Nicht gefälscht, nur angelehnt

Wolfgang Beltracchi fotografiert von Roland Rudolph

Im Bank Austria Forum reist Wolfgang Beltracchi mit seinen an große Meister angelehnten Werken durch 2000 Jahre europäischer Kunstgeschichte.


Mit dem Projekt „Kairos. Der richtige Moment“ wirft die Kunstplattform ZOTT Artspace einen etwas anderen Blick auf die Kunstgeschichte. Sie überführt kulturhistorisch bedeutsame Augenblicke in neue Bildmotive und macht das Wirken großer Meister durch den Ausnahmekünstler Wolfgang Beltracchi erlebbar.

Vor einigen Jahren war der Münchner Unternehmer, Kunstsammler und Förderer Christian Zott auf dem Fußweg quer durch Europa unterwegs, als er in Verona den italienischen Fotografen Mauro Fiorese kennen lernte. Diese Bekanntschaft war der Beginn seiner Auseinandersetzung mit den großen Meilensteinen von 2000 Jahren Kunstgeschichte. Der bekannte italienische Fotograf Mauro Fiorese hatte sich in seinen Arbeiten immer wieder mit der Aufbewahrung von Kunst auseinander gesetzt, seine Serie Treasure Rooms zeigt Kunstschätze in Museumsspeichern, die im Allgemeinen nicht öffentlich zugänglich sind.

Gemeinsam mit Kurator Andreas Klement, Mauro Fiorese und dem Künstler und als Fälscher bekannt gewordenen Deutschen Wolfgang Beltracchi erarbeitete er das Projekt „KAIROS. Der richtige Moment“ mit der Absicht, die Entwicklung der Kunst von der römischen Antike bis zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts wie im Zeitraffer sichtbar zu machen.

Das Martyrium der Rosa Luxemburg nach Max Beckmann

Die wichtigsten Epochen und Kunstströmungen Europas werden durch zeitgenössische Werke in der Handschrift je eines stilprägenden Künstlers beleuchtet. Die Motive greifen Ereignisse aus den Lebzeiten dieser Meister auf, die – obgleich richtungsweisend für ihre Epoche – nicht von ihnen gemalt wurden. Dies holt Wolfgang Beltracchi, der 1951 geborenen Sohn eines Kirchenmalers, mit seiner außergewöhnlichen Fähigkeit nach.

Beispielsweise bei seinem Gemälde „Das Martyrium der Rosa Luxemburg“ in der Handschrift von Max Beckmann. Ebenso präsentiert die Ausstellung neue Werke und Bildmotive in den Malstilen von Caravaggio, Vermeer, Goya, van Gogh und vieler anderer Künstler. „Ich bin nie für das Fälschen von Bildern verurteilt worden“, erinnert sich Wolfgang Beltracchi an die wohl schwierigste Zeit in seinem Leben. „Der Fehler, den ich gemacht habe und für den ich ins Gefängnis musste, war, dass ich die Signaturen der Maler gefälscht habe. Ich wurde wegen Unterschriftenfälschung verurteilt.“

Heute signiert der Künstler mit seinem eigenen Namen. Maximal 15 bis 20 Bilder male er pro Jahr. Er wolle kein unübersichtliches Werk schaffen, erzählt er, der sich im Laufe seiner Karriere den Stil von über 100 Malern aller Epochen aneignete. „Ich brauche den Kunstmarkt nicht. Auf der Welt gibt es rund 100 Sammler, die bei mir kaufen. Die anderen mögen mich nicht, ich haben ja viele von ihnen vorgeführt“, lacht er. Zwischen 100.000 und 500.000 Euro werden seine Bilder heute gehandelt, Tendenz steigend. „Die Nachfrage ist jedenfalls viel größer als das, was ich produzieren kann. Interessant finde ich, dass meine Bilder nun gefälscht werden.“

Beltracchi und Kurator Andreas Klement im Bank Austria Forum, © Roland Rudolph

Die Entstehung der aktuellenWerke ist ein wesentlicher Teil des Projekts „Kairos. Der richtige Moment“, liefert sie doch die einmalige Chance, die Malweise längst verstorbener Künstler nachzuvollziehen. Den Gemälden werden Fotografien von Mauro Fiorese gegenübergestellt.

Der Ende 2016 verstorbene Fiorese zählt zu den bedeutendsten zeitgenössischen Fotografen. Seine Aufnahmen in Museumsarchiven weisen spielerisch und durch ihre Ästhetik fast ironisch auf die Mechanismen der Kunstwelt hin. Sie werfen die Fragen auf, wer oder was darüber entscheidet, was oben im Museum hängt und was im Keller verbleibt. Mauro Fioreses Werke führen die Ausstellungsbesucher in Bereiche der Kunstwelt, die der Öffentlichkeit bisher verborgen blieben. Und  sowohl er als auch Beltracchi führen dem Betrachter vor Augen, wie sich Kunst im Kräftespiel von Zeit und Gesellschaft formt.

Was möchten Sie mit Ihren Gemälden für „Kairos. Der richtige Moment“ erreichen? Die Überraschung mit Gemälden konfrontiert zu werden, die man zu erkennen glaubt, die es aber nie gab, wird im besten Fall die Sicht auf das Gemälde selbst und nicht auf seinen Marktwert lenken. Ich wünsche mir, dass wir so eine Diskussion anstoßen, wie Kunst wieder ihre Freiheit vom Markt zurückerlangen kann und wieder mehr in die Gesellschaft wirkt.“

Aus der Serie Treasure Rooms, © Mauro Fiorese

Sie haben eine spezielle Art des Malens entwickelt – das „Method Painting“ in Anlehnung an das bekannte „Method Acting“. Was verstehen Sie darunter? Um ein Gemälde in der Handschrift eines Künstlers malen zu können, muss ich das komplette Umfelddes Künstlers verstehen und analysieren. Diese Recherche oder besser gesagt Aneignung seiner Art umfasst beispielsweise die Denkweise des jeweiligen Malers, seine Erfahrungen mit Farben, Textur, Licht und Geschichte, die Art des Farbauftrags, die Intensität und den Rhythmus des Duktus, den Hintergrund der Motivauswahl und sein gesellschaftliches Umfeld. Erst danach beginne ich mit dem eigentlichen Malen des Motivs, das Christian und ich gemeinsam entwickelt haben.

 Was hat sie an der Zusammenarbeit mit dem Fotografen fasziniert? Zuerst hat mich der dissidente Charakter seiner Aufnahmen von den ‚Treasure Rooms’ der verschiedenen Museen beeindruckt. Aus meiner Sicht stellen die Aufnahmen die Macht der Experten über den öffentlichen Zugang zu Kunst in Frage. Kunst benötigt keine Legitimation. Die Gegenüberstellung von Mauros Fotografien mit meinen Gemälden kann den Diskurs über die Freiheit der Kunst aus zwei Perspektiven anregen.

Wolfgang und Helene Beltracchi bei der Pressekonferenz © Roland Rudolph

4. bis 21. September 2019
Bank Austria Kunstforum
Freyung 8
1010 Wien

Aus der TV-Doku-Serie „Der Meisterfälscher“. Wolfgang Beltracchi porträtiert den Schriftsteller Daniel Kehlmann.

Nini Tschavoll
Nini fotografiert, schreibt und bloggt digital.
Mag aber auch analog noch immer.