Wien ist eine Großstadt, die dich nicht auffrisst

Irene Jancsy fotografiert von Nini Tschavoll

Name Irene Jancsy, geboren 1964 in Wien, Beruf Senior Communications Advisor bei Ärzte ohne Grenzen, wohnt in Wien Leopoldstadt.


Irene Jancsy ist viel herumgekommen. Eine Kindheit in Paris, Jugendjahre in Wien, Studium in Barcelona, Familiengründung in New York. Seit 2004 arbeitet sie in der Kommunikation für die NGO „Ärzte ohne Grenzen“ mit ihren Einsätzen in Krisengebieten weltweit. Heute wohnt sie im Stuwerviertel, weiß aber immer noch, wie Frühling in Döbling riecht.

Wie erkläre ich in Beirut, was eine humanitäre Organisation mit Einsatzzentralen in Paris, Amsterdam, Brüssel, Genf und Barcelona tut? Wie setzt Ärzte ohne Grenzen/Médecins Sans Frontières (MSF) Social Media bei einem Einsatz im Tschad ein? Solche Fragen beschäftigen Irene Jancsy, seit einem Jahr Senior Communications Advisor. Die NGO Ärzte ohne Grenzen/Médecins Sans Frontières (MSF) wurde 1971 von Medizinern und Journalisten gegründet, die nach Einsätzen in Krisen­gebieten frustriert waren über die begrenzten Möglich­keiten, notleidenden Menschen zu helfen. Ihre Vision war eine unabhängige Hilfs­organisation, die auf rasche und kompetente medizinische Nothilfe spezialisiert ist, aber auch auf Menschen­rechts­verletzungen in den Einsatzgebieten hinweist.

Heute hat MSF 24 Mitgliedsverbände und Hilfsprogramme in rund 70 Ländern der Erde. Irene Jancsy kümmert sich „um alles, was dazu beiträgt die Kommunikation in den Einsatzländern zu verbessern. Es geht darum, im jeweiligen Umfeld zu erklären was wir tun und wer wird sind.“ Social Media sind übrigens auch im Tschad ein wichtiges Kommunikations­tool für die Teams untereinander sowie gegenüber Meinungs­bildnern und jungen Menschen.

Die ausgebildete Trainerin und Beraterin für interkulturelle Kommunikation vernetzt sich innerhalb der Organisation mit Fachleuten zu unterschiedlichen Themenbereichen, erhebt den Bedarf und plant Trainings für Public Communication, um das medizinische Personal beim freiwilligen Einsatz in Krisen­gebieten zu unterstützen. Davor war die gebürtige Wienerin jahrelang Kommunikationsleiterin, Presseverantwortliche und Chefredakteurin des MSF-Magazins „Diagnose“. Ärzte ohne Grenzen geht dorthin, wo andere weglaufen: Vor Krieg, Naturgewalten, Hunger und Krisen. „Angesichts des Elends in der Welt ist es gut dort zu arbeiten, wo ich mein kleines Schärflein zur Verbesserung der Situation beitragen kann. Da fühle ich mich weniger hilflos.“

Gelebt hat sie schon in Barcelona und New York City. Heute ist ihre Homebase wieder Wien. Mit ihrer Familie wohnt sie im Stuwerviertel, um die Ecke vom Vorgartenmarkt. „Auch wenn mein Mann bei uns den Familieneinkauf macht, bin ich ein richtiger Marktfan. Wir kaufen fast nichts mehr im Supermarkt. Wenn ich andere Städte besuche, gehe ich auch immer auf den Markt.“ Sie schätzt die Frische und Vielfalt in greifbarer Nähe, überschaubar und kompakt auf einem Platz und es ist schön, wenn der Gemüsehändler einen persönlich grüßt. „Wien als Wohnort hätte ich mir vielleicht nicht ausgesucht. Aber es vereint die Vorteile einer Großstadt mit Annehmlich­keiten wie Überschau­barkeit und Gemütlichkeit.“ Wien ist eine Großstadt, „die dich nicht auffrisst“.

Es gibt, was man sucht und braucht: Ob Argentinischen Tango, Alphornblasen, Spaziergänge durch die Weinberge oder Konzerte der Philharmoniker. Von Freunden in New York oder Paris weiß sie, dass das Leben dort sehr anstrengend ist: Kleine Wohnungen, lange Distanzen für Alltagswege, ein gewisses Preisniveau. „Wenn Du in New York die Lebensqualität von Wien haben willst, musst Du viel mehr arbeiten. Vielleicht zwei Jobs haben. In Wien geht das leichter.“
Was das Wohnen angeht, haben Irene und ihr Mann immer den richtigen Riecher gehabt. In New York wohnten sie in Tribeca, als es noch als ab vom Schuss galt. Dann übersiedelten sie ins leistbare Brooklyn, das noch nicht schick war.

Zurück in Wien. haben sie sich im 2. Bezirk niedergelassen, als noch alle die Nase rümpften. Heute wollen alle hierher. Aufgewachsen ist sie am Stadtrand im 19. Bezirk: „Da gehe ich immer noch gerne spazieren und zum Heurigen. Ich kann Döbling immer noch zu jeder Jahreszeit erschnuppern. Ich steige aus und rieche, wo ich bin.“
Und was empfiehlt die Fachfrau für interkulturelle Kommunikation im Umgang mit Menschen aus anderen Kulturen? „Die Goldene Regel ist wohl, dass man sich bewusst wird, wo man selbst herkommt und welche kulturellen Prägungen man wie einen Rucksack dabei hat. Also nicht davon ausgehen, dass man selbst normal ist und alle anderen komisch.“

Am Beispiel der Zeitwahrnehmung wird das deutlich. Es gibt die monochrone Tendenz im deutschsprachigen Raum. Dazu zählen Struktur, Abfolgen, Pünktlichkeit, fixe Verabredungen, Deadlines. „Ich bin übrigens eher polychron und würde von der Tendenz her vielleicht besser nach Südeuropa passen. Ich verschiebe bis zum letzten Moment, werfe um, lebe nach dem Prinzip ‚Schau’ ma mal‘.“

Du fühlst dich als Wienerin und Europäerin, kommst viel herum. Was nervt dich an deiner Heimatstadt?
In New York ermutigt dich jeder, wenn du eine verrückte Idee hast. Man erkundigt sich beim nächsten Treffen, ob du das weiterverfolgt hast. In Wien kriegst Du als Reaktion ein: „Na geh, das schaffst nie!“ Es wird viel Hirnschmalz darauf verwandt, nachzudenken, was alles nicht geht. Das stößt mir immer wieder auf. Ich trage diese Einstellung auch in Spuren in mir, aber mir taugt der amerikanische Optimismus und die Zuversicht mehr.

Kann man in Wien gut einkaufen?
Ich kaufe meist auf Reisen ein. Da habe ich mehr Zeit, gehe in kleine Geschäfte und die Mitbringsel sind gleich ein tragbares Souvenir. Beim Einkaufen in Wien fällt mir im Vergleich zu anderen europäischen Städten auf, dass es die Kleinen besonders schwer haben. Ich sehe das auch hier am Vorgartenmarkt. Der lebt von Donnerstag bis Samstag auf. Die ganze Woche aktiv zu sein rentiert sich für die Marktstandler nicht. In Rom, Paris oder Barcelona gibt es viele kleine Geschäfte. In Frankreich gibt es eigene Gesetze, die kleine Händler schützen. So darf der Supermarkt darf das Baguette nicht billiger verkaufen, als der Bäcker oder es werden Größen­begrenzungen für Supermärkte im Stadtgebiet festgelegt. Dabei machen kleine Geschäfte die Stadt nett und individuell. Bei uns sperren die alten, eingesessenen Geschäfte zu. Das passiert weltweit, aber in anderen Ländern wird gegengesteuert.

Wie würdest du als Kommunikationsexpertin eine Kampagne für die kleinen Geschäfte aufsetzen?
Man müsste eine Kampagne machen, wo man kleine Geschäfte vorstellt, die Leute und die Geschichte dahinter. Vielleicht nach dem Konzept der beliebten bucket list: „100 shops to buy before they die“. Aber im Ernst: Kleine Geschäfte sind eine Möglichkeiten für Leute, die etwas ganz Anderes machen wollen oder müssen. Sie sind ein Raum zum Ausprobieren und Verwirk­lichen von Ideen.

Bis du noch oft in Barcelona oder New York zu Besuch, weil du dort gelebt hast?
Eigentlich nur noch selten. Es ist doch sinnlos wehmütig auf den Spuren von früher zu wandern. Man gehört nicht mehr zu der Stadt, wenn man nicht dort lebt. Eine alte Freundin aus Barcelona kommt übrigens im Sommer gerne zu uns, weil Barcelona inzwischen von Touristen überrannt wird. Es sitzen sommers quasi busweise Menschen in ihrem Lieblingsbeisl. Auch in Wien fahren inzwischen Doppeldeckerbusse über den Karmelitermarkt.

Du hast einige Jahre in New York City gelebt. Für manche der Inbegriff von Stadt. Wo findest du New York in Wien und wo hast du Wien in New York gefunden? Manchmal sieht man im Grünen Prater Szenen, wie man sie auch im Central Park sehen könnte. Ich genieße es übrigens sehr, in sieben Minuten zum Spazieren oder Laufen dort zu sein. Wien in New York fanden wir in Brighton Beach, in Little Odessa, wo viele Russen wohnen. In einem zweistöckigen Lebensmittelgeschäft habe ich mich in der Wurstabteilung wie in einer Fleischerei in Wien gefühlt.

Was liest du aktuell? „Der letzte Granatapfel“ von Bachtyar Ali.

Welchen Film hast du zuletzt gesehen? „Paterson“ von Jim Jarmusch

Was ist dein Lieblingsfilm?  Schwer … vielleicht Casablanca.

Was läuft derzeit auf deiner Playlist am meisten? Derzeit viel Leonard Cohen und Amy Winehouse.

Für welchen Verein schlägt dein Herz?  Für Ärzte ohne Grenzen, obwohl es auch mein Arbeitgeber ist.

In welches Lokal gehst du gerne essen? Ins Stewart in der  Praterstraße.

Hast du eine Lieblingsbar? Das First Floor, ein Evergreen.

Wien schmeckt nach … Pischingertorte und gemischtem Satz.

Wo feierst du mit deiner Familie? Am liebsten zu Hause.

Wo feierst du mit deinen Freunden: In einem der vielen Lokale im 2. Bezirk.

Wo entspannst du dich am besten? Im grünen Prater.

Gibt es Plätze oder Orte in der Stadt, die dich inspirieren? Die Märkte und die Museen.

Deine drei Lieblings-Shopppingsadressen in Wien?  Ich bin keine große Shopperin und kaufe am liebsten im Grätzel: Ich mag die Wundertüte, Karmeliterplatz, der  Neat Corner Shop hat hübsche Taschen und Schmuck. Die Palette am Vorgartenmarkt führt BIO & FEINES vom Land und meinen Lesestoff hole ich in der Buchhandlung im Stuwerviertel.

Astrid Kuffner
Astrid ist Wienerin, Working Mum, Wählerin, wählerisch, mag Menschen, Worte und Wale.
Nini Tschavoll
Nini fotografiert, schreibt und bloggt digital.
Mag aber auch analog noch immer.