kilometern durch 14 Länder haben die beiden einen ungeschminkten zweistündigen Film gemacht.

Geplant war das so nicht. Aber nicht zu viel zu planen, sondern darauf zu vertrauen, dass alles letztlich gut wird, ist eine von vielen Lektionen, die Lena und Ulli gelernt haben. Entstanden ist der Film sehr „afrikanisch“: Viele haben mitgeholfen und niemand wurde mit seinen Problemen alleine gelassen. Bei aller Differenzierung, die ein ganzer Kontinent mit seiner Fülle von Geschichte, Kulturen und Menschen verdient, ziehen sich nämlich zwei Muster durch: Die Fülle von Gastfreundschaft und die Hilfsbereitschaft der Menschen, denen die zwei Deutschen auf ihrer Reise begegnen. Mit vielen von ihnen stehen sie auch nach dem Ende der Reise noch in Kontakt.

„Reiss aus - zwei Menschen. Zwei Jahre. Ein Traum“ heißt der Film, der am Freitag in den heimischen Kinos angelaufen ist. MadameWien trifft Lena Wendt, Regisseurin und Protagonistin, als gründlich gereifte Lebenskünstlerin im Café Afro um die Ecke vom Votivkino. Wien ist Lenas und Ullis 117. Station. Seit Februar 2019 touren die beiden frischgebackenen Filmemacher durch Deutschland und stellen sich nach der Vorführung den Fragen des Publikums. Inzwischen weiß Lena, dass „jeder mit seiner Brille in den Film geht und etwas anderes mitnimmt.“

Lena war schon vor der Tour 2014-2016 viel in Afrika unterwegs gewesen, ist immer wieder vor ihrem deutschen Leben dorthin geflüchtet. Sie wollte auf dieser Reise endlich das passende Leben und sich selbst finden, um nicht wieder in die alte Mühle, Arbeitstrott und Leistungsdenken, zurück zu fallen. Sie gibt also freimütig zu, dass sie ihren Traum verwirklichen wollte und ihr Partner sie dabei begleitet und sich damit schwer getan hat.

Die beiden, so zeigt es auch der Film, können aus ihrer Haut nicht raus, gehen sich immer wieder "auf den Sack". Sehr oft zeigt sich, dass sie genießt, während der Medizintechniker unter dem Auto liegt und sich verantwortlich fühlt. „Wir funktionieren nicht gut an einer Sache gemeinsam, sondern jeder in seinem Aufgabenbereich“, weiß Lena. Im Blick zurück war der Trip jedoch für beide ein Geschenk und ein Wendepunkt – raus aus der Komfortzone und dort wachsen Nach dem gemeinsamen Filmprojekt wirken sie jedenfalls geeinter, als auf der langen Reise.

Entstanden ist der Film aus dem Videotagebuch, mit dem Lena eine mögliche Veränderung dokumentieren wollte. Zudem experimentierte die leidenschaftliche Fotografin, die nie ohne ihre Spiegelreflexkamera gefahren wäre, erstmals mit bewegten Bildern. Wenn genug Muße da ist, entsteht ja oft Lust auf Neues und Ideen können ausprobiert werden. Sie stellte für die Daheimgebliebenen Stimmungsvideos der einzelnen Länder auf YouTube, Ulli filmte mit seinem Handy und einer Go pro und sammelte Lena von jedem Aussichtspunkt und Fotostopp wieder ein.

Zudem fertigte Lena im Lauf der Reise viele Imagevideos, um den Menschen und Projekten, die ihnen ihre Geschichten gaben und 1001-mal aus der Patsche halfen, etwas zurückzugeben. Als sie 2017 auf ihrer ersten Fotoausstellung Hans Bücking traf und das Filmmaterial erwähnte, nahm das Schicksal seinen Lauf. Selbst wenn jeder den Film anders erlebt, zeigt er mehr als die in vielen Köpfen – auch mangels eigener Anschauung - vorherrschenden Bilder. Das Afrika-Bingo mit den Stichworten Krieg, Hunger, HIV, Tanz, bunte Stoffe und lachende Kinder wird erheblich erweitert.

Die Reise lebt und hallt in Lena und Ulli bis heute fort. Nach vielen Nächten im Dachzelt auf ihrem viel geprüften Land Rover Tères haben sie seit ihrer Rückkehr nach Deutschland 2016 keine „eigenen vier Wände“ mehr bewohnt. Sie praktizieren Food Sharing, wohnen im VW T3 mit zwei Hunden, finanzieren Hilfsprojekte, leben mal hier mal dort und haben Tauschen als Konzept, das immer einen sozialen Umgang auf Augenhöhe erhält, in ihr Leben integriert. Und nachdem sie 25 Grenzen gequert, viele Formulare ausgefüllt und unzählige Kontrollen mit und ohne Uniform erlebt haben – auch so eine Lektion: Bürokratie nervt weltweit – wären sie fast an der Wiener Parkraumbewirtschaftung gescheitert.

Für dich ist ja Afrika der beste Platz zum Leben. Das ist harte Konkurrenz für Wien, das den Ruf als lebenswerteste Stadt der Welt zu verteidigen hat. Warst du vorher schon mal da? Nein! Aber obwohl mich Städte generell nicht so interessieren, stand Wien tatsächlich schon lange auf meiner Liste von Plätzen, die ich besuchen will.

Wir fühlen uns geehrt! Was wollt ihr euch ansehen? Ich habe noch keine Ahnung. Mich interessiert besonders die Natur und wir haben schon einen Tipp bekommen und waren Am Himmel spazieren. Ich finde Österreich grundsympathisch, es ist sehr geschichtsträchtig, ist multikulturell, international und hat viel Natur. Ich war auch schon in Meidling.

Erwartet ihr euch neuartige, exotische Geschmäcker, Begegnungen, Anblicke etc. in Österreich? Wir hatten schon viele. Es ist ganz anders, wenn man von Norddeutschland kommt. Auch in Süddeutschland waren schon ganz andere Vibes. Wir merken es bei den Filmgesprächen abends, es werden ganz andere Fragen gestellt – sehr offen und direkt. Ein etwas multikulturelles Publikum würde ich mir manchmal wünschen. Wo ein paar Leute wissen, was es bedeutet, der Fremde zu sein. Aber der Film ist ab 0 Jahren freigegeben und wir haben immer alt und jung.

Wir sind erfreut und erstaunt. In dem Film kommst du als furchtlose, unbekümmerte, tanzende Abenteurerin rüber und Ulli klammert sich zunächst an Struktur und rauft mit Hitze, Parasiten und dem Auto. Ich finde das herrlich gegen den Strich gebürstet, nach den vielen, auch historischen Weltentdeckern à la Kolumbus, Humboldt & Co. Es war wohl damals auch schon keine Charakterfrage, sondern eine Frage der Möglichkeiten. Als Frau musstest du dich als Mann verkleiden oder gegen starke Widerstände angehen. Heute haben wir alle Optionen. Ich war aber immer eher die Harte, Durchsetzungsstarke, Vollgas, Kopf durch die Wand. Für mich war alles gut, bis auf unsere Beziehung.

Was ist jetzt anders, was hat sich für dich und in dir geändert nach der Reise? Ich hatte ja große Angst zurückzukommen, aber es war wichtig. Ich praktiziere Vipassana Meditation und habe das deutsche Bildungssystem genossen. Ich lebe nach meinen Werten. Wir machen etwas, hinter dem wir tausendprozentig stehen. Inzwischen habe ich gelernt, mich selbst zu mögen, denn ich war meine schärfste Kritikerin. Mehr auf mich zu achten in jeder Hinsicht, auf mich aufzupassen. Es hat eben alles seine Zeit. Die Reise war eine Vorbereitung auf alles, was jetzt kommt. Das empfinden wir als komplett sinnhaft. Wir unterstützten Projekte wie die Schule von Mame Sy, oder den Verein Target von Rüdiger Nehberg gegen weibliche Genitalverstümmelung. Wir machen immer noch durch Tauschen Dinge möglich. Das fing ja schon mit dem Crowdfunding für den Film an. Jeden Abend kann jeder etwas mitnehmen und dafür etwas geben. Wir haben jetzt fast 40.000 Euro zusammengetauscht.

Glaubst du, kann euer Film zu einer differenzierteren Betrachtung des Kontinents Afrika beitragen, den man fahrlässig oft so behandelt, als würde er nicht aus unzähligen Kulturen, Ethnien, Historien, Religionen zusammengesetzt? Gute Frage! Was alle sicher mitnehmen, ist einmal ein anderes Bild als Krieg, Ebola, HIV oder Giraffen und Nationalpark. Mein Anspruch ist nicht, aufzuklären über Ethnien, Stämme und Kulturen, sondern ein anderes Gefühl für einen Teil der Welt, über den sonst so viel negativ berichtet wird. Als wir zurückkamen, wurden wir oft mit den Ängsten konfrontiert. Viele Flüchtlinge kommen aus Westafrika und die Leute haben gesagt: Da wo ihr wart, ist es ja nicht schön, da wollen alle weg. Das war mit ein Grund, warum ich meine erste Fotoausstellung gemacht habe. Um etwas zurückzugeben, von den Geschichte der Leute, die sie mir gegeben haben. Und ich will etwas dazu beitragen, dass die Menschen sehen, dass niemand freiwillig seine Heimat verlässt. Ich hatte viele Aha-Erlebnisse, als ich wieder zurück in Deutschland war. Wir sind ein Volk, das viel wert auf Privatsphäre legt und individuellen Raum. Den Flüchtlingen wirft man vor, dass sie nur zusammenstecken. In Deutschland sitzt jeder in seinem Zuhause und macht die Tür zu. Es ist also klar, dass sich Flüchtlinge oft alleine fühlen bei uns. Wenn du den Film schaust, kannst du sehen, dass es dort ein ganz anderes Miteinander gibt, mehr Nähe, mehr Berührung. Alles wird geteilt.

Welches Reiseziel würdest du einem Neuling auf dem afrikanischen Kontinent empfehlen? Ghana, da gibt es eine touristische Infrastruktur, sie sprechen Englisch und die Straßen sind gut. Oder Ruanda. Da habe mich als Frau alleine sehr sicher gefühlt.

Täusche ich mich, oder kam es auf eurer Reise weniger auf formales Wissen, Besitz und Versicherungen an, denn auf Fertigkeiten? Etwas können, nicht etwas haben. Wie ihr den Kindern und den Erwachsenen häkeln beibringt, wie ihr anpackt beim Fischen oder an der Lodge mitbaut? Wir merken das immer bei den Publikumsgesprächen. Wir sind so viel mehr, als wir gelernt haben. Jeder kann und weiß so viel mehr. Was uns leicht fällt, ist für andere wertvoll. Ich kann Deutsch – könnte es daher auch unterrichten. Ich habe häkeln hergezeigt. Das wird dann eine Kettenreaktion. Es mangelt oft sehr an Bildungsmöglichkeiten. Da sind wir in Europa so beschenkt. Ich weiß, dass die Jungs ein Business aus dem Häkeln gemacht haben und kreativ werden. Man kann ein alternatives Brot herzeigen. Ein anderer Deutscher hat Imkern gezeigt und jetzt wird in der Community Honig gemacht.

Was braucht man wirklich: Französisch, Gaffa Tape, die Einstellung zur Privatsphäre runterregeln? Wenn du weiß bist, leuchtest du im Dunkeln. So ist es. Und Moskitospray. Den gibt es dort nicht zu kaufen.

Würdest du dir wünschen, dass Menschen euch das nachmachen? Wie Hape Kerkeling auf dem Jakobsweg. Nein, Spaß, aber du weißt was ich meine. Ich würde mir wünschen, dass sich Leute fragen: Bin ich eigentlich glücklich und was ist mein eigener Traum? Und will ich das wegen Instagram, oder bin das ich wirklich? Sich trauen loszulaufen und Fehler zu machen. Weil wir wachsen nicht an Sonnenuntergängen, sondern wenn wir an Grenzen stoßen. Oder mal einen Fremden, den Nachbarn aus dem Senegal, einladen. Oder sich einladen lassen von einem Fremden und schauen was passiert. Es bedanken sich viele Menschen für dieses Bild von dem Kontinent und seinen Menschen.

Astrid Kuffner
Astrid ist Wienerin, Working Mum, Wählerin, wählerisch, mag Menschen, Worte und Wale.

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