Mit dem Kopf durch die Konventionen

Amelie von Liebwitz, Ärztin in Berlin, ist eine erfundene Figur. Was der Hauptfigur von „Die Ärztin. Eine unerhörte Frau“ als Pionierin im Medizinstudium an der Universität in Berlin widerfährt, ist nicht erfunden: der ausgrenzende Corpsgeist der Kommilitonen, die Diskriminierung und Missachtung, die Kommentare und das generelle Gefühl, unerwünscht, unfähig und unwillkommen zu sein, beruht auf Tatsachenberichten.

Das Aufblitzen von Recherche, die Fülle an historischen Fakten und Ereignissen - nicht nur in der Medizin - ist eine Stärke des ersten Romans der Wiener Medizinjournalistin Sabine Fisch. Es ist angenehm leichte Lektüre - Belletristik mit Charme, etwas Schund und Skalpell sozusagen. Ideal für ein Wochenende auf der Couch, für unterwegs oder einen Tag in der Therme.

MadameWien stürzte mit der resoluten Amelie, die schon als Kind den Berufswunsch Ärztin bzw. Chirurgin äußert, bereitwillig in Liebes-, Lebens und Ausbildungsabenteuer. Die Lebensgewohnheiten und -umstände, Geschehnisse an der Universität, die Armut im Scheunenviertel, das Schiff, mit dem Amelie reist und die Operationsmethoden sind real. Autorin Sabine Fisch räumt ein, den Lesern und Leserinnen ein paar ungustiöse Details erspart zu haben. Das fiktive Fräulein von Liebwitz hat die besten Voraussetzungen für den Beruf: finanziell, bei den Vorbildern, der Vorbildung und dem familiärem Hintergrund. Aber sie lebt in einer Zeit, die für Frauen nur bestimmte Ecken vorsah. In ihrem Fall eine intelligente und gute Partie zu sein, die Frau von jemandem, Kinder gebärend.

Sabine Fisch lebt und arbeitet in Wien. Es ist also kein Zufall, dass die Protagonistin ihres ersten Romans im Prolog gleich einmal im Ministerium am Minoritenplatz aufschlägt. Es ist aufgelegt, lokales Wissen und ein paar der amüsanten Animositäten zwischen Österreich und Deutschland auszuspielen. Und die Übung gelingt. Auch für weniger prominente Charaktere wie den Beamten, den Kellner, das Dienstmädchen und die Hebamme nimmt sich die Autorin die nötige Zeit für charakterisierende Beschreibungen.

„Die Protagonistin wachte in meinem Hirn einfach auf - mit Namen und allem”, beschreibt sie MadameWien. Auslöser war ein Seminar von Marie Lampert, die das Konzept der "Heldenreise" vorstellte: “Das war für mich wirklich eine Offenbarung. Plötzlich ging in meinem Kopf alles Mögliche los - und kurz darauf war Amelie geboren. Einen Tag später hatte ich mehr oder weniger die ganze Geschichte im Kopf”. In der Figur steckt ein wenig von der Autorin (etwa die Unlust zu reisen), aber eigentlich "ist sie ein Fantasiegeschöpf, das nur im Aussehen ein reales Vorbild hat”. Leseratte Sabine Fisch hatte sich im Rahmen ihres Hobbys "Medizingeschichte" mit den Pionierinnen der Jahrhundertwende wie Rahel Hirsch, Gabriele Possaner von Ehrental, Hope Bridge-Adams uvm. viel auseinander gesetzt.

Eine kleine Trigger-Warnung für Ex-RaucherInnen: Es wird viel geraucht in dem Buch. Genussvoll. Das Buch aus dem Berliner Aufbau-Verlag beginnt im Jahr 1950, die Handlung wird in Rückblicken bis 1914 vorangetrieben. Das schreit förmlich nach einem zweiten Teil. Denn was passiert dem aufstrebenden Komponisten, ihrer großen Liebe im ersten Weltkrieg? Schließlich hat Amelie ihn 1950 auf einer Parkbank am Karlplatz wieder getroffen. Dazu Sabine Fisch: “Es soll noch zwei weitere Teile geben. Im zweiten Teil wird Amelie als Ärztin im ersten Weltkrieg in Bosnien tätig sein und gegen die Spanische Grippe kämpfen. Vom dritten Teil verrate ich nur eine Kleinigkeit: Das Ende wird in Wien spielen”.


Die Ärztin - Eine unerhörte Frau
von Sabine Fisch
Aufbau Taschenbuch Verlag 2020
399 Seiten
10,30 Euro

 

© Mirela Jasic

Astrid Kuffner
Astrid ist Wienerin, Working Mum, Wählerin, wählerisch, mag Menschen, Worte und Wale.

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