Swing. Dance to the right

werk x , Madamewien, Madamewien.at
Swing. Dance to the right fotografiert von Gerhard Breitwieser

Im Werk X geht wieder mal so richtig die Post ab. In einem infernalischen Mix aus Sprache, Musik und Tanz fühlt Martin Gruber mit seinem mehrfach ausgezeichneten aktionstheater ensemble den aktuellen politischen Entwicklungen in Österreich und Europa auf den Zahn.

Analog zur Tatsache, dass Populismus von einer bewusst herbeigeführten Spaltung der Gesellschaft lebt, spalten sich auch die Schauspieler auf der Bühne:
One step to the left …“, meint die eine Hälfte. Eine Versöhnung scheint nur noch im gemeinsamen Tanz möglich zu sein. Zur Musik von Andreas Dauböck gehen sie so richtig ab, meist gleichgeschaltet und synchron. Nur manchmal fällt einer ein wenig aus der Reihe.

M lebt mit ihrem Partner in der Großstadt und sehnt sich nach einem Häuschen auf dem Lande. I ist auf der Suche nach dem einen Partner fürs Leben. Einem einzigen. N der Vortänzer, der leader, findet das gut. S kann einfach nicht mit allen MigrantInnen und will das endlich einmal sagen. N findet das gut. M kann mit allen, auch mit S, die nicht mit allen kann. N findet auch das gut. 

Wenn die kritische Zivilgesellschaft in eine Art Bewegungsstarre verfällt, ist Theater wie dieses unverzichtbar. Unerbittlich und aufrüttelnd sind die 65 Minuten, das Publikum ist ausgeliefert, allein schon durch die räumliche Nähe: die Bühne geht direkt bis zur ersten Reihe. Diese ist überhaupt begünstigt, sie darf sich auf ausgeteilten Zetteln wünschen, was als nächstes  am Programm des aktionstheater ensemble stehen wird. Die eilig in einer Wahlurne wieder eingesammelten Zettel werden willfährig aussortiert, das Ergebnis scheint schnell festzustehen, verkündet wird es nicht:  „Sie haben sich entschieden, nach der Wahl geht nichts mehr“, brüllt N, der leader.

Man hätte sich beim aktionstheater ensemble vorgenommen, und das sei bitte bereits im letzten Programm angekündigt worden, im Falle eines Rechtsrucks der europäischen Politik nur noch Unterhaltsames zu produzieren. Der slicke Feschak proklamiert eloquent immer weiter und fegt mit Dauergrinser und großem Tanztalent über die Bühne. 

Synchrones Hüftschwingen, gut choreografierter Gleichschritt, bestens im Takt, immer schön eng zusammen und dazu Geschichten von Pinguinen. Unterhaltsam eben. Was die einzelnen Tänzer so bewegt, geben sie laut oder leise, cool, aufgeregt oder frustriert von sich, nur N ist immer gut drauf und findet alles fein.

Es scheint, als tanzten sie sich mit Lust in den Abgrund, unaufhaltsam. Das Publikum schaut dabei zu, macht- und fassungslos. Die Parallelen zur Gegenwart darf es eigenständig ziehen, damit wird es vom Regisseur und seinem Ensemble wohl mit voller Absicht alleingelassen. Recht geschieht ihm.


Der Regisseur Martin Gruber gründete 1989 das aktionstheater ensemble, das seither zu den erfolgreichsten Theatergruppen Österreichs zählt. In den letzten Jahren entwickelte Gruber eine Arbeitsmethode, die er „verdichtete Bestandsaufnahme“ nennt, das heißt, es geht nicht um das Kopieren der Realität, sondern um ihre – auch poetische – Verdichtung.

Mit dieser Arbeitsmethode wagt das aktionstheater ensemble in seinen Aufführungen den Spagat, die Schlachtfelder des Lebens nicht nur aufzuzeigen und wirksam nachempfinden zu lassen, sondern vielmehr den Erfahrungsraum aufzustoßen, was denn diese Schlachtfelder beim Einzelnen zurücklassen.


WERK X
aktionstheater ensemble

Nini Tschavoll
Nini fotografiert, schreibt und bloggt digital.
Mag aber auch analog noch immer.

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