Von Büchern und Gefährten

Filmstill einer Szene am Friedhof im syrischen Daraya

DARAYA – A Library under bombs
von Delphine Minoui
64 Minuten

Der berührende Eröffnungsfilm des Ethnocineca  International Documentary Film Festival


Im Zentrum steht eine Gruppe junger Syrer, die in der belagerten Stadt Daraya ausharren und Freunde fürs Leben werden. Der Film begleitet ihre Gegenwart und zeigt ihre Vergangenheit. Er berührt, weil er das Gefühlsleben und die Reflexionen der jungen Männer ebenso ungefiltert zeigt, wie den Alltag in einem Krieg, der immer noch nicht zu Ende ist.
„Der Krieg hat mich filmen gelehrt“, sagt Shadi, der die Geschichte der Bibliothek in seinem Exil in Istanbul erzählt.

Als seine Heimatstadt Daraya von Assads Truppen von der Außenwelt abgeriegelt wird, ist er 22 Jahre alt. Gemeinsam mit seinen Freunden Ahmad und Jihad filmt er von Hausdächern, wie Helikopter Fassbomben abwerfen und dokumentiert die Zerstörungen des Krieges, in privaten, aber gleichzeitig dokumentarischen Aufnahmen.

Die Freunde filmen das Leben in der belagerten Stadt, wo Fensterrahmen von zerstörten Schulen verheizt und Plastiktanks zu Treibstoff eingeschmolzen werden. In den Bombentrichtern wird Gemüse gepflanzt, nächtens werden unter Lebensgefahr Barrikaden durchbrochen, um Lebensmittel in die Stadt zu schmuggeln. Sie fragen die Kinder, was sie am meisten vermissen.

Shadi liest nicht gerne. Aber er macht mit, als Bücherwurm Ahmad eine Bibliothek mit Werken aus zerbombten Häusern, Moscheen und Schulen in einem sicheren Kellerlokal einrichten will. 15.000 Bände, religiöse, historische, zensurierte, aber auch weltweite Bestseller, bergen die Freunde in einem Monat. Die Bibliothek wird Treffpunkt junger Männer in der fast schon völlig zerstörten, belagerten Stadt. Hier werden Verlobungen gefeiert, Englischkurse abgehalten und Vorträge gehalten. Hier werden Tote verabschiedet.

Die Bücher werden für viele zu Gefährten. Sie helfen dabei, nicht verrückt zu werden. Lesen hilft, ein Mensch zu bleiben. Der Film zeigt die Geschichte der Bibliothek, die Geschichte tiefer Freundschaft geschärft an Extremsituationen und er zeigt anhand des Footage Materials das Überleben im Krieg bis zum Ultimatum am 27.8.2016.

An diesem Tag schaffen Assads Truppen die letzten Ausharrenden aus Daraya nach Idlib. Von hier aus trennen sich die Wege der drei Freunde, aber nicht ihre Verbindung via Webcam und im echten Leben. Und dann beginnt Shadi doch noch zu lesen: 1984 von George Orwell. Und er zeigt seinen Freunden seinen neuen Lieblingsort in Istanbul: Ein Buchladen. Und wir erfahren, was mit der geheimen Bibliothek in Daraya passiert, nachdem die Freunde weggeschafft wurden.


TIPP: Von 23. – 29. Mai 2019 findet die 13. Ausgabe der ethnocineca – International Documentary Film Festival Vienna im Wiener Votiv Kino und Kino De France statt. 59 Lang- und Kurzfilme werden zum Festivalschwerpunkt AT RISK gezeigt. Ein Großteil der Filme ist das erste Mal in Österreich zu sehen. DARAYA –  A Library under Bombs, die Doku über Syriens geheime Bibliothek, eröffnet das diesjährige Festival am 23. Mai um 20 Uhr im Votiv Kino in Anwesenheit des Protagonisten Shadi Mattar. Er ist einer von rund 45 internationalen Gästen aus Wissenschaft und Film des heurigen Festivals.

Madame Wien

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