Wenn Bienen von Wien schwärmen

Matthias Kopetzky fotografiert von Nini Tschavoll

Name: Matthias Kopetzky, geboren 1964 in St. Pölten, wohnt seit 30 Jahren in Mariahilf. Von Beruf ist er Wirtschaftsforensiker und Gründer der Wiener Bezirksimkerei, die inzwischen in allen 23 Bezirken Bienenstöcke betreut.


Matthias Kopetzky war schon länger auf der Suche nach einem naturnahen Ausgleich für seinen Schreibtischjob. Die meisten landwirtschaftlichen Tätigkeiten waren aber zeitlich schwer vereinbar mit seiner Kanzlei für Wirtschaftsforensik, die sich auf strafrechtliche Fälle spezialisiert hat: „Wir sehen uns quasi rückwirkend an, warum Unternehmen gestorben sind. Ob sich jemand bereichert oder Firmengeheimnisse ausgeplaudert hat“, erklärt er.

Auf die Biene als Freizeitbetätigung brachte ihn seine Schwägerin, deren Vater Imker gewesen war. 2011 rief sie ihn an und stellte die entscheidende Frage: „Hilfst du mir? Der Papa hört auf und sonst wird alles weggeschmissen...“.

Gemeinsam holten sie im Herbst 2011 das Equipment aus Neulengbach nach Wien und besuchten einen Imker-Kurs. Im Februar darauf brachten sie in einer, rückblickend betrachtet, Wahnsinnsaktion bei Schnee und Kälte die ersten Bienen von Schwechat nach Wien. Imkern ist ein beschauliches, Sinn stiftendes und entspannendes Hobby, wenn man es mit zwei Bienenstöcken auf dem Flachdach über dem Büro betreibt. Inzwischen aber pflegt der Imker im Nebenberuf rund 200 Stöcke in ganz Wien.

Wir treffen Matthias Kopetzky auf  dem Flachdach seiner Kanzlei in der Nähe des Bahnhofs Meidling, wo alles begann. Hier fliegen die Töchter der Pionierinnen über unseren Köpfen summend hin und retour. Die Sammlerinnen haben Besseres zu tun, als sich zu uns zu setzen. „Die Zwölfer-Bienen waren die Ersten. Ich bin reingewachsen in Pflege und Produktion und dann sind wir ein bissl gewachsen“, sagt er schmunzelnd.

Seit 2017 imkert er in allen 23 Bezirken Wiens. Der Lückenschluss erfolgte vergangenes Jahr mit den Bezirken Brigittenau und Hernals. Neben dem Büro betreibt Matthias Kopetzky die „Wiener Bezirksimkerei“, einen landwirtschaftlichen Betrieb mit zwei weiblichen Lehrlingen und Sitz in der Arbeitergasse in Margareten.

„Meine Frau sagt, dass das kein Hobby mehr ist“, lacht der Bienenfreund. Aber sie lässt ihn gewähren. Gerade wurde die Honigernte 2018 eingefahren: Auf Flachdächern in ganz Wien, auf Universitäten, Hotels und auf Häusern in Privatbesitz, stets mit guter Aussicht. „Der Juli ist die arbeitsintensivste Zeit im Jahr. Binnen zweieinhalb Wochen besuchen wir alle 200 Stöcke. Wir nehmen die Honigräume heraus und müssen den Honig gleich schleudern“.

Jetzt ist er wieder entspannt und kümmert sich um eine gesunde Brut in den Bienenbeuten, wie die Kisten im Fachjargon heißen. Diese Generation muss nämlich den Winter überdauern und aushalten, bis im nächsten April die Sommerbienen soweit sind. In der anderen Ecke des Flachdachs steht die Jungköniginnenzucht der Wiener Bezirksimkerei. Es gibt nämlich grantige Königinnen und tiefenentspannte – und der Zwölfer-Stamm ist ungrantig und wurde deshalb zur Zucht ausgewählt.

Das wollen wir sehen. Matthias Kopetzy holt Besen und Meißel, hebt den Deckel der Bienenbeute ab, zieht die Wärmeschutzfolie herunter und hebelt sanft einen Rahmen heraus. Die Bienen krabbeln darauf herum, betreuen die Brut, verjagen eine Wespe. Für den menschlichen Störenfried interessieren sie sich nicht. Generell kommt es dem Naturell der Biene entgegen, „wenn sie das Gesicht von Imker oder Imkerin möglichst nie sieht“.

So wenig wie möglich tun und die Finger von den Bienen lassen. So wird es heute geschult. Bei 200 Stöcken ist die Gefahr ohnehin gering. Der Bezirksimker ist froh, wenn er nicht oft hineinschauen muss: „Der klassische Hobbyimker läuft Gefahr, zu viel mit den Bienen zu machen. Wir nennen das dann ‚die Bienen tot schauen’.’’ Nach der Sommersonnenwende und der Honigernte werden neue Rahmen eingesteckt und Schädlinge (wie die Varroamilbe samt ihrer schädlichen Virenfracht) bekämpft. Als Bioimker setzt er dafür auf das Verdampfen von natürlicher Ameisensäure.

Die Rahmen für den Wabenbau haben keine Wachsmittelwand, sondern nur einen schmalen Anfangsstreifen, der die Richtung vorgibt. „Von dort machen die Bienen selbst weiter. Zu kreative Bauten erschweren uns und ihnen das Leben. Und Bienen sind sehr kreativ“. Nicht nur die Bienen. Auch die Imkerzunft ist kreativ: „Die Imkerei ist die größte Ansammlung von Erfindern weltweit. Jede und jeder meint das beste Arbeitsgerät überhaupt erfunden zu haben. Gerade in Mitteleuropa ist das eine extrem bunte, nicht standardisierbare Branche“, weiß er.

Das merkt man schon am Beutemaß. Seine sind „Österreichische Breitwaben“, die eher in Ostösterreich verbreitet sind. In Mitteleuropa gibt es rund 30 (!) unterschiedliche Maße. Weil die Erstausstattung oft vererbt wird, wechselt man später eher nicht, wenn man zukauft. Weil sonst passt es vielleicht um "Bienenfühlerlänge" nicht hinein. International sind nur zwei Beutemaße verbreitet: Langstroth und Dadant.

Den Bienen geht es in der Stadt besser als am Land, weil hier kaum Pestizide eingesetzt werden. Blei im Benzin ist schon lang verboten und der Westwind weht frische Luft aus dem Wiener Wald über den Zentralraum: „Wir haben das sehr genau untersuchen lassen, weil wir auch Pollen ernten. Wir haben den Nachweis, dass der Honig aus Wien unbelastet ist“.

Was mögen Bienen noch? Sie haben einen Flugradius von drei Kilometern, wobei sie bei der maximalen Flugdistanz eher wenig Pollen und Nektar nach Hause bringen, sondern diese selbst für die Strapazen verbrauchen. „Bei uns gilt die schräge Regel: Je mehr Beton, desto besser der Honigertrag. Es gibt sichtlich unvermutet viel Grün im dicht verbauten Gebiet. An idyllischen Plätzen wie Hörndlwald, Lainzer Tiergarten oder den Steinhofgründen sind die Mengen geringer, als im dicht bebauten Margareten. Wir überlegen allen Ernstes, Stöcke von der ‚grünen Peripherie’ in Richtung Gürtel zu verlegen“.

Matthias Kopetzky produziert in seiner Wiener Bezirksimkerei 23 Lagenhonige (wie Lagenweine) und einen Cuvée, die „MIELange“. Akazien- oder Waldhonig hat er nicht im Sortiment: Der Honig unterscheidet sich bezirksweise im Geschmack, was man bei Verkostungen probieren kann. „Mich interessiert auch Wein und es ist spannend, was man da herausschmecken kann. Auch wenn die Sorte immer Veltliner ist, schmeckt das Ergebnis je nach Weinberg anders. Wir konnten schon zu Beginn Unterschiede zwischen Honig vom Bahnhof Meidling und von der Alten Donau deutlich er-schmecken und machen das deswegen nun so“.

Vertrieben wird der Bezirkshonig mit regionalen Partnern: Der Meidlinger Honig ist etwa bei „Anna am Markt“ am Meidlinger Markt oder im „Basic“-Biomarkt im U4 Center erhältlich. Der Honig von den Hoteldächern wird oft in einem eigens konstruierten Aufsteller (!) direkt in der Wabe beim Frühstücksbuffet angeboten. Honig wird immer mehr zum Ganzjahresprodukt, etwa auch für Leistungssportler.

Gute Aussichten also, zumal das Imkern als Hobby gerade eine Blüte erlebt. Früher war das was für alte Männer, heute nicht mehr. Mit zwei Stöcken ist es, wie schon erwähnt, (noch) sehr entspannend. Aber hat es Zukunft, wenn so viel vom Bienensterben die Rede ist? Tatsächlich ist das Bienensterben nur der sichtbare Teil einer großen Insektenkrise. Wie der Teil des Eisbergs über der Wasserlinie, ein Alarmsignal: „Heute ist es nur noch eine Kindheitserinnerung, dass man im Sommerurlaub auf der Tankstelle die mit Insekten verpickte Windschutzscheibe des elterlichen Autos geputzt hat. Es gibt auch immer weniger Vögel, weil deren Nahrungsangebot nicht mehr da ist“.

Die Biene ist wichtig, weil sie sehr gründlich arbeitet. So ist etwa in einem Rapsfeld ein Viertel bis ein Drittel weniger Ertrag zu erwarten, wenn nur der Wind oder andere Insekten bestäuben. Und manche Kulturpflanzen können gar nicht windbestäubt werden. Angesichts der vielen fleißigen Bienchen über unseren Köpfen ist das gerade schwer vorstellbar, aber dennoch real.

Auf einer der Bienenbehausungen steht „Bee and me“. Das ist kein Projekt für betreutes Imkern, sondern eine Erfindung aus Wien/Podgorica von Elma Hot und Alija Dervic. Sie haben eine Stockwaage erfunden, die laufend Daten misst (Feuchtigkeit, Temperatur und Gewicht) und sie aufs Mobiltelefon schickt: „Das ist sehr praktisch. Man hat einen Überblick was sich tut und kann rechtzeitig Honigräume dazu stecken“. Weil wenn es zu eng wird, kommen auch Bienen auf dumme Ideen und schwärmen aus. Abstimmung mit den Flügeln sozusagen.

Wo kann man in Wien imkern lernen? In der Imkerschule Wien

Wo bekommt man in Wien Imkerbedarf her? Bei Das Bienchen in Wien Landstraße, im Imkershop in Floridsdorf und vom IBZ Bienenhof.

Ein Buchtipp zu Bienen? Der Honig“ aus dem Brandstätter Verlag ist eigentlich ein Kochbuch mit viel Kulturgeschichte und wissenschaftlichen Erkenntnissen.

Was gibt es nur in Wien? Landwirtschaft von Relevanz in einer Millionenmetropole (Gartenbau, Weinbau, Imkerei).

Ihr Wiener Lieblingsort? Auf der Jubiläumswarte ganz oben.

Wo verbringen sie ihre Wochenenden? Laufend am Weg von Hütteldorf zum Kahlenberg.

Haben Sie einen Lieblingsfilm? Ein liebstes Theaterstück? Meist das, was ich gerade zuletzt angesehen hab. "Der Volksfeind" von Ibsen in der Burg war super.

Ihre Lieblingsmusik? Derzeit Wiener Blond.

Mögen Bienen Musik? Kann ich nicht sagen, ich spreche aber mit ihnen (lacht).

Für welchen Verein schlägt Ihr Herz? Für den Musikverein.

Wien schmeckt nach…? Abwechslung!

Ihr liebstes Wiener Gericht? Wiener Backfleisch.

Haben Sie Lieblingslokale für Brunch? Ich probiere gerne die Tipps von den Frühstückerinnen. Da mag ich dann meist das zuletzt aufgesuchte. Und ich gehe sehr gerne ins  Salzberg, da ich dort in der Nähe wohne.

Und wo gehen Sie gerne mittagessen? Ich mag Lokale, wo es richtige, traditionelle Wiener Rezepte gibt. Gerne auch Innereien, etwa im Gasthaus zur Singenden Wirtin in Wien Meidling.

Ihr Lieblingsrestaurant für ein Abendessen? Das Gut Purbach im Burgenland.

Gibt es eine Lieblingsbar? In Mariahilf ist das die Miranda-Bar .

Wo entspannen Sie gerne? Bei den Bienen.

Wo ist die Lieblingsaussicht des Bezirksimkers? Fast von allen Dächern, wo unsere Bienen stehen.

Gibt es Plätze oder Orte in der Stadt, die Sie inspirieren? Die Kirche am Steinhof und das ganze Areal rundherum. Die Donauinsel; die verschlungenen Wege in Währing und Döbling zwischen alten Gärten.

Drei Lieblings-Shoppingadressen in Wien? Die Fleischerei Ringl, die Bio Gärtnerei Auer und bei Anna-am-Markt.

Was möchten Sie Wien ausrichten? Wenn es den Bienen in Wien weiterhin gut geht, dann geht es auch den Menschen in Wien gut, weil die Umwelt lebenswert ist.


wiener-bezirksimkerei.at

BUCHTIPP

 

Filmtipp: More Than Honey

Astrid Kuffner
Astrid ist Wienerin, Working Mum, Wählerin, wählerisch, mag Menschen, Worte und Wale.
Nini Tschavoll
Nini fotografiert, schreibt und bloggt digital.
Mag aber auch analog noch immer.

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