Geteilte Erfahrung bringt doppeltes Glück

Eva Rosewich fotografiert von Nini Tschavoll

Name: Eva Rosewich, geboren 1980 im Schwarzwald (D), seit 2006 in Wien, wohnt in Währing, ist diplomierte Sozialpädagogin und Geschäftsführerin von „Hands on Mentoring“.


Eva Rosewich, seit 2020 Geschäftsführerin von „Hands on Mentoring“ für Jugendliche und junge Erwachsene, erlebt in der sogenannten Corona-Krise eine „Welle der Solidarität und Bereitschaft zum Ehrenamt“. Sie hat uns während des Shutdowns über die Gartenmauer davon erzählt. Warum klingelt nach fünf Wochen Stillstand ihr Diensttelefon wieder häufiger? Evas Vermutung: „Wenn in einer Krise die Gesellschaft zumacht, suchen Menschen nach Möglichkeiten, sich zu öffnen und etwas Gutes zu tun. Irgendwann sind alle Yoga-Onlinekurse durchgeturnt und ich glaube, dass eine sinnstiftende Aufgabe im Leben einfach glücklich macht.“

Sieben neue Mentorinnen und Mentoren haben sich binnen zwei Wochen gemeldet. Sie sind bereit, zumindest sechs Monate lang 1,5 Stunden pro Woche einem jungen Mentee zu widmen. Angebot und Nachfrage sind in nicht immer gleichmäßig verteilt. Siebenunddreißig Paare arbeiten aktuell miteinander.

Nach dem Erstgespräch mit beiden Seiten über Erwartungen und Vorstellungen (Clearing) lässt Eva beim Verkuppeln von Mentor/in und Mentee (Matching) eine Kombination aus Erfahrung, Gespür, Know-how und Menschenkenntnis walten. Das Projekt „Hands on“ fokussiert auf die Unterstützung von jungen Menschen zwischen 14 und 25 bei der Suche nach einer Lehrstelle, einer Ausbildung oder einem Arbeitsplatz. „Jetzt haben wir alles auf Online-Mentoring umgestellt und konzentrieren uns auf Entlastungsgespräche und Life-Coaching“, sagt die ausgebildete Sozialpädagogin.

Auch für sie ist es eine Umstellung, alles am Telefon und Online zu machen. Ein erstes Stimmungsbild zeigt: alle bemühen sich und es geht erstaunlich gut. „Die bestehenden Paare tun sich beim Umstieg leichter. Ich vermittle aktuell Menschen, ohne sie jemals gesehen zu haben. Aber ich hatte gewinnende, mitreißende und tatkräftige Leute am Hörer, zwei davon erst Mitte 20. Die werden es auch am Telefon schaffen, einen Jugendlichen zu begeistern“.

Bevor sie 2018 zu „Hands on“ wechselte, arbeitete Eva ab 2008 wochenends und nachts als Betreuerin in einer Behinderten-WG, später bei Rainmans Home mit AutistInnen oder in einer Produktionsschule. 2011 begann sie die Ausbildung zur diplomierten Sozialpädagogin und schloss 2014, bereits hochschwanger, die Prüfung ab. „Bring it on, Leben!“, grinst sie. „Ich mag Herausforderungen. Und ich mag das Alter, mochte es auch bei mir selber. In Kontakt und im Austausch mit jungen Menschen zu sein, hält einen selber jung“, erzählt sie weiter. „Ich kann die Sorgen, Nöte und Unsicherheiten gut nachvollziehen. Das Dilemma, viele Möglichkeiten zu haben versus ‚ich muss mich entscheiden’, hatte ich früher oft selbst.“

Die Rolle eines Mentors oder einer Mentorin ist vielfältig. Eine Richtung aufzeigen, psychisch aufbauen, stabilisieren und stützen sind wichtige Aufgaben. Auch Orientierung bieten, Klarheit geben, in einfacher Sprache erklären, was durch die Coronapandemie passiert. Meist geben die Jugendlichen ganz gut vor, was sie brauchen. Da ist von Mentor/Mentorin Reflexion gefragt. „Hands on“ arbeitet viel mit jungen Menschen, die ab 2015 wegen Krieg oder wirtschaftlicher Perspektivlosigkeit nach Österreich gekommen sind und integriert diese weiter in den Arbeitsmarkt.

Das Projekt der Erzdiözese Wien ist aus dem Westbahnhof-Spirit entstanden und besteht seit 2016 als eigenständiger Verein. Man setzt bewusst auf einen kleinen, persönlichen Rahmen mit hoher Qualität. Nach Deutschkursen und Pflichtschulabschluss setzt „Hands on“ an und vermittelt vorwiegend Jugendliche mit Migrationshintergrund aus Afghanistan, Syrien, Iran, Bosnien, Jordanien, Tschechien, Serbien oder Kroatien.

50 aktive Paare sind ihr Limit. Denn neben Verknüpfung, Netzwerkpflege und fallweiser Krisen-Feuerwehr begleitet sie Aktivitäten wie Onboarding, Intervision, Job-Speeddating, Feste und Stammtische. Inzwischen kann die bereits einige Erfolgsgeschichten erzählen. Auch hat sich unter ihrer Führung das Projekt deutlich verjüngt und verweiblicht. Die katholische Kirche als Trägerin macht sie in ihrer Arbeit unabhängig von üblichen Maßstäben und Vorgaben der Arbeitsvermittlung: „Ich sitze an einem sehr aufgeschlossenen Ende einer starken Institution und werde weltanschaulich nicht beschränkt. Im Gegenteil: Durch die Unabhängigkeit kann ich sehr behutsam arbeiten. Bei uns kann vieles als Erfolg gewertet werden. Wenn der Weg dorthin länger dauert, dann gibt man Zeit zu.“

Der interkulturelle Anspruch der Arbeit bereitet Eva keine Schwierigkeiten. Sie verfügt über eine Ausbildung zum „kompetenzzertifizierten Coach mit interkulturellem Schwerpunkt“, die für MigrantInnen angeboten wurde: „Ich habe in dem Jahr viel von meinen Kolleginnen gelernt. Ich habe in verschiedenen Ländern gelebt und bin viel gereist. Durch Mexiko, Guatemala, Nicaragua, Kuba und war selber lange fremd in einem Land. Das macht mich und den Verein sehr offen für andere Kulturen. Es ist immer spannend, wie Menschen sich irgendwo auf der Welt ihr Leben organisieren und welche Kultur da entsteht.“

Aufgewachsen ist Eva Rosewich wenige Minuten von der französischen Grenze entfernt im Schwarzwald. Doch wie kam die gelernte Hotelfachfrau nach Wien? Nach zwei Jahren in Los Angeles wechselte sie 2006 als Front Office Supervisor ins Hilton Vienna Danube. Zunächst wohnte sie als Staff zwei Monate im Hotel an der Neuen Donau, bis sie eines Nacht aus dem Bett geholt wurde, weil das Zimmer für einen Gast gebraucht wurde. Der Tausch war insofern nicht schlecht, als sie in die Presidential Suite des Hilton Landstraße übersiedelte. Auf dem Balkon mit Blick auf die Innenstadt, sagt sie, ist ihr erstmals bewusst geworden, in welcher Stadt sie eigentlich gelandet war. Über Freunde von Freunden und über elektronische Musik verband sie sich mit der Stadt, lernte die sprachlichen Feinheiten und verwurzelte sich hier.

Von der gehobenen Hotellerie in die Sozialarbeit mit Jugendlichen – wie ging das? Beide Berufe haben mit Menschen zu tun, was Eva wichtig ist. „Nur mit Papier und Computer will ich nicht arbeiten. Das ist mir zu langweilig“, erklärt sie. Als Supervisor in der Executive Lounge des Hilton Anaheim/Los Angeles hat sie viele VIPs betreut. Manches, was sie dort gelernt hat, erweist sich heute als nützlich. Sie ist gerne eine gute Gastgeberin und hat keine Scheu vor ‚hohen Tieren’. Als Organisationstalent mit Überblick „kann ich mich schnell auf besondere Umstände einstellen. Das braucht man mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen immer wieder.“ Der Knackpunkt war ein Gast, der ihr die Kreditkarte ins Gesicht warf und drohte, sie und das Hotel zu verklagen. Weil ... sein Zimmer keinen Donaublick hatte. Danach stellte Eva sich die Frage, welcher Beruf ihr Erfüllung UND Sinn bringen könnte.

Ein formales Mentoring hat die Geschäftsführerin von „Hands on“ selbst nie durchlaufen. Aber es fallen ihr viele Menschen ein, die ihr halfen, ihren Weg zu machen. Heute weiß sie, wann und wo sie Unterstützung braucht und holt sie sich. Das ist wohl eine der wichtigsten Lektionen im Leben.

Eva, die älteste von vier Schwestern, nennt ihre Mutter eine Löwin, die sich für ihre Töchter eingesetzt hat: „Ich komme aus einer Familie mit starken Frauen, die vorrangig im Sozialbereich gelandet sind. Mein Vater hat mir vermittelt, wie wichtig eine gute Ausbildung, finanzielle Absicherung und ein guter Platz zum Wohnen sind.“

Die Begegnung mit einem Menschen kann den Unterschied machen – das ist ein Prinzip hinter Mentoring. Empathie und Interesse an der Lebenswelt junger Menschen, eigene Arbeitserfahrung und Frustrationstoleranz sind die einzigen Voraussetzungen, um bei „Hands on“ als MentorIn aktiv zu werden. Daraus entwickelt jeder sein eigenes Profil. Wer jetzt gleich entschlossen ist, findet die Nummer von Evas Diensthandy auf der Webseite.

Was ist dein Wiener Lieblingswort? "Oida" in allen Färbungen.

Was ist dein Wiener Lieblingsort? Die Steinhofgründe, der Yppenplatz und der Währinger Park mit meinen Kindern.

Was ist Deine Wiener Musik? Makossa & Megablast, Kruder & Dorfmeister

Was ist Dein Wiener Lieblingsgericht? Kaiserschmarren mit Zwetschkenröster. Meinen ersten habe ich vielleicht in der Kurkonditorei Oberlaa gegessen, herrlich flaumig.

Welche Lokale magst Du? Ich trinke liebend gerne eine Melange in einem schönen Kaffeehaus. In der Schleifmühlgasse oder rund um die Neubaugasse im Umkreis des Cafe Europa. Ich probiere alle diese Bobo-Geschichten gerne einmal aus. Smoothies, Zusätze, Bowls etc.

Was würdest Du aus dem Schwarzwald nach Wien importieren wollen? Maibowle mit Waldmeister, Tannenzäpfle Bier, badische Maultaschen und gute Brezeln.

Wonach riecht Wien? Etwas zwischen grünem Park und U-Bahn mit Einsprengseln von Zuckerwatte. Mit meiner Schwester bin ich im Prater Kettenkarussell gefahren, da roch es so.

Was gibt es nur hier in Wien? Genauso viele schöne Diminutive, wie in meinem Heimatdialekt. Was bei euch –erl ist bei mir –le. Schätzle und Schatzerl. Das mag ich.

Was zeigst Du Wien-BesucherInnen immer? Schloss Schönbrunn mit der schönen Anlage rundherum, Stephansplatz mit den Fiakern, ein Bummel über die Mariahilferstraße und den Türkenschanzpark finde ich großartig.

Gibt es eigentlich die Schwarzwälder Kirschtorte in echt? Ja, genau so mit dunklem Biskuit und regionalem Schwarzwälder Kirschwasser.

Was möchtest du Wien ausrichten? Liebes Wien, bleib so wunderschön bunt, engagiert, offen und vielfältig! Du begeisterst mich mit deinen (Sub-) Kulturen, deiner Musik, deinen grünen Parks und den zauberhaften Menschen, die dich mit Leben füllen.

Hands on

 

Astrid ist Wienerin, Working Mum, Wählerin, wählerisch, mag Menschen, Worte und Wale.
Nini schreibt, fotografiert und bloggt digital.
Mag aber auch analog noch immer.

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