Von der Savanne in die Stadt

Elisabeth Oberzaucher fotografiert von Nini Tschavoll

Name Elisabeth Oberzaucher, geboren 1974, aufgewachsen in Greifenburg im Oberen Drautal (Kärnten),  arbeitet als Verhaltensbiologin, Science Buster und ist Ig Nobelpreisträgerin für Mathematik 2015, wohnt in Wien Ottakring


Dass Wissenschaft alltagstauglich und unterhaltsam ist, beweist die Verhaltensbiologin und Wissenschaftskommunikatorin Lisa Oberzaucher. Warum die Evolution eher Betriebsanleitung für den Menschen denn eine Ausrede sein soll, erzählt sie uns im Kaffeehaus.

Wir treffen Lisa Oberzaucher im Café Landtmann und erfahren: Das Traditionscafé ist ein guter Ort für Verhaltens­forschung – eine passende Forschungsfrage vorausgesetzt. Die Verhaltens­biologin macht sich Arbeitstermine überhaupt gerne im Kaffeehaus aus, weil man da „mitten im Leben ist und an unterschiedlichen Orten unterschiedliche Gedanken kommen“.

Lisa Oberzaucher ist gerne in Bewegung. Als Science Buster für das Fach Biologie tritt sie mit Martin Puntigam in wechselnder Besetzung in Österreich, Deutschland und der Schweiz auf. Sie pendelt zwischen den Universitäten Ulm und Wien und muss in ihrem Kopf stets die Distanz von der Savanne, wo unsere Vorfahren von den Bäumen heruntergestiegen sind, zum Lebensraum Stadt überbrücken.

Die gelernte Zoologin hat sich als Verhaltensbiologin auf den Menschen vor dem Hintergrund seiner Evolution spezialisiert: „Die Herkunft von Homo sapiens, welche Rahmenbedingungen es in seiner Entwicklung gab, beeinflusst uns bis heute. Das hat uns geformt.“ Wobei: Ein Mensch allein interessiert Lisa überhaupt nicht. „Das ist nur ein Datenpunkt für mich. Mich interessieren Phänomene in der Masse – nicht Einzelschicksale.“

Dabei will sie die Evolution nicht als ewige Ausrede verstanden wissen, sondern als eine Art Entscheidungshilfe, etwa wenn es um die Benutzerfreundlichkeit unserer Umgebung geht. Die Spezialgebiete der „leidenschaftlichen Städterin“ sind der urbane Mensch und evolutionäre Genderforschung.

Zwei, die gerne mit den Händen reden

Etablierte, aber lange nicht überprüfte Behauptungen, knöpft sich die Verhaltensforscherin besonders gerne vor. Thesen wie „Pflanzen sind gute Gesellschaft für Menschen“, „Männchen haben kein Limit, wenn es um Nachkommen geht“ oder „gleich und gleich gesellt sich gern“ hat sie bereits untersucht. Die Antworten lauten übrigens ja, nein und ja. (Hier tanzt Oberzaucher ihre Doktorarbeit.) Für die mathematische Beweisführung zur Vaterschaft des Sultans Moulay Ismail (angeblich 888 Kinder) bekam sie den Ig Nobelpreis 2015 in Cambridge verliehen.

Was haben wir nun aus unserer Entwicklungsgeschichte für das Leben in Wien mitgenommen? In der frühsommerlichen Hitzewelle fahren auf der Ringstraße Straßenbahnen, Autos und Fahrräder vorbei, Touristen und Einheimische drücken sich in den Schatten der Alleebäume, deren Lebensraum ein schmaler Grünstreifen ist. Das Biotop Landtmann ist an diesem sonnigen Vormittag bevölkert von Menschen, die in ihr Smartphone starren, überteuerte „typische Gerichte“ essen oder im Businessoutfit wichtig reden.

Da keiner von ihnen schwitzen will, wird die Umgebung mit Sprühnebeldüsen und Markise abgekühlt. Genau darum geht es bei unserem evolutionären Erbe: „Der Homo sapiens hat sich auf nichts spezialisiert, wir können nichts richtig gut,wie etwa laufen, riechen, schwimmen, sehen. Unsere Stärke ist unsere Flexibilität und unser großes Hirn hilft uns dabei auf wechselnde Umweltbedingungen und den Fortschritt zu reagieren.“

Für die Verhaltensbiologin wandelt sich die menschgemachte Technik und Digitalisierung langsam vom Status „technisch machbar und beherrschend“ zu „barrierefrei, brauchbar und intuitiv verständlich“. Aus evolutionspsychologischer Sicht war das erste iPhone mit Touchscreen ein echter Durchbruch.

Lisa Oberzaucher hat im Frühjahr 2017 bei Springer „Homo urbanus“ veröffentlicht. Das Buch gibt Antworten auf die Frage, warum wir modernen Affen uns heute in Städten tummeln. Wien schneidet in Rankings zur Lebensqualität immer wieder gut ab. Die Fachfrau sieht hier drei Erfolgsfaktoren für einen guten Lebensraum verwirklicht: „Wien hat sich viele Naturelemente erhalten. Der urbane Großraum zerfällt in überschaubare Subeinheiten und Nachbarschaften und es gibt eine lange Geschichte des sozialen Wohnbaus, der das soziale Miteinander fördert.“ Städte bieten jetzt Ressourcen zum Überleben: Bildung und Arbeit.

© Ernesto Gelles

Die erste Sendung als Science Buster Biologie hat Lisa Oberzaucher gleich zum Thema Nummer eins bestritten: Partnerwahl, Sex und Nachkommen. Ohne rot zu werden, wissenschaftlich fundiert und lustig. Gibt es überhaupt etwas, dass ihr beim Auftreten peinlich ist? Oh ja: „Das Blockflöte spielen.“ (Achtung Ohrwurmgefahr „Je t’aime“.) Vor Popkultur hat die Wissenschaftlerin keine Angst, wie auch die „Game of Thrones“-Ausgabe beweist.

Lisa Oberzaucher trat 2016 die Nachfolge des beliebten TU-Professors Heinz Oberhummer (er verstarb im November 2015) an und reißt mit Vergnügen die Mauern zwischen Wissenschaft und Comedy ein. Weniger lustig ist, dass (auch) sie als erfolgreiche Frau in der Öffentlichkeit sehr polarisiert. Lisa bekommt – im Vergleich zu ihren Science Buster Kollegen – viel untergriffige Ungustlpost, die kaum inhaltlich motiviert ist. Eine evolutionäre Sackgasse, für die es dringend einen gesellschaftspolitischen Rückwärtsgang braucht.

Hast du schon einmal bereut, Science Busterin zu sein? Wie waren die Reaktionen? Die Reaktionen sind zweitgeteilt. Die eine Gruppe sagt „Großartig, ich bewundere deinen Mut und würde mich das nicht trauen.“ Die zweite Gruppe denkt vermutlich, dass „Kasperl spielen und seriöse Wissenschaft“ nicht zusammengehen, und redet nicht mit mir darüber. Beides ist schade – vor allem für die Wissenschaft. Ich weiß aber nicht, welche Gruppe größer ist. Und ich frage mich, warum es so wichtig ist, dass ich eine Frau bin. Und nicht mein Fach.

© Ernesto Gelles

Warum bist du eigentlich Verhaltensbiologin geworden?  Ich bin keine Freundin der rückwirkenden Konstruktion roter Fäden für das Leben. Dafür spielt der Zufall eine zu große Rolle. Ich war immer naturinteressiert, habe im Wald gespielt. Wie so viele meiner Generation wuchs ich mit der TV-Sendung „Rendezvous mit Tieren“ auf, in der Otto König, weißhaarig und mit Naturforscher-Aura, über Verhalten dozierte (Die Jugend). Rupert Riedls „Die Gärten des Poseidon“ faszinierten mich. Wachsen ließen mich aber echte Erfahrungen, wie das Jahr als Au-pair gleich nach der Schule – vom Drautal nach London. Geblieben ist mir eine tiefe Liebe zu britischer Seele, Lebensstil und Humor. Für Studienwahl und Ortswechsel nach Wien ist sicher meine ältere Schwester mitverantwortlich, die mir ein Vorlesungs­verzeichnis in die Hand drückte und einen WG-Platz bot.

Wenn man auf YouTube Elisabeth Oberzaucher eingibt, dann schlägt die Auto-Vervollständigung als zweiten Suchbegriff „verheiratet“ und als dritten Science Busters vor. Was sagt das über menschliches Verhalten aus? (lacht) Das private Leben von öffentlichen Personen ist interessant. Ich war mit meiner digitalen Persona immer schon vorsichtig, weil das Internet nicht vergisst. Ich gebe mich eher preis, wenn ich persönlich anwesend bin.

Ist Wien eine gute Stadt für Wissenschaft und für Wissenschaftsvermittlung? Der Wissenschaftsstandort ist vielfältig und hat eine lange Tradition, auf die man aufbauen kann. Bei der Wissenschaftskommunikation wäre sicher noch mehr drin. Die Forschungsorte sind in der Stadt verteilt, nutzen das aber für die Kommunikation nicht intensiv. Neulich haben wir etwas ausprobiert: Das Einführungs-Seminar für die Studierenden zur „Seestadt Aspern“ haben wir als public lecture in der U2 auf dem Weg dorthin gestaltet.

Seestadt Aspern

Du hast den sozialen Wohnbau als Asset der Stadt Wien erwähnt. Wie beurteilst du die aktuelle Entwicklung? Die Entwicklung bereitet mir Kopfschmerzen, denn wir sind an einem Wendepunkt. Die Stadt hat bald keine eigenen Grundstücke mehr, auf denen sie solche Bauten umsetzen kann. Es passieren gefährliche Experimente wie eben in der Seestadt Aspern.

Was ist daran gefährlich? Das Stadterweiterungsgebiet kann funktionieren oder schiefgehen. Eine Verkehrsanbindung allein ist nicht alles. Paris kennt mit den Banlieues gut erreichbare Satellitenstädte, die aber sozial nicht integriert sind. Eine Durchmischung ist wichtig, damit es kein Ghetto wird. Ich war mit einer Arbeitsgruppe dort: Wir wissen, dass die BewohnerInnen die Naturnähe der Seestadt schätzen. Die Flächen werden aber in den kommenden Jahren zunehmend verbaut werden. Also müssen bis dahin die sozialen Strukturen gut entwickelt sein, damit das Grätzel attraktiv bleibt.

Du hast bei den Science Busters über Gerüche referiert, über Pheromone als Botenstoffe. Wie riecht Wien? Nach Mokka, Apfelstrudel, Pferdemist, Parkbäumen und Würstelstand.

Was ist dein Wiener Lieblingswort? Grätzel.

Was ist dein Wiener Lieblingsort? Ich gehe gerne am Wilhelminenberg spazieren. Und arbeite gerne im Kaffeehaus.

Welche Verhaltensforscherin bewundert du? Jane Goodall!

Was liest du aktuell? John Irving „In One Person“.

Was läuft derzeit auf deiner Playlist? Ich pflege mein Englisch, wo immer es geht. Ich höre also englische Podcasts von Wissenschafts­institutionen.

Für welchen Verein schlägt dein Herz? Für unseren Verein „URBAN HUMAN

Was isst du am liebsten in Wien? Erdäpfel-Vogerl-Salat mit Kernöl.

Du hast gesagt jeder Platz ist perfekt für Verhaltensforschung, abhängig von der Forschungsfrage. Wir sind gerade im Volksgarten. Was würdest Du hier erforschen? Hier würde ich mir das Raumverhalten ansehen. Ob es andere wichtige Faktoren fürs Niedersetzen gibt, als nur den Schatten.

www.oberzaucher.eu

 

zur Buchbesprechung


TIPP!

Am 27. September um 20:00h gastiert Lisa Oberzaucher mit den
Science Busters  und dem Programm 
Winter is coming - Die Wissenschaft von Game of Thrones
im Stadtsaal Wien. (TV-Aufzeichnung)

Astrid Kuffner
Astrid ist Wienerin, Working Mum, Wählerin, wählerisch, mag Menschen, Worte und Wale.
Nini Tschavoll
Nini fotografiert, schreibt und bloggt digital.
Mag aber auch analog noch immer.

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