Der Taucher

Julia Franz Richter als Lena, die mit ihrer Mutter Irene (Franziska Weisz) leidet. © Robert Staudinger

DER TAUCHER
Je stiller das Meer, desto dunkler der Abgrund


Regie und Drehbuch:  Günter Schwaiger
Besetzung: Franziska Weisz (Irene), Julia Franz Richter (Lena),
Alex Brendemühl (Paul), Dominic Marcus Singer (Robert)
(A 2019, 90 Min, dt. OF)


Familiäre, geschlechtsspezifische oder intime Gewalt sind Ausdruck einer Tatsache: Trotz Zivilisation und Fortschritt sind die vom Partner oder Ex-Partner ausgeübten Übergriffe Alltag für hunderttausende Frauen in Europa. Alleine im Jahr 2018 wurden in Österreich 41 Frauen von ihren Partnern bzw. Ex-Partnern oder nahen Familienangehörigen ermordet. Das ist westeuropäische Spitze.

Dennoch wird nach wie vor wenig darüber in der Öffentlichkeit gesprochen oder diskutiert. Immer noch scheint in der Gesellschaft eine Art Übereinkunft darüber zu herrschen, diese Angelegenheit sozial schwächeren Schichten, Zuwanderern oder marginalisierten Individuen zuzuschreiben. Doch die Gewalt findet vor allem in der Mitte unserer aufgeklärten Gesellschaft statt: Denn dass gerade in gesellschaftlich oder finanziell "besser" gestellten Kreisen die häusliche Gewalt einem viel stärkeren Schweigetabu unterliegt und deshalb kaum an die Öffentlichkeit dringt, wird wenig bedacht.

Auch deswegen wurde die Geschichte dieses Filmes auf Ibiza angelegt, in einem Ambiente, das nicht dem Randgruppenklischee entspricht. Der Täter ist ein Künstler, ein hochgebildeter Mensch, der keine finanziellen Sorgen hat, der es sich leisten kann, durch die Welt zu reisen und auf einer Trauminsel zu leben. Er ist ein Mann, dem aufgrund seiner Tätigkeit und seines gesellschaftlichen Ansehens im Normalfall alle Sympathien entgegen strömen und von dem sich wohl niemand vorstellen möchte, dass er im Verborgenen gewalttätig ist. Aber erträgt viele Gesichter und weiß sich zu tarnen.

Die betroffene Frau wiederum – im Alltag selbstbewusst und stark – findet aus Angst und Scham nicht aus dem Abhängigkeitsverhältnis. Der Film beschreibt gleichzeitig die verheerenden Auswirkungen von Gewalt auf die Psyche der Jugendlichen, das heißt auf die nächste Generation. Der Schaden, den eine Gewalterfahrung in der Persönlichkeitsentwicklung eines jungen Menschen anrichtet, ist immens. Nur wenige haben die Kraft, Widerstand zu leisten. Meist werden Schmerz und Trauma verdrängt und nicht selten kommt es zur Wiederholung des Gewaltmodells, wenn die betroffenen Kinder erwachsen sind – entweder als Opfer oder als Täter.

Die Verantwortung jeder Generation für die Weitergabe von Gewaltmustern an die nächste darf nicht unterschätzt werden. Gerade hier offenbart sich ein entscheidendes Dilemma unserer Zivilisation: Wir vererben Gewalt. Der Titel des Films bezieht sich auf den Kampf um die Aufarbeitung der Auswirkungen von traumatisierenden Gewalterfahrungen, die sich vor allem in Träumen, Wunschvorstellungen, Schuldgefühlen, Depressionen, Ängsten oder anderen psychopathologischen Symptomen äußern, die erst bewusst gemacht werden müssen. Wir sehen die Handlung aus 4 Perspektiven,  die jede für sich einen bestimmten Umgang mit der Gewalt-erfahrung erzählt.

Es geht um Leugnen, Verdrängen, Widerstand und Resignation. Jede dieser vier Reaktionen verbindet sich ihrerseits mit der Suche nach Liebe und der Angst vor Zurückweisung. Die Figuren sind so unerbittlich von der ausgeübten oder erlittenen Gewalt geprägt, dass sie sich voneinander isolieren. In diesem Sinne ist der Film auch ein Appell an die Kommunikation, an die Notwendigkeit zu reden. Sich nicht vor Gewalt und Bedrohung zu verstecken, sondern um Hilfe zu bitten. Der Taucher ist in jeder Hinsicht ein Film über unsere Psyche, über Lügen, Schweigen, Angst und Brutalität. Aber auch über die Kraft, Widerstand zu leisten und Liebe zu erfahren.

Gewalt an Frauen kommt in allen Gesellschaftsschichten vor
Ein Gespräch mit Günter Schwaiger


In Österreich werden europaweit die meisten Frauenmorde verübt – waren es 2014 noch 19, so stieg die Zahl 2018 auf 41. Worin liegt Ihrer Meinung nach der Grund für den Anstieg? Das hat viele Gründe, da Gewalt an Frauen ja nicht beim Mord beginnt, sondern viel früher. Es ist die Missachtung im Kleinen, der Micromachismo des Alltags bis zur Bedrohung, vom Stalking bis hin zur psychischen Gewalt, die dann in die physische Gewalt umschlagen kann. Nur in den wenigsten Fällen taucht körperliche Gewalt sofort auf. Die österreichische Gesellschaft ist viel patriarchaler als sie sich selber gerne sieht. Auch wenn an der Oberfläche viel herumgeschminkt wird, um ein anderes Bild entstehen zu lassen: Die gesetzliche Lage in Österreich ist nicht optimal. Viel zu viele Täter kommen mit geringen Strafen davon, wenn überhaupt ein Verfahren eingeleitet wird. Das hat zur Folge, dass viele ÖsterreicherInnen nicht daran glauben, dass sie die Justiz verteidigt oder schützt. Deshalb verschweigen sie ihre traumatischen Erfahrungen meist auch. Das wiederum bestärkt die Täter in ihrem Glauben, dass sexuelle Gewalt ein Kavaliersdelikt ist. Als wir mit meinem Dokumentarfilm „Martas Koffer“, in dem es um eine Frau geht, die den Mordanschlag ihres Ex-Mannes überlebt hat, durch Österreich gefahren sind, haben uns viele Frauen ihre persönlichen Erfahrungen mitgeteilt. Es ist wirklich erschreckend, wie viele Geschichten von sexuellen Übergriffen, Misshandlungen, Stalking oder sogar Vergewaltigungen wir gehört haben. Ein Teil der Frauen hatte versucht, die Übergriffe anzuzeigen, stieß aber bei der Polizei oder in der Familie oft auf Desinteresse oder Unverständnis. Viele Frauen haben ihre traumatischen Erlebnisse nie zur Anzeige gebracht oder anderen erzählt, weil sie weder Vertrauen in die Justiz noch in ihr Umfeld hatten. Ich habe den Eindruck, dass sexuelle und geschlechtsspezifische Gewalt in Österreich großteils nach wie vor wenn nicht toleriert, so doch totgeschwiegen wird.

Was können Sie zur Situation in anderen europäischen Ländern, in denen die Opferzahl niedriger ist, sagen? Ich lebe schon seit vielen Jahren in Spanien, einem Land, das im Kampf gegen Gewalt an Frauen als vorbildlich gelten darf. Schon seit vielen Jahren wird dieses Thema als eines der zentralen Probleme der Gesellschaft betrachtet und so, besonders auch von der Presse und der Politik, behandelt. Das strenge Gesetz in Spanien („Ley integral contra la violencia de género“, 2004) gilt als eines der fortschrittlichsten der Welt und hat gezeigt, dass eine rigorose Justiz sehr positive Früchte trägt. Da geht es vor allem um schnelle Reaktion ganz am Anfang, wenn die Gewalt zum ersten Mal auftritt. Als Resultat ist ein zunehmender Rückgang an Feminiziden zu beobachten. Im Vergleich zu Österreich sind es fünf Mal so wenig. Wenn beispielsweise in einem kleinen Ort ein Mord an einer Frau passiert, dann gibt es eine gemeinsame Kundgebung am Dorfplatz, um sich mit dem Opfer zu solidarisieren und zu signalisieren, dass Gewalt an Frauen alle angeht. Am 8. März haben Millionen spanischer Frauen gestreikt, auch um gegen jede Art der Gewalt an Frauen zu protestieren. Ebenso berichtet die spanische Presse verantwortungsbewusst und ist längst über die Verharmlosung, die in Österreich immer noch gang und gäbe ist, hinaus. Gemeinsam mit den Opferschutzorganisationen und der Regierung wurde ein „Decálogo“, ein Dekalog ausgearbeitet, wie über geschlechtsspezifische Gewalt korrekt berichtet werden soll. Niemals wird von „Familientragödie“ oder „Verzweifelter Ehemann dreht durch...“ etc. geschrieben, Formulierungen, in denen bereits die Entschuldigung des Täters in der Überschrift steckt.

Wie gehen Medien in Österreich mit familiärer bzw. Gewalt an Frauen um? Als ich vor sechs Jahren meinen Dokumentarfilm „Martas Koffer“ gedreht habe, war der Umgang der österreichischen Presse mit diesem Thema, mit einigen wenigen Ausnahmen, noch unglaublich rückständig. Wir veröffentlichten damals eine Statistik die zeigte, dass in Österreich umgerechnet doppelt so viele Frauen von ihren Partner und Expartnern getötet wurden wie in Spanien. Niemand ist explizit auf diese Statistik eingegangen. Mittlerweile ist die Zahl gestiegen und immer noch geht die Reaktion der meisten Medien über sensationsorientierte Schlagzeilen nicht hinaus. Abgesehen davon, dass das Thema meist unter „Sonstiges“ oder „Chronik“ zu finden ist, wird weiterhin oft nur oberflächlich und den Täter entschuldigend geschrieben. Vor kurzem las ich in einer österreichischen Publikation einen Artikel über einen Mord an einer Frau, der mit einem Satz des Täters endete: „Ich hätte sie nicht umgebracht, hätte sie mich die Kinder sehen lassen.“ Das ist eine absolute Katastrophe, das so stehen zu lassen. Da wird das Opfer zum Täter gemacht und umgekehrt. Viele JournalistInnen sind sich offensichtlich noch immer nicht bewusst, welch negativen Einfluss diese Art der Kommunikation auf die LeserInnen hat. Es braucht hier ein radikales Umdenken. Die Presse muss sich ihrer Verantwortung stellen. Frivolität bei diesem Thema ist absolute Verantwortungslosigkeit. Glücklicherweise hat sich in den letzten Monaten einiges getan und einige Medien lassen auch eine andere, modernere und differenziertere Berichterstattung zu. Wir sind aber weit davon entfernt, dass die Presse eine wirkliche Hilfe im Kampf gegen Gewalt an Frauen darstellt. Ich hoffe, der Film trägt ein bisschen dazu bei.

Es fällt auf, dass bei Verbrechens- oder Gewaltdelikten in den Medien oft explizit auf die Herkunft des Täters verwiesen wird, vor allem, wenn er oder sie AusländerIn ist. Von Politik wie von Medien wird das Problem der Gewalt in unserer Gesellschaft oft auf die steigende Zuwanderung geschoben. Es wird von einer gewissen Presse auch bewusst so kommuniziert, in dem man immer nur dann prominent über Gewalt an Frauen berichtet, wenn es sich um Zuwanderer handelt. Das ist ein absolut rassistisches Vorgehen und für mich abstoßend. Österreich verzeichnet laut Bundeskriminalamt auf die Bevölkerung umgerechnet doppelt so viele Morde an Frauen wie Deutschland, hat aber dieselbe Zuwanderungsstruktur. Darüber sollte es einen breiten öffentlichen Diskurs geben.

Julia Franz Richter als Lena, © Robert Staudinger

Paul, der Täter im Film, kommt aus einer gebildeten, bürgerlichen Schicht, wird als sensibler Künstler gezeigt, von dem man nie erwarten würde, dass er gewalttätig gegenüber Frauen ist. Warum haben Sie diese Figur gewählt? Für mich war es besonders wichtig zu zeigen, dass Gewalt an Frauen in allen Gesellschaftsschichten vorkommt. Renate Hoyas, eine bekannte Juristin und Expertin zu diesem Thema, hat mir einmal gesagt, wenn in einem Gemeindebau eine Frau misshandelt wird, dann hören das alle Nachbarn. Wenn das aber in einer Villa passiert, dringen die Schreie nicht hinaus. Ein passendes Bild dafür, dass gerade in finanziell gehobenen Verhältnissen Gewalt an Frauen einem extremen Tabu unterliegt. Nur ganz selten dringt sie an die Öffentlichkeit. Es ist weiters ein bequemes Klischee zu glauben, dass Gewalt an Frauen eine Sache der unteren Schichten oder der Zuwanderer ist. Eines ist klar: Je isolierter eine Frau und je abhängiger von ihrem Partner, desto ungeschützter ist sie. Interessant ist hierbei auch, dass nach einer erst kürzlich veröffentlichten Statistik aus 2012, also lange vor der Flüchtlingswelle, die Zahl der Frauenmorde in Österreich fast so groß war wie 2018. Dann ging die Zahl zurück und stieg in den Folgejahren schnell wieder an. Die Gründe für diese Schwankungen sollten untersucht werden. Das Abschieben des Problems auf die steigende Zuwanderung ist in jedem Fall ein rein rassistisches Argument, das nicht der Faktenlage entspricht.

Paul lebt getrennt von Irene, weil er gewalttätig gegen sie geworden ist. Man erlebt sie als selbstbewusste Frau, die fest im Alltag als Alleinerzieherin steht. Und dennoch kommt sie nicht von dem Mann los, der sie brutal misshandelt hat. Wie lässt sich das erklären? Bereits in „Martas Koffer“ habe ich die vielen Gründe, warum eine Frau zu ihrem Gefährder zurückgeht, thematisiert. Meist handelt es sich um Abhängigkeiten finanzieller, psychologischer oder emotionaler Natur. Auch der Druck des persönlichen Umfeldes, der Familie oder der Gesellschaft, kann den Ausschlag geben. Frauen werden von diesem Umfeld nur zu oft „schuldig gesprochen“, wenn eine Beziehung auseinander geht, dass sie ihrer Rolle nicht entsprechen würden oder entsprochen hätten. „Sie sollte ihrem Mann in dieser schwierigen Situation beistehen.“, heißt es da oft. Marta, die misshandelte Frau in meinem Film, erlebte das in ihrer eigenen Familie. Ich kenne solche Fälle aber auch in Österreich. Meine Mutter zum Beispiel war sehr intolerant mit Frauen, die sich von ihren Männer trennten. Sie konnte das aber nicht erklären. Es war eine Frage ihrer katholischen Erziehung. Angst, Scham und fehlendes Selbstwertgefühl nach langer Missachtung und erlittener Gewaltspirale spielen ebenfalls eine Rolle. Wir müssen uns klar darüber sein, wie leicht Frauen in diese Situation kommen können. Wichtig ist es, dass man diese Frauen unterstützt und nicht dafür beschuldigt, weil sie zurückgegangen sind. Nur Solidarität, Unterstützung und Sicherheit können dem Opfer einen Weg aus der Gewalt ermöglichen.

Es geht im Film bzw. bei diesem Thema immer auch um männliche und weibliche Rollenbilder. Während Paul zu wissen scheint, wie er zu sein bzw. was er darzustellen hat, scheint sein Sohn Robert stark verunsichert, nicht nur in seiner Rolle als Sohn, sondern auch als Mann. Warum? Robert ist in einer ganz besonders schwierigen Situation, weil er seinen Vater einerseits bewundert und liebt, andererseits für das, was er getan hat und tut, hasst und fürchtet. Robert ist gefangen und gefesselt von den traumatischen Erinnerungen, die ihn immer wieder einholen. Er quält sich lange mit der Frage, wie er seinen Vater wirklich sehen soll. Wer ist dieser Mann wirklich? Der abstoßende Gewalttäter oder der faszinierende Komponist und liebevolle Papa? Paul wiederum versucht seinen Sohn zu manipulieren und zum Vergessen zu zwingen, anstatt ihn zu unterstützen. Das geht nur kurze Zeit gut. Ein Gewalttrauma kann nicht durch Verdrängung beseitigt werden.

Eine Umkehr der Beziehungsstruktur findet auch bei Irene und ihrer Tochter Lena statt, die sich um ihre Mutter sorgt und glaubt, diese beschützen zu müssen. Ein zentrales Thema im Film sind die Auswirkungen von erlebter Gewalt auf die nächste Generation. Beide Jugendliche im Film haben schon als Kinder Gewalt miterlebt und das hat sie geprägt. Es gibt grundsätzlich zwei Reaktionen auf erlebte Gewalt: Verdrängung, was meist eine Wiederholung des Gewaltmodells mit sich bringt, oder Überwindung des Traumas durch Bewusstmachung und Widerstand. Beides wird im Film behandelt. Oft kommt es auch zur Rollenumkehr, denn manchmal sind es die Kinder, die ihre Mutter unterstützen und gegen den Gewalttäter schützen müssen. Sie übernehmen also die Rolle, die eigentlich den Eltern zukommt. Das bedeutet aber eine große Belastung für ihre eigene Persönlichkeitsentwicklung.

Österreich hat ein gutes Netzwerk an Opferschutz- und hilfseinrichtungen. Wie sieht es mit der Täterarbeit aus? Auch in der Täterarbeit gibt es sehr gute Projekte sowohl in der Männerberatung als auch in Tätertherapien und Anti-Gewalt Training. Wie immer fehlt es aber an genügend Mitteln, um eine wirklich tiefgreifende Arbeit leisten zu können. Die ProfessionistInnen sind durchwegs sehr gut. Ich kenne beispielsweise die Projekte von Annemarie Siegl (Anti-Gewalt Training/Gewaltschutzzentrum) in Graz oder Harald Burgauner (Männerwelten) in Salzburg. Sie sind im Ansatz unterschiedlich aber beide sehr erfolgreich. Wichtig ist, denke ich, vor allem auch präventiv zu agieren. Also schon ganz am Anfang, wenn die Gewalt bei Jugendlichen auftritt oder nach der ersten Anzeige.

Was kann von Seiten der Politik in Österreich durch gesetzliche Maßnahmen noch verbessert werden? Die gesetzliche Lage in Österreich ist bei Weitem nicht ausreichend. Im Unterschied zu Österreich kommt in Spanien ein Täter nach einem gewalttätigen Übergriff zuerst einmal 48 Stunden in Untersuchungshaft. Dass hilft dem Opfer, sich erst einmal in Sicherheit zu fühlen, wirkt aber auch als Abschreckung für viele potentielle Aggressoren. Auch die Betretungs- und Annäherungsverbote werden schneller und effektiver eingesetzt. Bei Stalking und gefährlicher Drohung kann es ebenfalls zu Untersuchungshaft kommen. Primär ist in Spanien der Schutz der Betroffenen zentral und nicht die Nachsicht mit dem Täter. Elektronische Fußfesseln werden zunehmend zur Überwachung von Gefährdern eingesetzt. In der Novelle von 2018 wurden nun auch die Kinder als Betroffene und Opfer deklariert. Dadurch haben sie ein Anrecht auf Schutz und Entschädigung. In Österreich steht darüber hinaus meist im Vordergrund, woher die Opfer und Täter sind, so als wäre ein Täter aus dem Ausland viel schlimmer als ein Österreicher. Diese Differenzierung verunsichert vor allem auch österreichische betroffene Frauen, weil ihr Gefährder ja nicht dem Profil des „bösen Täters“ entspricht, schließlich ist er ja kein Ausländer. Klassifizieren heißt hier verharmlosen. Die österreichischen Gewalttäter wollen sich oft auch nicht als Täter sehen, weil sie dem von der Presse produzierten Klischee ja nicht entsprechen. „Bei mir ist das etwas ganz anderes. Ich bin ja kein Moslem. Ich habe nichts gegen Frauen. Bei mir war wirklich sie Schuld.“ sind gängige Ausreden österreichischer Täter. Das Schlimme ist hier, dass das dann oft vom Umfeld auch geglaubt und mitgetragen wird. In Spanien gibt es zusätzlich speziell ausgebildete Richter zum Thema geschlechtsspezifische Gewalt. Das zahlt sich aus. Der österreichische Weg der zurückhaltenden, oft laxen Justiz ist vollkommen gescheitert. Das zeigt sich an den erschreckenden Zahlen. Österreich ist traurige westeuropäische Spitze.

Was kann von Seiten der Gesellschaft getan werden, was kann jeder von uns im Alltag tun? Erstens nicht zusehen, wenn wir in unserem Umfeld oder auf der Straße psychische oder physische Gewalt an Frauen oder verachtendes Verhalten miterleben. Und das beginnt in der eigenen Familie, wo oft weggesehen wird, wenn man bei Verwandten respektloses Verhalten einer Frau gegenüber beobachtet. Zweitens betroffene Frauen unterstützen, indem man ihnen zuhört, indem man ihnen Mut macht, die Gewaltbeziehung zu beenden und den Täter anzuzeigen etc. und drittens jede Solidarität mit Tätern verhindern. Paradoxerweise ist die Solidarität mit Tätern immer noch viel höher als die mit den Opfern. „Das kann ich mir nicht vorstellen. Er ist doch ein so netter Kerl.“ ist immer noch viel verbreiteter als „Ich glaube ihr.“ Und viertens sich gegen die bewusst verbreiteten Klischees wehren, die ein Täterprofil verbreiten, das man nur in Vorstädten oder bei Migranten wiederfindet. Gewalt an Frauen gibt es überall. Meist haben die Betroffenen aber Angst, darüber zu reden, daher muss gerade das Umfeld zuhören und ihnen Vertrauen schenken. Jede dritte österreichische Frau hat irgendwann in ihrem Leben sexualisierte Gewalt erlebt. Auch wenn jemand gut verdient, viel liest, regelmäßig ins Theater und stilvoll essen geht, heißt das noch lange nicht, dass es in seinem Umfeld keine Gewalt an Frauen gibt. Es darf keine Toleranz für jede Art der Missachtung oder der Gewalt Frauen gegenüber geben, sei sie physisch oder psychisch. Und das beginnt in der eigenen Familie oder beim gemeinsamen Abendessen unter Freunden.


Ab 29. November österreichweit im Kino.
zum Trailer

 

Madame Wien

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