Gelebt, erlebt, überlebt

Kostbare Erinnerungen und kluger Kommentar

„Keine Achtung vor den Anderen, das stört mich am meisten. Das Niedrigste aus den Leuten herausholen, nicht das Anständige“. Das schmerzt und fürchtet sie. So sprach Gertrude Pressburger (Jahrgang 1927) in einem Video vor der Bundespräsidentenwahl 2016. Und ging viral. Seither kennt man Frau Gertrude.

Die Journalistin Marlene Groihofer (Jahrgang 1989) lernte die Wienerin aber schon vor dem Wahlkampf von Alexander van der Bellen kennen und verfasste ein vielfach ausgezeichnetes Audio-Portrait der heute 92-Jährigen für Radio Klassik.

 

Bei der ersten Begegnung wusste die junge Journalistin nicht, dass Frau Gertrude ihre Geschichte davor jahrzehntelang für sich behalten hatte. Seit 70 Jahren meidet sie die Orte ihrer Kindheit in Wien: das Wohnhaus in der Wehlistraße, die Volksschule am Khleslplatz.

Nun haben die beiden Frauen die Lebenserinnerungen der Holocaust-Überlebenden in Buchform vorgelegt. Gertrude Pressburger fand den Mut, ihre Erinnerungen zu erzählen. Diese haben es in sich und Gertrude kann erzählen: präzise und manchmal lakonisch. Marlene Groihofer kann zuhören und verankert diese Erinnerungen in der Jetztzeit.

Mit sieben sah Gertrude Pressburger ihre ersten Toten im Bürgerkrieg. Es waren leider nicht die letzten. Von der Erkenntnis, dass sie (getaufte) Jüdin ist, bis zur Flucht genau aus diesem Grund, dauerte es nur wenige Tage. Gerti war 11 als sie mit Mutter, Vater, zwei jüngeren Brüder und 5 Koffern im September 1938 eine Flucht durch halb Europa antrat.

Sechs Jahre gelang es der Familie zusammen zu bleiben, gemeinsam zu entkommen und zu überleben. 1944 wurden sie aus Italien doch noch nach Auschwitz deportiert. Auf der Rampe verlor Gerti, wie so viele, von einer Sekunde auf die andere ihre gesamte Familie. Sie überlebte und hat keine Idee, wie und warum die Willkür nicht zuschlug.

Nach dem Krieg wurde sie in Schweden aufgepäppelt, lernte Bruno Kreisky kennen und kehrte schließlich nach Wien zurück. Keine Heimkehr, aber ein Weiterleben. Gertrude Pressburger ließ sich nie wieder einsperren und bevormunden. Sie rät jungen Menschen heute: Augen auf, hinhören und überlegen, was das Gesagte bedeutet. Sie sind kostbar, die Erinnerungen der Überlebenden.


Gelebt, erlebt, überlebt
Gertrude Pressburger, Marlene Groihofer

Zsolnay 2018
208 Seiten
ISBN 978-3-552-05890-3

EUR 19,60

 

Madame Wien

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