Wien ist von zeitloser Größe

Matthias Strolz fotografiert von Stefan Knittel

Name: Matthias Strolz, geboren 1973 in Bludenz, aufgewachsen in Wald am Arlberg, studierte Wirtschafts- und Politikwissenschaften, gründete eine Partei (NEOS) und war Politiker, ist heute von Beruf laut Eigendefinition Gärtner des Lebens, Unternehmer und Autor, wohnt in Mauer bei Wien


Er zog sich tagelang in den Wald zurück, um Klarheit zu bekommen. "Visionquest" wird diese Praxis genannt, im ethnologischen Sinn eine spirituelle Suche nach Visionen und Schutzgeistern. In der Nacht, allein, war da die uralte Angst vor der Dunkelheit, der er sich stellen wollte. Er liebt Bäume, manchmal umarmt er sie deswegen innig. Er hebt seine Flügel, um zu fliegen. Vor seinem Rücktritt aus der Politik fühlte er sich wie ein Pfeil in einem Bogen: angespannt und bereit, eine neue Richtung einzuschlagen.

Über all das spricht Matthias Strolz bemerkenswert offen und schafft dazu Bilder im Kopf. Die Liebe zu großen Gesten in der Sprache hat einst ein kluger Onkel in ihm geweckt. In seiner Kindheit spazierten sie gemeinsam durch den Wald, als ein Hirsch aus dem Unterholz brach. Wie schön und wortgewaltig der gelernte Philosoph das Ereignis kommentierte, beeindruckte den damals Achtjährigen nachhaltig. Hirsche kreuzen bei unserem Gespräch während eines Spaziergangs im Naherholungsgebiet Maurer Wald nicht unseren Weg, dennoch wird es wortreich und reflektiert. Hierher kommt Matthias Strolz oft um zu sporteln, abzuschalten und Energie zu tanken, während das Handy zuhause liegen bleibt.

Die bildgewaltigen Sager von Matthias Strolz, oft auch während Parlamentsdebatten pointiert abgesetzt, sind Legende. Musikalisch aufbereitet hat sie der Musiker Kurt Razelli (besonders gelungen hier). In einer flammenden Rede vor dem UNO Generalsekretär Ban-Ki-moon bereitete er den Regierungsmitgliedern ein Wechselbad aus Belustigung und Fremdschämen.

Damals wie heute nimmt Strolz sich kein Blatt vor den Mund, wenn ihm in der Tagespolitik etwas gegen den Strich geht. Doch wenn er heute kommentiert oder in den Social Media postet, macht er dies als Privatperson, nur sich selbst verantwortlich. „Das Recht dazu nutze ich, auch wenn manche finden, ich hätte meine Chance gehabt und soll eine Ruh' geben. Aber seine Meinung zu äußern ist das Recht des freien Bürgers. Er ist das Fundament des Staats“, erklärt Strolz, der sich auch nach dem Rückzug ins Privatleben als durch und durch politischen Menschen sieht, vehement.

Trotzdem will er in der zweiten Hälfte seines Lebens nicht mehr soviel kämpfen. „Jetzt will ich fließen, mit allem was ich kann und bin. Es gibt für mich so viele Möglichkeiten, einzufließen. Ich will nicht mehr den ganzen Tag aufs Handy schauen, Meetings, Termine. Jetzt möchte ich einfach einmal mehr 'sein' als 'müssen'. Wir sind sowieso genügend in Sachzwänge gebettet. Mir ist meine Rolle als Vater und Ehemann sehr wichtig, damit muss auch der Rest gut vereinbar sein. Sieben Jahre lang ging das gut, aber irgendwann waren die Energiereserven aufgebraucht und meine Familie hätte Schaden genommen, wenn ich weiter in der Politik geblieben wäre." Heute ist ihm das noch viel klarer als vor ein paar Jahren.

Er hatte Angebote, sowohl politische als auch in der Wirtschaft, schildert er die Zeit nach seinem Ausstieg: „Ich habe alles abgelehnt, weil ich jetzt leichtes Gepäck will.“ Zu Jahresanfang schulterte er den Rucksack und reiste zwei Wochen allein durch Asien. Das ist Teil des Deals mit seiner Frau. Mehr Familie, mehr Präsenz aber auch gewisse Freiräume, „das gilt selbstverständlich für uns beide. Meine Frau ist Künstlerin, auch sie braucht ihre Freiräume.“ Die Familie empfindet er als Kraftquelle. „Während der Coronakrise war und ist es natürlich auch anstrengend und nicht frei von Konflikten mit drei schulpflichtigen Kindern“, schildert der Familienvater aus dem Alltag mit seinen Töchtern. „Aber in der Nacht einen Blick auf die friedlich schlafenden Kindergesichter zu werfen, gehört für mich zum größten Glück, das ich empfinden kann.“

Wie beurteilt er die Cornonakrise? „Viele Menschen hatten doch in den letzten Jahren das Gefühl, es ist was faul, da stimmt was nicht in unseren Systemen. Auch der Wohlstand hat Licht und Schatten. Wir können das Geld nicht fressen. Es war wenig Phantasie da, wie wir den Affenzahn, den wir gefahren sind, entschleunigen können. Und plötzlich wird die Stopptaste gedrückt, große Pause! Ich denke, es gab eine diffuse Sehnsucht nach einer Krise. Natürlich ambivalent und als Verwechslung. Denn es war wohl die Sehnsucht nach mehr Stimmigkeit, mehr Balance, mehr Sinn."

Das alles rumore jetzt in unserer Gesellschaft. "Viele waren nach den ersten Schockmomenten über die Entschleunigung erfreut. Diese Freude ist klarerweise trügerisch, denn der wirtschaftliche Schaden wird uns die kommenden Jahre begleiten und auch Schmerz und Elend bedeuten. Bei den meisten ist das noch emotional weggedrückt, in der ganzheitlichen Wahrnehmung noch nicht integriert.“ Viele von uns hätten das ‚ größer, schneller, weiter‘ mitgemacht, allzu vieles sei immer obsessiver, überdrehter und ungesunder geworden, meint Matthias Strolz. „Mal schauen, wo wir jetzt landen. Da ist vieles offen. Und das sage ich als exzessiver Typ, denn auch ich komme in meinem Leben immer wieder zu schnell in ein zu hohes Tempo.“

Seit vielen Jahren beklemmt es ihn, „dass wir das Bruttoinlandsprodukt (BIP) als zentrale Steuerungsgröße in der Gesellschaft haben. Das BIP freut sich höllisch, wenn du einen Autounfall hast: je größer der Blechschaden, umso größer der Jubel seitens des BIP. Das BIP hat schon seine Berechtigung, aber nicht absolut.“ Seinen Vorschlag für einen ganzheitlichen Wohlstandsindikator brachte er schon 2014 ein. Es handelt es sich um ein Set von 36 Indikatoren, darunter Bildung, Umwelt, Soziales, Rechtsstaatlichkeit, die Wirtschaft, alle statistisch erhoben. „Das ist kein esoterischer Bullshit, das ist eine harte Währung. Angenommen, wir würden innerhalb der Europäischen Union damit in einen Wettbewerb treten, würden wir in der Gesellschaft zu ganz anderen Verhaltensmustern kommen. Die Publikationen zur Glücksforschung füllen ganze Säle. Aufgabe der Politik ist es, Rahmenbedingungen zu schaffen, damit sich das individuelle und das kollektive Glück erhöht. Es ist keine Raketenwissenschaft und keine seichte Phantasie. Neuseeland und Schottland haben damit begonnen, die UNO hat einen Sustainability-Index. Es tut sich was auf der Welt und ich fände es großartig, wenn auch Österreich mit vorne dabei wäre. Ein Glücksministerium halte ich für eine großartige Idee.“

Strolz ist Realist genug um zu wissen, dass das vorerst ein frommer Wunsch bleibt, auch wenn er im Kleinen schon Ansätze erkennen kann: „In Lustenau gibt es eine Schule, die hat als Unterrichtsfach ‚Glück‘ eingeführt, das ist toll! Die Frage, wie ich immer wieder ins Glück kommen kann, denn es ist ja auch flüchtig, halte ich für zentraler als die Frage der Beistrichsetzung. Ich wäre unbedingt für ein Schulfach ‚Life Skills‘. Da geht es um kritisches Denken, Selbstführung, Kreativität, Verantwortung, Freiheit und all das, was uns im 21. Jahrhundert beschäftigt.“

Auch das Thema Scheitern beschäftigt den Unternehmer seit geraumer Zeit. Für den Sender Puls 4 hat er Anfang des Jahres sechs Folgen der Fuck-up Show aufgezeichnet und dabei von bewegenden Schicksalen erfahren. Da ist etwa Gregor, der als Jugendlicher während seiner Maturareise ins Wasser springt und mit einer schweren Wirbelsäulenverletzung im Rollstuhl landet. Der erst nur noch sterben will, dann aber sein Leben in die Hand nimmt und heute glücklicher Familienvater ist. Oder Erich, der mit zwei amputierten Beinen auf Prothesen den Ironman macht. Besonders berührt hat Strolz das Schicksal eines alten Mannes, der sein Leben lang gerne Schauspieler gewesen wäre. Nach einem Schlaganfall mit 70 erholte er sich und bewarb sich als Statist beim Film. Heute hat der 72 jährige als Komparse in über 200 Filmen mitgewirkt.

„Ich dachte mir: Wenn der Mann das kann, soll mir keiner kommen mit 30 oder 40 Jahren, der sich aufgibt. Es geht immer weiter. Trauer, Wut und Ärger darf sein. All das werden wir auch jetzt mit der Coronakrise erleben, diesem riesigen Fuck-up. Aber irgendwann sollten wir wieder übernehmen. Wir sollen Emotionen zugestehen, dass sie Teil von uns sind, denn in jedem von uns ist Licht und Schatten. Aber wir dürfen uns nicht von Angst, Aggression, Niedertracht oder Hass dauerhaft dirigieren lassen.“

Grundsätzlich findet der Macher es besser, nicht Passagier, sondern der Pilot seines eigenen Lebens zu sein. Ein Buch dazu veröffentlichte er im Brandstätter Verlag. „Ich würde jedem anraten, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Natürlich gibt es auch bei mir mal einen Tag, an dem ich wie ein toter Hund auf der Couch abhänge und durch die TV Kanäle zappe. Solche Tage hat wohl jeder, das gehört zum Leben dazu. Was ich nicht mag, ist, wenn Leute mit großem Selbstmitleid die Schuld im Außen suchen und sich als Opfer äußerer Dynamiken sehen. Manche Leute schreiben mir, ich hab leicht reden. Hm, kein Leben ist nur einfach. Zum Glück gab es bisher in meinem Leben keine ganz großen Tragödien. Trotzdem habe ich auch Schicksalsschläge in der Familie erlebt und kleinere Fuck-ups, bin dem Tod als Jugendlicher ein paar mal von der Schaufel gesprungen, habe einen Bandscheibenvorfall. Kein Leben ist leicht und manche trifft es leider auch härter. Dann wieder aufzustehen, dazu gehört Mut. Solche Menschen kommen zu mir in die Sendung.“

Ein weiteres Buch kam dieser Tage über story.one auf den Markt. Die von Matthias Strolz mitgegründete Plattform bietet Platz für Geschichten aus dem Leben. Jeder kann dort seine persönlichen Geschichten posten, maximal 2500 Zeichen lang dürfen sie jeweils sein. Wer es gerne haptisch hat, lässt sich mit ausgewählten Storys und Bildern ein Buch drucken. Strolz selbst hat in seinem neuen Buch Kraft und Inspiration für diese Zeiten 17 Stories gesammelt. Darin widmet er sich den großen und den kleinen Fragen des Lebens, schreibt über das Loslassen, Verletzlichkeit, Angst, aber auch Schönheit, Anmut und Berufung.

Welches Flugzeug fliegst du eigentlich als Pilot? Eine Cessna, einen Airbus? Ich hab kein Bild von einem Modell, ich fliege tatsächlich das Leben. Mit Fahrzeugen oder Flugzeug-Modellen fange ich nicht viel an. Wenn sich einer an einem schnittigen Auto freut, bitte. Ich freu mich genauso über Pommes frites. Oder darüber, wenn ich bei meiner Lesung in einer Buchhandlung interessierte Leute kennen lerne. Eine Buchhandlung berührt mich definitiv mehr als eine Autohandlung. An Flugzeugen interessiert mich, dass sie sich in der Luft halten (lacht).

Welche Plätze magst du besonders in Wien? Die größte Geborgenheit finde ich im Wald, ich wohne ja am Stadtrand. In der Stadt selbst hat das Museumsquartier großartige Vibes. Ich mag es, wie die Häuser (Leopold, Mumok) positioniert sind. Auch direkt vor dem Dom am Stephansplatz stehen finde ich wirklich schön. Und die Figuren auf dem Kunsthistorischen und dem Naturhistorischen Museum in der goldenen Abendsonne zu sehen, raubt mir immer noch den Atem.

Nutzt du das kulturelleAngebot der Stadt? Ich habe ein hohes Level an Grundversorgung, da ich beruflich oft eingeladen werde. Meist zur Eröffnung von Ausstellungen oder zu Konzerten. Da stört mich dann auch nicht, dass mich die Leute kennen. Ich kann das sehr gut ausblenden und mich voll auf die Sache konzentrieren.

Bist du ganz in Wien angekommen? Ja, ich fühle mich als Wiener. Auch wenn es als 15-Jähriger noch nicht in meinem Denkradius vorkam. Gleich nach dem Studium in Innsbruck hat es mich hier her gezogen. Ich hatte in Wien schon Büros an zehn verschiedenen Adressen. Kürzlich war ich mit meiner Familie in der Stadt. Wir hatten ein paar Wege zu erledigen und ich fuhr an der Capistrangasse, am MQ, über die Museumstrasse und am Schottentor vorbei. Ich erzählte den Kindern, dass ich hier überall schon Büros hatte. Und dann stehen wir vor dem Parlament und ich sag mir selbst ganz ungläubig, da drin hab ich auch schon gearbeitet. Das pack ich nach wie vor nicht.

Du bezeichnest dich auch gerne als Gärtner deines Lebens. Hast du eine Lieblingsblume? Der Enzian, der erinnert mich sehr an meine Kindheit in den Bergen.

Gibt es Filme, die dein Leben begleiten? Jetzt nicht mehr so, aber es gibt Filme, die für Lebensphasen stehen. Zwei Beispiele: Als Teenager habe ich mit meinen Schwestern mehrmals 'Dirty Dancing' gesehen. Das war zwar als Bub uncool, aber er hat mir gefallen. Später, während meinem Auslandsjahr in Dublin, kam 'Pulp Fiction' heraus, den haben wir gefeiert, ein völlig schräger Film.

Hast du für uns eine Buchempfehlung? ‚Der Prophet‘ von Khalil Gibran ist für mich immer wieder eine Macht. Er malt Bilder in einer Wortgewalt, die mich fasziniert.

Was möchtest du Wien ausrichten? Bleib soviel und erkenne noch mehr deine Größe! Wien ist groß, das anerkennen wir zu selten. Wir sind nicht mehr eine der dominierenden Weltstädte wie vor gut 100 Jahren, aber wir haben Größe, die zeitlos ist.


Website Strolz

 

Nini schreibt, fotografiert und bloggt digital.
Mag aber auch analog noch immer.
Stefan besitzt keinen Blitz, dafür hat er den Blick fürs Wesentliche. Meistens fotografiert der Wiener Fotograf Menschen, die etwas zu erzählen haben. Er liebt Tageslicht, Fahrradfahren und den Wienerwald.

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