Wien ist anders, und wir sind anders, als wir denken

Sonja Bäumel fotografiert von Nini Tschavoll

Name Sonja Bäumel, geboren 1980 in Wien, aufgewachsen in den Harry Glück Bauten in Alt Erlaa, Beruf Bio-Künstlerin, lebt in Amsterdam.


Die Bio-Künstlerin Sonja Bäumel lebt und arbeitet seit 6 Jahren in Amsterdam. Aber sie vermisst Wien. Nach Jahren körperlicher Extremerfahrungen mit BioArt und dem aufwändigen Ausstellen des Lebendigen greift sie jetzt zur künstlerischen Interpretation des Erforschten. Bio-Kunst wird so angreifbar und wissenschaftliche Informationen werden demokratisiert.

Wenn Sonja Bäumel von unserer „zweiten Haut“ redet, meint sie weder die Seidenbluse noch den Kaschmirpulli. Sie spricht von den Bakterien, die auf unserer Haut leben. Es sind sehr viele, sehr unterschiedliche, sie kommunizieren untereinander, sie bekriegen sich, sie arbeiten zusammen und das alles, ohne dass wir es mitbekommen. Aber keine Angst: Die meisten wollen uns nichts Böses. Zudem brauchen wir sie. Sie bestimmen mit, wer wir sind und wie es uns geht.

Sonja Bäumel Künstlerin

Ausgangspunkt ihrer microbial body art, der Auseinandersetzung mit der unsichtbaren Haut, war Kritik an der Mode. Nach zwei Ausbildungen und mehreren Jobs in der Branche kam Sonja zum Urteil: Mode lebt davon, Trends zu setzen. Schnitte werden immer wieder verändert, aber der Körper und seine Bedürfnisse stehen nicht im Mittelpunkt.

Also begann sie zunächst mit der Hautflora und Textilien zu arbeiten. Fragen zu stellen liegt in ihrem Wesen. Für gute Antworten auf Ebene der Mikrobiologie musste sie sich jedoch intensiv mit Wissenschaft auseinandersetzen: mit dem was Wissenschaft kann, was sie nicht weiß, wie sie arbeitet und welche Grenzen sie hat. Agarplatten (Nährböden für Bakterienkulturen) wurden quasi ihre Leinwand und Bakterien ihre Farben.

Über die Jahre hat sie sich den Respekt von Forschern und Forscherinnen erarbeitet, diskutiert ihre Themen auf Augenhöhe, stellt aber auch den wissenschaftlichen Expertenstatus in Frage. Vor einigen Jahren zog sie mit ihrem Freund nach Amsterdam und reist von dort in ihre Heimatstadt Wien oder folgt Einladungen auf der ganzen Welt, um auszustellen oder Vorträge zu halten. Zuletzt war sie etwa in Südkorea, Moskau, Jerusalem und Kopenhagen.

Sonja Bäumel Künstlerin

Vor zwei Jahren suchte sie einen neuen Weg, weg vom lebendigen Material, obwohl es den Kunstmarkt so herrlich konterkariert. Der Aufwand für microbial body art war nicht nur beim Anfertigen, sondern auch beim Ausstellen stets hoch. Sonja Bäumel hat als Explainerin ihrer eigenen Werke immer gute Erfahrungen gemacht, aber sie kann eben nicht immer anleiten. Sie wollte weg von den Einschränkungen, die Agar und Bakterienkulturen bedingen. „Betreten, berühren, begreifen erlaubt“ soll künftig Kennzeichen ihrer Kunst sein.

In Wien ist sie Mitte April in der Galerie Peithner-Lichtenfels Teil der Gruppenausstellung Nature Animée#2 von pavillon35. Sie zeigt dort im Rahmen einer Do-it-yourself-Konferenz eine Version ihrer aktuellen Forschungsarbeit „Fifty Percent Human“. Hier geht Sonja Bäumel weg von der Laborästhetik, hin zur künstlerischen Interpretation. 

Aber immer noch stehen Fragen im Mittelpunkt: an die Mikroben nämlich. Ein Jahr lang arbeitete die Wienerin in Amsterdam interdisziplinär an den beiden Hälften des Menschen: seiner eigenen und der mikrobischen, gefördert von Creative Industries Fund Netherlands, der Stadt Amsterdam und der Wageningen Universität. „Wir nehmen uns als Menschen viel zu wichtig. Wir haben uns mit unseren Fragen bescheiden und empathisch an die Zelle als kleinste Einheit des Lebens angenähert.“ 

Expanded Self © Cassander Eeftinck-Schattenker

Das von ihr geleitete Projekt ist vergleichbar mit den Protokollen, die für den Erstkontakt mit Aliens ausgearbeitet werden. Zunächst ging es um den Perspektivenwechsel: Was würde die Mikrobe im Erstkontakt tun? Danach wurde versucht Fragen wie „Wer ist da? Was tauschst du aus? Woher kommst du?“ zu beantworten. In Wien wird man in die Lebenswelt der Mikroben eintauchen können, ihnen begegnen, mit ihnen fühlen und sie spüren.

© Cassander Eeftinck-Schattenker

© Cassander Eeftinck-Schattenker

Sonja Bäumel bereut keine ihrer künstlerischen Grenzerfahrungen der vergangenen zehn Jahre. Was sie genau herausfordern wird, kommt immer erst in der prozesshaften Auseinandersetzung zum Vorschein, also arbeitet sie seit Jahren aus ethischen und praktischen Gründen mit ihrem eigenen Körper: „Das ist keine Eitelkeit, sondern eine Notwendigkeit. Was ich gemacht habe, konnte ich niemanden anderen zumuten.“

Nachvollziehbar wird das vielleicht an ihrem Einsatz für den Film „Wir sind Planeten“ (ServusTV-Terra Mater, 2012). Obwohl Aktionismus nicht ihr Ding ist, fand sich Sonja in folgender Situation wieder: „Abends, nachdem alle die Universität verlassen hatten, liege ich eines Tages Mitte Jänner nackt und frierend eine halbe Stunde lang in der größten Petrischale der Welt und der Rest meines Teams isst Chips“.

Sie hat sich mit hohem Einsatz ein wissenschaftliches und künstlerisches Netzwerk aufgebaut. BioArt ist kein geschützter Begriff, aber die genaue Auseinandersetzung lohnt sich v. a. für KuratorInnen: „Lebendiges vergeht – das ist die Essenz.“ Oder es kippt zumindest, stinkt oder schimmelt. Die Arbeit vieler Wochen kann mit einem Augenblinzeln kaputt sein: „Ich habe da schon viel erlebt. Ich kann nicht einfach hinfahren, das Objekt aufstellen und wieder gehen. Ich brauche für meine Arbeit ein Labor vor Ort oder zumindest Laborbedarf. Also befinde ich mich immer schnell mitten unter Leuten.“ Zu übersehen ist sie mit ihren 1,83 Meter sowieso nicht.

Sonja Bäumel Künstlerin

Nach Amsterdam ist sie wegen der Ausbildung an der Design Academy Eindhoven gegangen. „Dort gab es keine Definitionen, wer ein Künstler und wer ein Landschaftsarchitekt ist. Ich konnte meinen Interessen frei nachgehen und eine Sprache zwischen Kunst, Mode, Design und Wissenschaft finden. Wer Kreativität in unterschiedliche Bereiche hereinlässt, kann nur gewinnen. Das ist Kollaboration die Zukunft. Gerade im Bereich Gesundheit wird es schon sehr interessant zu wissen sein, wer da mit uns lebt und was er oder sie gerne mag.“

Hättest du dir gedacht, dass du einmal Biokünstlerin wirst? Als Kind mikroskopierte ich tote Insekten, mit zwölf wollte ich Meeresbiologin werden. Meine Mutter unterrichtete Mode, mein Vater arbeitete in einer Versicherung. Ich war hin- und hergerissen zwischen wissenschaftlichem, sozialem und biologischem Interesse und meiner kreativen Ader. Ich habe also die Modeschule gemacht, nachdem ich davor Sprachwissenschaften sowie Sonder- und Heilpädagogik belegt hatte. In den Niederlanden nahm dann alles seinen Lauf.

Wie hat sich dein Leben durch Bio Art verändert? Keine Sorge ich dusche noch und spinne nicht. Mir geht es um das Expandieren des eigenen Körpers und die Verbundenheit mit dem Anderen, das auf uns lebt und uns miteinander verbindet. Mich fasziniert das “Dazwischen“, das nonverbal kommunizierende Netzwerk um unseren Körper und dessen Beziehung zur Umgebung. Ich rede also nicht mit Bakterien.
Fragen wie oder wo endet und beginnt Umwelt? Auch die Wahrnehmung des menschlichen Körpers in unserer Gesellschaft interessiert mich. Ich will wissenschaftliche Informationen kritisch hinterfragen, künstlerisch erforschen und demokratisieren.

Sonja Bäumel Bio-Art Künstlerin

Warum hast du Wien verlassen? Ich war immer wieder dort und da: Wattens, Bregenz, Linz. Nach zwei Jahren Ausbildung in Eindhoven war ich ein Jahr lang wieder in Wien und musste von Null anfangen. Mein Freund und das kreative Netzwerk waren zu diesem Zeitpunkt in den Niederlanden. Ich unterrichte aktuell an der Gerrit Rietveld Academie in Amsterdam Design und Schmuckdesign und zwar so, wie ich mir eine Kunstausbildung vorstelle, auf Augenhöhe und mit großem Vertrauen.

Kannst du dir vorstellen nach Wien zurückzukehren? Ja, ich habe seit 2016 extrem Heimweh. Gleichzeitig habe ich große Angst vor dem Schritt. Was ich mache, machen hier nur sehr wenige Menschen. Ich weiß nicht, ob ich in Wien so frei arbeiten und unterrichten kann, wie in Amsterdam. Es klingt vielleicht pathetisch, aber ich würde in meiner Heimatstadt gerne etwas verändern.

Welche Art der Veränderung tut not? Es fehlt ein offener Dialog und Experimentierfreude. Gerade in der Auseinandersetzung mit Kunst. In Amsterdam wird es gleich am Ende der Ausbildung gefördert, einfach etwas zu machen. In Wien gibt es immer tausend Gründe, warum man nicht vom Reden zum Tun kommt. Die Niederländer packen sofort an. Ich fühle mich am wohlsten in der Mentalität dazwischen. Man muss Kreativität in alle Bereiche hereinlassen, z. B. auch die Stadtplanung. In Amsterdam gibt es da weniger Regulierungen, die haben ihre Stadt selbst aufgebaut und hatten nie eine Monarchie.

Was machst du als erstes, wenn du in Wien bist? Eine Käseleberkäsesemmel kaufen.

Was vermisst Du in Amsterdam? Meine Familie, Freunde, den Wiener Schmäh und Steine. Also nicht Marmor- und Sandsteinbauten. Sondern Felsen, Berge, oder dass man beim Spazierengehen einen schönen Stein findet. In den Niederlanden gibt es nur Sand. Auch die Ruhe in der Stadt. Dass man Sonntagabends einen Spaziergang machen kann und auch einmal alleine in einer Gasse steht. Amsterdam ist sehr hektisch geworden in den letzten Jahren. Ich meide das Zentrum, wenn es geht, wohne und arbeite eher in Richtung Stadtrand in Oud-West.

Sonja Bäumel Künstlerin

Wo entspannst du dich? Als halbe Steirerin in einem Garten in der Stanz im Mürztal.

Warum bist du gern im Kaffee Alt WienIch bin meistens am Nachmittag hier, zwischen Terminen. Der erste Bezirk ist sonst nicht meine Gegend. Ich mag hier aber die Atmosphäre, man spürt die Geschichte. Es gibt keine Musik und die Kellner haben Schmäh. Außerdem darf ich hier rauchen.

Wien schmeckt? Anders – nach sehr Vielem zusammen.

Was gibt es nur in Wien? Gemütlichkeit.

Wo ist Wien unschlagbar? Am Würstelstand – das ist der Platz, wo sich alle treffen können.

Dein Lieblings-Wienklischee? Die Kaffeehäuser und ihre Kellner.

Was ist deine Lieblingsspeise? Die Marillenknödel von meinem Vater.

Was siehst du dir an, wenn du da bist? Das ist abhängig vom Programm der Galerien. Im TBA 21 finde ich aber fast immer etwas, das mich interessiert.

Was liest du gerade? "The Multispecies Salon" von Eben Kirksey.

Welche Musik hörst du? Eines meiner Lieblingsstücke ist "Take Five" von Dave Brubeck.

Eine denkwürdige Nacht in Wien? Mit dem, was ich mache, passe ich oft nicht dazu. Das ist gut für mich, weil ich mich dadurch immer wieder mit anderen Kontexten verwebe. Aber der Abend der Preisverleihung beim ersten Biofiction Science Art Film Festival im Naturhistorischen Museum im Mai 2011. Da war es auch einmal schön unter lauter Leuten zu sein, die sich mit ähnlichen Dingen beschäftigen wie ich. Mein Film „(In)visible“ wurde in der Kategorie Fiction ausgezeichnet. Nach dem festlichen Rahmen unter lauter wissenschafts- und kunstinteressierten Menschen in der Kuppelhalle waren wir dann noch lange in der Roten Bar im Volkstheater, ein magischer Abend für mich.

 

Sonja Bäumel  Künstlerin Artist
Astrid Kuffner
Astrid ist Wienerin, Working Mum, Wählerin, wählerisch, mag Menschen, Worte und Wale.
Nini Tschavoll
Nini fotografiert, schreibt und bloggt digital.
Mag aber auch analog noch immer.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.