Zwischen Aufsteirern und Ausbrechen

Andrea, das Gipskind, mit einer spät behandelten Hüft-Fehlstellung, wächst auf einem Bauernhof in den 1960er-Jahren auf. Sie passt nicht ins System. Wo ihre Arbeitskraft sowie körperliche Vorzüge beim Tanzen, Singen oder schöne Augen machen gefragt wären, hat sie Defizite. Kopfarbeit, Sprachgewandtheit und Eigensinn sind nicht vorgesehen. Liebe ist Luxus. Einzig die Oma, die sich im Leben selbst nichts aussuchen durfte, ergreift für die Enkelin Partei und unterstützt sie in der Selbständigkeit.

Langsam macht sich Andrea auf den eigenen Weg, emanzipiert sich. Setzt auch bei Androhung von Gewalt ihren Willen durch, geht weiter in die Schule, statt einen Lehrberuf zu ergreifen, nimmt einen Richtersohn statt einem Bauernsohn als Freund, hört Schallplatten statt Regionalsender und trägt Abendkleid statt Dirndl.

Ihre Schwächen verwandelt sie in Stärken und profitiert letztlich immer wieder von der bäuerlichen Herkunft. Die Enge und Unterdrückung sprengt sie beharrlich auf und behält die Nerven. Es ist erfreulich, ihr dabei über 330 Seiten zu folgen und mitzufiebern. Die Autorin Gabriele Kögl wird mit diesem Werk in eine Ecke mit Annie Ernaux und Didier Eribon in Frankreich gerückt. Und in der Realitätsnähe der Verhältnisse, der möglichen Lebensziele, der Verstrickung mit der NS-Zeit und der vorgezeichneten Entwicklungsmöglichkeiten stimmt das für die Zeit in der Weststeiermark sicher.

Oder um es mit Konstantin Wecker zu sagen, den Andrea gerne hört:
„Wenn der Sommer nicht mehr weit ist
Und der Himmel violett,
Weiß ich, dass das meine Zeit ist
Weil die Welt dann wieder breit ist…“


Gipskind
von Gabriele Kögl

336 Seiten
Picus Verlag 2020
25 Euro


© Beitragsbild: Paul Feuersänger

Astrid ist Wienerin, Working Mum, Wählerin, wählerisch, mag Menschen, Worte und Wale.

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