In Wien kann man auf jedem Niveau in Würde leben

Doris Knecht fotografiert von Nini Tschavoll

Name Doris Knecht, geboren 1966 in Rankweil (Vlbg.), Beruf Schriftstellerin und Kolumnistin, ihr liebstes Grätzel ist der Yppenplatz in Wien Ottakring


Die Freiheit und die Anonymität der Großstadt waren es, die Doris Knecht 1985 nach Wien lockten. Als Freigeist war es ihr zu eng im kleinen „Ländle“ hinter dem Arlberg. Ihren Umzug nach Wien bezeichnet sie selbst als Fluchtbewegung. Kaum angekommen, studierte, jobbte und lebte sie auf in der großen Stadt.

Den Jobs, die sie während der ersten Jahre ausübte, kann man eine gewisse Bandbreite nicht absprechen: Die junge Studentin verdingte sich als Putz- und Barfrau, später als Sekretärin bei den renommierten Architekten Coop Himmelb(l)au. Ihre Musikleidenschaft brachten ihr gelegentlich Jobs als DJane ein.

Beim Falter schnupperte sie dann zum ersten Mal Medienluft und wusste schnell, dass es genau das war, was sie wollte. Doris Knecht blieb zehn Jahre bei der Stadtzeitung, wo sie am Anfang „Mädchen für alles“ war. „Das war der absolut beste Job für mich zu der Zeit, es war ein wenig wie im Jugendlager. Ich liebte das städtische Lebensgefühl, immer war was los und ich mittendrin.“ 1995 wurde sie beim Falter stellvertretende Chefredakteurin, bis sie 1998 zum Nachrichtenmagazin Profil wechselte.

Zwei Jahre später folgte sie ohne zu zögern dem Ruf aus der Schweiz. An die Zeit beim Zürcher Tagesanzeiger erinnert sich Doris Knecht gerne. Nach einer etwas steifen „Aufwärmzeit“ wurde sie von der Zürcher Szene quasi absorbiert.

Noch heute werden ihre Bücher in der Schweiz gerne gelesen, ihre populäre Kolumne im Wochenendmagazin des Tagesanzeigers erschien auch nach ihrer Rückkehr nach Wien 2002 noch zwei weitere Jahre. „Meine wöchentlichen Kolumnen habe ich ohne eine einzige Ausnahme immer rechtzeitig abgeliefert“, staunt Doris Knecht rückblickend selbst nicht schlecht über sich. „Sogar als meine Kinder zur Welt kamen, habe ich das irgendwie geschafft. Die Falter-Kolumne schreibe ich seit 15 Jahren ohne Unterbrechung und es macht mir noch immer Spaß.“

Die Kurier-Kolumne „Knecht“ ist seit 2006 ein fester Bestandteil des Chronikteils der Tageszeitung und erscheint zwei mal wöchentlich. „Leserbriefe und Reaktionen bearbeite ich, so gut es geht. Auf alles einzugehen, ist aber kaum zu schaffen“, meint die Vielschreiberin.

Als Schriftstellerin sieht sich Doris Knecht erst seit ihrem zweiten Roman „Besser“. Als dieser sich gut verkaufte, konnte sie erstmals für sich selbst eine Einordung in dieses Berufsbild finden.

Im März erscheint dein neuer Roman „Alles über Beziehungen“. Wie geht es dir? Ich weiß, dass jetzt viel Arbeit auf mich zukommt, viele Lesungen, Interviews, Auftritte. Dinge, die ich nicht so wahnsinnig gerne tue. Aber es gehört halt dazu. Ich freue mich darauf, wenn das Buch erscheint und bin natürlich aufgeregt, wie es aufgenommen wird.

Wie gehst du mit Kritik um? Liest du alle Rezensionen? Nein, ich lese nicht alles. Ich werde von der Pressedame meines Verlags vorgewarnt, wenn ich etwas besser nicht lesen soll. Bisher bin ich ja eher mit positiven Kritiken verwöhnt worden. Der Grund, warum ich überhaupt so lange damit gewartet habe, einen Roman zu schreiben, war, dass ich solche Angst vor schlechter Kritik hatte. Mittlerweile finde ich sie aber okay. „Alles über Beziehungen“ ist mein vierter Roman. Drei Bücher wurden sehr gut rezipiert, verkauften sich gut und ich habe vorwiegend positive Reaktionen erfahren. Insofern würde ich es überstehen, wenn das neue Buch jetzt nicht ganz so gut aufgenommen wird.

Machen dir Lesungen Spaß? Wenn ich erst einmal am Veranstaltungsort bin und lese, macht es mir Spaß. Mittlerweile lese ich auch gerne vor großem Publikum. Ich weiß jetzt, dass ich das kann und es funktioniert. Am Anfang war ich extrem nervös und bekam manchmal sogar keine Luft vor Aufregung.

Du bist bekannt für deine eigenwillige Sprache und witzigen Wortkreationen. Hattest du am Anfang deiner Karriere nie Probleme mit Lektoren? Nein! Ich wurde anfänglich von einer Lektorin betreut, die mich zum Verlag geholt hat, aber leider dort aufhörte. Bei meinem aktuellen Lektor hatte ich zunächst Befürchtungen, aber auch die Zusammenarbeit mit ihm klappt super. Er sagt mir ganz klar, wenn er etwas nicht gut findet und ich vertraue ihm. Komischerweise hat sich noch nie jemand über Unverständlichkeit meiner Wortkreationen beschwert. Auch in der Schweiz nicht.

© Petra Hartlieb

In deinem neuen Roman steht ein Mann namens Viktor im Mittelpunkt. Er kann nicht treu sein, obwohl er seine Lebensgefährtin Magda aufrichtig liebt. Ist ein Betrug weniger streng zu werten, wenn man emotional nicht beteiligt ist? Ich werte gar nicht. Das ist mir sehr wichtig in diesem Buch. Ich habe kein moralisches Buch geschrieben. Es ging mir darum, ein Zusammenspiel von Personen zu zeigen, die ihre Partner betrügen. Ich glaube tatsächlich, dass wir in einer Welt leben, in der man diese Dinge auch einmal weniger katholisch betrachten kann. Es geht nicht um gut oder böse, richtig oder falsch.

Viktor sieht außerehelichen Sex wie ein Spiel und kann seine Sexsucht gut rechtfertigen. Sollte der Leser nachsichtig mit ihm sein? Ich finde Viktor nicht unsympathisch wegen dem, was er da macht. Es ist eben einfach so, wie er ist. Typen wie ihn gibt es millionenfach. Ich fand es interessant zu zeigen, wie Frauen mit solchen Männern umgehen. Warum lassen sie sich von ihnen so stark verletzen. Ich wollte aber auch Frauen darstellen, die keine Opfer sind und sich sehr bewusst auf einen Seitensprung einlassen.

Der Protagonist wird 50, ist leidenschaftlicher Radfahrer (ohne Helm) und kaffeesüchtig. Wie viel von Viktor steckt in dir? Es gibt keine Figur, in der nichts von mir steckt. Andererseits steckt auch in keiner sehr viel von mir. Alle meine Romanfiguren sind frei erfunden.

Viktor ist ein Mann. Wie schwer ist es, sich in einen Mann hineinzuversetzen? Es ist als Autorin natürlich leichter, aus der Sicht einer Frau zu schreiben. Da bin ich auch genauer. Bei Frauen möchte ich unbedingt richtig abbilden. Bei Männern ist dies nicht möglich. Ich kann nicht wie ein Mann fühlen. Daher bin ich da vielleicht ein bisschen lockerer. Aber es kann natürlich sein, dass sich Männer nicht so gut getroffen fühlen. Ich musste mich schon öfter wegen eines Romaninhalts rechtfertigen und sage dann stets: „Nicht alle Männer sind so. Ich meine nicht alle Männer damit. Ich meine nicht DICH damit.“

Du kommst aus einem eher konservativen Elternhaus. In „Alles über Beziehungen“ geht es viel um Sex. Denkst du beim Schreiben an deine Eltern oder Kinder? Ich habe meiner Mutter gleich gesagt, dass sie das Buch nicht lesen darf. Sie war erst ein bisschen sauer, hat es dann aber doch getan und nur gemeint, dass sie es nicht ihren Freundinnen schenken werde. Meine Töchter lesen nichts von mir. Sie sind allerdings mit der TV-Serie „Girls“ aufgewachsen, die schockiert so leicht nichts.

Was zeichnet Wien für dich aus? Ich finde, Wien ist eine sichere, gut verwaltete Stadt. Auch wenn es eine Großstadt ist, finde ich es gemütlich. Man kann hier auf jedem Niveau mit Würde leben. Im internationalen Vergleich ist das Leben in Wien noch immer günstig.

Nutzt du das Kulturprogramm der Stadt? Ja, aber nur noch ausgesucht und eher sporadisch. Früher habe ich viel mehr Abendtermine wahrgenommen, das mache ich jetzt weniger. Ich stehe mit meinen Kindern sehr früh auf und brauche meinen Schlaf.

Was inspiriert dich in der Stadt? Eigentlich alles. Ich fahre mit dem Fahrrad durch die Straßen und nehme sie sehr aufmerksam wahr. Ich liebe die Märkte Wiens, besonders den Brunnenmarkt.

Wo kannst du dich am besten entspannen? Ganz ehrlich? Bei einer coolen Netflix-Serie. (lacht!) Oder mit Musik, die ist ganz wichtig für mich, auch wenn ich nicht mehr auflege. Am liebsten entspanne ich mich aber in der Hängematte in meinem Garten im Waldviertel. Die Wochenenden in der warmen Jahreszeit verbringe ich meistens dort, irgendwie mag ich auch das Landleben. Auch wenn ich nicht gerade behaupten kann, einen „grünen Daumen“ zu haben.

Wohin gehst du gerne essen in Wien? Ins Wetter am Yppenplatz. Oder auch gerne in die Oase in der Friedmanngasse. 

Wonach schmeckt Wien? Eindeutig nach Wiener Schnitzel mit einer ganz dünnen, feinen Panier.

Wo feierst du gerne mit Freunden und Familie? Im Café Espresso oder auch im Wetter. Am liebsten aber im Sommer am Land.

Wohin gehst du auf einen Absacker, wenn es mal spät wird? Es wird ja nicht mehr so oft spät bei mir, aber das Anzengruber, das Bendl oder das Chelsea eignen sich schon zum Versacken.

Wo kaufst du ein? Ich gestehe, ich geh nicht gerne einkaufen. Eher schlage ich mal bei ebay zu und freue mich, wenn ich ein nettes Teil erstehe.

Was läuft derzeit auf deiner Playlist ?  Oasis, derzeit oft “Don´t Look Back In Anger“, die neue Ryan Adams, der Nino aus Wien, Bilderbuch, Solange Knowles, Joni Mitchell. Und auch Klassik.

Was liest du? Sybille Berg, Elena Ferrante, Zadie Smith. Leider bleibt wenig Zeit zum Lesen.

Schlägt dein Herz für einen bestimmten Verein? Für Hemayat und für Purple Sheep.

Doris Knecht auf Facebook

 


Mitarbeit: Christine Kalss. Sie hat das Buch schon gelesen. Hier geht´s zur Besprechung!

 

Nini Tschavoll
Nini fotografiert, schreibt und bloggt digital.
Mag aber auch analog noch immer.

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