Omas müssen sich nicht fürchten

OMAS GEGEN RECHTS 2017. In der Bildmitte Susanne Scholl, links am Megafon Monika Salzer, fotografiert von Nini Tschavoll

Name Susanne Scholl, geboren 1949 in Wien, wohnt in der Josefstadt. Sie ist Mitgründerin und eine der Sprecherinnen der „OMAS GEGEN RECHTS. Plattform für zivilgesellschaftlichen Protest“. Die Idee zur Gruppengründung hatte die ehemalige evangelische Seelsorgerin und Psychotherapeutin Monika Salzer.


Wir treffen uns im Café Eiles, dem zweiten Wohnzimmer von Susanne Scholl. Sie ist eine der beiden Sprecherinnen der „OMAS GEGEN RECHTS“, die gerade ihr einjähriges Jubiläum begehen. Monika Salzer hat die Facebook-Gruppe dieses Namens ins Leben gerufen, wird aber vom Schneegestöber im Wiener Umland festgehalten und kann bei unserem Interview nicht dabei sein. „Ich kann eh schon für sie mitsprechen“, meint die ehemalige ORF Russland-Korrespondentin Susanne Scholl lachend. Die beiden sind inzwischen Routiniers in Sachen Medienanfragen, die aus aller Welt eintreffen. Teams aus Taiwan wollen sie interviewen, genauso wie die BBC oder „The Guardian“.

Als der Chef des Café Eiles zur Begrüßung an unseren Tisch kommt, reserviert sie noch schnell das Extrazimmer für den nächsten Jour fixe der Omas und erntet dafür ein aufmunterndes „Weiter so!“ von ihm. Den schlichten, schwarz-weißen Button mit dem Schriftzug „OMAS GEGEN RECHTS“ hat Susanne Scholl inzwischen an allen Winterjacken gut sichtbar angebracht. Auf der Straße erfährt sie mit diesem Bekenntnis zur Plattform für zivilgesellschaftlichen Protest auf der Brust auch außerhalb der Demos viel Zustimmung.

„Wir waren und sind ein Anker für Protestneulinge, denn wir vermitteln Sicherheit. Viele hatten bei der Angelobung der Bundesregierung Mitte Dezember 2017 ein vages Unbehagen. Sie wussten nicht, wohin damit“, weiß die vielfache Buchautorin. „Der Schwarze Block liebt uns“, schmunzelt sie. Auf der ersten großen Demonstration am 18. Dezember des vergangenen Jahres zog das rotbehaubte Grüppchen mit lauten „Omas vor“-Rufen an die Spitze des Zuges. Der „Schwarze Block“ machte respektvoll Platz.

Kurz davor hatten sich acht einander noch unbekannte Frauen beim Café Landtmann getroffen und waren froh über das Erkennungszeichen: die roten „Pussy Hats“. Bei der zweiten Demo waren es fünfzig und bei der dritten bereits 200 „OMAS GEGEN RECHTS“. Die Protestwilligen finden sich ein. Aber finden sie auch bei den politisch Verantwortlichen Gehör? „Der Vizekanzler beschimpft uns, aber darüber lachen wir. Der sogenannte Bundeskanzler schweigt“, meint Susanne Scholl und zuckt mit den Schultern.

Wirklich mit den beiden reden wollen die Damen (und vereinzelten Herren) gar nicht. Sie wollen auf die Straße gehen und mit ihren Anliegen sichtbar werden. Denn nur auf Social Media den Daumen hochzustrecken, bringt nichts: „Das ist eine sehr kleine Blase.“ Auch Medienpräsenz allein reicht nicht. Für den Schutz von Demokratie, Rechtsstaat und Sozialstaat muss man hinausgehen. „Ich stamme aus einer jüdischen kommunistischen Familie und habe das Trauma der Verfolgung geerbt. Das verbietet es mir, hinter dem Ofen zu sitzen und zu stricken. Ich muss mich äußern und agieren. Ich bin ja eine echte Alt-68erin.“ Politisiert hat die 18-jährige Susanne der Vietnamkrieg und auch die Niederschlagung des „Prager Frühlings“ 1968. DissidentInnen und politisch Verfolgte waren immer wieder bei ihr zu Hause zu Gast und wurden von ihrer Mutter bekocht.

1968 war Susanne Scholl in Rom zum Studium der Slawistik. Neben Paris war die italienische Hauptstadt eine europäische Hochburg des Protests, mit Unibesetzung, Demos gegen Diskriminierung, Staatsgewalt und diktatorische Regime in Griechenland und Spanien. „Wir haben uns sehr revolutionär gefühlt und im Rückblick wohl auch viel Blödsinn verzapft. Aber die Proteste haben die Gesellschaft sicher verändert. In Wien hat man damals geschlafen.“

Monika Salzer war wiederum bei den Demonstrationen gegen Zwentendorf und Hainburg dabei. Den Protest gegen die aktuelle Bundesregierung zettelte Monika Salzer an, als sie beim Kramen in alten Fotos weibliche Vorbilder in der eigenen Familie fand. Bilder ihrer Großmütter, die sich in extrem harten Zeiten für ihre Anliegen starkmachen mussten.

„Wir haben Anliegen, aber keine politischen Ambitionen. Wir wollen nicht ins Parlament, sind eine überparteiliche politische Plattform und wehren uns gegen Vereinnahmung von jeder Seite“, erklärt Susanne Scholl. Relativ rasch bildeten sich nach der Wiener Bewegung in den anderen Bundesländern eigene Gruppen. Auch in Deutschland gibt es inzwischen „OMAS GEGEN RECHTS“. Bei dem rasanten Wachstum kommt man mit Basisdemokratie nicht weiter: „Wir führen das autoritär“, lacht Susanne Scholl, die genug Erfahrung mit repressiven Regimen mitbringt. Es gibt ganz klare Regeln, was unter dem Namen „OMAS GEGEN RECHTS“ laufen darf und wer über Aktionen zu informieren ist. Da gab es einige Meinungsverschiedenheiten und Ausreißer, aber jetzt läuft es glatt. Alle Gruppen organisieren sich unabhängig, aber das Copyright muss klar genannt werden. Mittelfristig wollen die beiden Sprecherinnen mit den Omas zu einer europaweiten Initiative werden.

Aber warum haben Monika Salzer und Susanne Scholl, die sich zu Beginn nur flüchtig kannten, den Frame der strickenden Oma im Lehnstuhl gegen den Strich gebürstet? Warum sind sie nicht einfach mit anderen Protestierenden anonym mit marschiert? „Alt sein heißt nicht, zu Hause zu sitzen und auf den Tod zu warten. Wir nutzen unser Recht zu protestieren und gehen für unsere Kinder auf die Straße“, sagt die langjährige Auslandskorrespondentin.

Omas (und Opas) müssen sich nämlich vor nichts mehr fürchten: „Was soll uns passieren? Sie können uns die Pensionen kürzen. Das macht aber niemand bei der größten Wählergruppe im Land. Sie können uns lächerlich machen, aber wir lachen ja selbst über uns. Wenn sie uns beschimpfen, zeigt das nur, dass wir einen ganz wunden Punkt getroffen haben.“

Mit dem Stricken hat Susanne Scholl nicht erst in der Pension angefangen. Sie findet die Hauben lustig, gut, kreativ und schön, genauso wie das Oma-Lied, das immer gesungen wird. Aber die Omas sind weder Strick- noch Selbsthilfegruppe und auch kein Kunstprojekt, wobei es eine Kooperation mit der Vienna Art Week gab. Es gibt weder eine Altersgrenze noch eine strikte Geschlechtertrennung. Spaß am Protest heißt nicht, dass die Gefahren nicht real sind: „Die Omas haben den Vergleich. Österreich war als Land schon sicherer, toleranter und demokratischer. Man musste um basale Menschenrechte nicht raufen.“ Wer mit den Omas Flagge bzw. Haube zeigen möchte, hat zum Beispiel bei der großen Demonstration am 15. Dezember 2018 die Möglichkeit dazu.

Sie haben Sachbücher über Russland und Tschetschenien geschrieben, die von mehreren Regimen gebeutelt wurden. Sie haben die DDR untergehen sehen. Jetzt schreiben sie Belletristik. Warum? Und woran arbeiten Sie gerade? Sachbücher schreiben sich schnell, wenn man das Material einmal beisammen hat. Über Russland habe ich geschrieben, was ich aus Mangel an Zeit als ORF-Korrespondentin nicht unterbringen konnte. Das habe ich mir von der Seele geschrieben. Aber Geschichtenerzählen liegt mir mehr. Ich schreibe gerade über eine WG von vier alten Frauen. Inspiration dafür finde ich in Wien aktuell ganz viel.

Was gibt es nur hier in Wien? Das Café Eiles.

Was ist ihr Wiener Lieblingswort? Oida!

Wonach schmeckt Wien? Nach Schaumrollen.

Ihr Wiener Lieblingsgericht? Schinkenfleckerl mit Putenschinken, ich esse kein Schwein.

Was ist ihr Lieblingsort in Wien? Die Innenstadt: Ich gehe sehr gerne am Graben spazieren, auch wenn man vor lauter Touristinnen und Touristen kaum durchkommt. Aber wenn ich auf einem Fleck ganz viele verschiedene Sprachen höre, fühle ich mich zuhause.

Wo ist der beste Platz zum Protestieren in Wien? Die Mariahilfer Straße.

Der ultimative Tipp fürs Demonstrieren im Winter? Ein Omahaube aufsetzen und eine Thermoskanne mit Tee mitnehmen.

Ein Buchtipp? Während ich selber schreibe, lese ich nur Trash. Aber ein gutes Buch war zuletzt von Grazia Deledda „Il nostro Patrone“– ich bin ja ein Sardinienfan und verbringe jedes Jahr einen Monat dort.

Was möchten Sie Wien ausrichten? Bitte lass’ dich nicht kaputtmachen!


www.omasgegenrechts.com

TIPP: Das Widerstandskino feiert am 6. Dezember mit dem Film Madame Rosa im Stadtkino im Rahmen des „This Human World“- Festivals ein Jahr OMAS GEGEN RECHTS!

Astrid Kuffner
Astrid ist Wienerin, Working Mum, Wählerin, wählerisch, mag Menschen, Worte und Wale.
Nini Tschavoll
Nini fotografiert, schreibt und bloggt digital.
Mag aber auch analog noch immer.

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